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Benefizkonzerte für die Ukraine sind superwichtig - trotz Corona

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Von: Christian Kisler

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Montage: Fans beim Benefizkonzert „We Stand with Ukraine“ im Wiener Ernst-Happel-Stadion, Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst ebenda
Bilderbuch waren eines der Highlights beim Benefizkonzert „We Stand with Ukraine“ im Wiener Ernst-Happel-Stadion. © Johannes Ehn/APA-PictureDesk/BuzzFeed Austria

 „We Stand with Ukraine“, „Stimmen für den Frieden“, „YesWeCare“: Innerhalb kürzester Zeit sind zahlreiche Benefizkonzerte für die Ukraine aus dem Boden gestampft worden. Trotz des guten Zwecks sparten einige nicht mit Kritik. Die aber ist entbehrlich. Meine 2Cents dazu.

Tagtäglich erreichen uns neue Nachrichten vom von Wladimir Putin angezettelten Angriffskrieg gegen die Ukraine. Tagtäglich sind mehr Menschen auf der Flucht, tagtäglich wird die Lage jener Menschen schwieriger, die in ihrer Heimat geblieben sind. Tagtäglich steigt das Bedürfnis, zu helfen, und das ist in Österreich zum Glück derzeit noch stark ausgeprägt. Freiwillige bereiten warme Mahlzeiten zu, sie bieten sich am Wiener Hauptbahnhof als Dolmetscher:innen an, sie bieten Geflüchteten ein Dach über dem Kopf.

Die Regierung richtet Ankunftszentren mit Notunterkünften und medizinischer Versorgung ein, die ersten ukrainischen Kinder besuchen bereits österreichische Schulen. Der Status wird für die neu ankommenden Menschen von „Flüchtlinge“ auf „Vertriebene“ geändert, somit sind sie berechtigt, in den hiesigen Arbeitsmarkt einzutreten. Mittlerweile sind drei Millionen Ukrainer:innen auf der Flucht, Tendenz steigend. 200.000 Menschen sollen in Österreich zumindest vorübergehend landen, so viele wie seit 1945 nicht mehr.

Benefizkonzerte eignen sich perfekt zum Sammeln von Spenden

Da ist Hilfe gefragt, auch in finanzieller Form. Spenden werden über „Nachbar in Not“, die Caritas Österreich, die „Volkshilfe“ oder die „SOS Kinderdörfer“ gesammelt. Benefizveranstaltungen eignen sich dafür besonders gut. Wer nur ansatzweise schon einmal selbst zu der zweifelhaften Ehre gekommen ist, eine Veranstaltung organisieren zu müssen, weiß, mit wie viel Aufwand das verbunden ist. Dagegen, was etwa die Menschen hinter den Benefizkonzerten „We Stand with Ukraine“, „Stimmen für den Frieden“ und „YesWeCare“ innerhalb kürzester Zeit auf die Beine gestellt haben, ist eine Schulaufführung oder ein Gig für die eigene Band ein Lercherlschas.

Da kann ich nur den Hut ziehen. Das bis dato größte Event dieser Art hat gerade eben stattgefunden. Zu „We Stand with Ukraine“ im Wiener Ernst-Happel-Stadion pilgerten am Samstag, dem 19. März 2022, in Summe über 40.000 Menschen, um unter anderem Wanda, Bilderbuch, Josh, Mathea, Ina Regen, Turbobier, Seiler und Speer, Pizzera und Jaus, Mavi Phoenix, Yung Hurn oder Eli Preiss gemeinsam mit Bibiza zu sehen. Bundespräsident Alexander van der Bellen hielt eine Rede, Kurt Ostbahn, ursprünglich als Headliner gedacht, fiel coronabedingt aus.

Womit wir beim Kern der Kritik wären, die gab es tatsächlich. Nicht etwa, dass die Tickets schlappe 19,91 Euro kosteten, als Verweis auf das Jahr, an dem die Ukraine unabhängig wurde. Auch nicht, dass die Einnahmen an „Nachbar in Not“ und die „Volkshilfe“ gingen. Und nicht, dass 810.337 Euro eingenommen wurden, die seitens der Bundesregierung verdoppelt wurden - die so nebenbei auch die Produktionskosten von 80.000 Euro übernahm.

Kritik an Benefizkonzerten ist ein internationales und altes Phänomen

Aber wir wären nicht in Österreich, hätte die Neidgesellschaft nicht wieder ihr hässliches Gesicht gezeigt - wobei Kritik an Benefizkonzerten ja ein internationales Phänomen ist. Und auch kein neues. Das beginnt beim Konzert für Bangladesch 1971 und hört bei Life Aid 1985, der Mutter aller großen Shows für den guten Zweck, nicht auf. Die auftretenden Künstler:innen würden den jeweiligen Anlass nur dafür nützen, um ihr Ego zu streicheln und Werbung für sich machen, den Besucher:innen wäre Sinn und Zweck egal, Hauptsache, sie können feiern. Und überhaupt, dadurch würde sich der Lauf der Dinge auch nicht ändern.

Neu im Programm der Kritiker:innen: COVID-19. Es sei verantwortungslos, 40.000 Menschen bei „We Stand with Ukraine“ im Ernst-Happel-Stadion auf einem Haufen zu versammeln. Das sei ein vorprogrammiertes Super-Spreader-Event. Tatsächlich machte von den am Eingang verteilten FFP2-Masken in Blau und Gelb, den Farben der Ukraine, kaum jemand Gebrauch. Aber: Das Benefizkonzert fand nun einmal in Wien statt, wo im Gegensatz zum restlichen Österreich nach wie vor die 2G-Regel gilt, auch bei Großveranstaltungen - im Gegensatz vom ebenfalls von Ewald Tatar organisierten Nova-Rock-Festival, bei dem es keinerlei Maßnahmen geben soll. Nach zwei Jahren Pandemie war das für viele jedenfalls das erste Mal seit Ewigkeiten, sich wieder einmal im großen Stil gehen zu lassen. Und: Die Nachtgastronomie ist auch geöffnet, da treffen zwar nicht 40.000 Menschen auf einmal aufeinander, aber - außerhalb Wiens - ohne jeglichen Nachweis erbringen zu müssen. Was ich für wesentlich gefährlicher, ja sogar fahrlässig halte.

Das Finale mag mit den John-Lennon-Klassikern „Give Peace a Chance“ und „Image“ sowie sämtlichen Mitstreiter:innen des Abends versammelt auf der Bühne ein wenig kitschig geraten sein. Der Zweck heiligt allerdings mitunter die Mittel. Und als am Abend die gesammelte Summe von 810.337 Euro bekannt gegeben wurde, gab es nichts mehr zu meckern. Geld stinkt manchmal eben doch nicht, vor allem wenn es denen zugutekommt, die alles verloren haben. Und was das Künstlerische anbelangt: Bilderbuch sind immer noch vor allem live eine Macht. Dem hatte an diesen zehn Stunden sonst niemand etwas entgegenzusetzen.

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