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Ja, es stört mich, wenn Menschen meinen Körper kommentieren - egal, ob sie es nett meinen oder nicht

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Von: Emily Erhold

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Frau geht mit BH die Straße entlang. Auf ihrem Brauch steht „Love Yourself“.
Unser Körper ist ständig im Fokus. © Tayfun Salci/Zuma Wire/Imago

Jedes Mal, wenn jemand mein Äußeres kommentiert, fühle ich mich schlecht - egal ob es sich um Bodyshaming oder ein Kompliment handelt.

Ich fühle mich dann immer genau so, wie ich mich als Teenagerin gefühlt habe, wenn mein Körper Thema war: Unwohl.

„Gut schaust du aus“: Unser Äußeres steht im Fokus

Es ist irgendwie logisch, dass unser Äußeres ständig beachtet wird. Immerhin ist es das Erste, das andere von uns wahrnehmen. „Gut schaust aus“, sagen wir gerne, wenn wir eine Person länger nicht gesehen haben. „Neue Frisur?“, fragen wir dann, wenn wir wissen, dass sich irgendetwas an der Person verändert hat, aber wir uns nicht sicher sind, was genau. Wir kommentieren gerne das Outfit oder das Make-up einer Person. Solange niemand beleidigt wird, sind diese Alltagssituationen auch harmlos.

Problematisch wird es aber dann, wenn es um den Körper geht. Der wird nämlich nicht nur ständig beachtet, sondern auch ständig und überall bewertet. Im Extremfall kommt es sogar zu Body Shaming. „Sobald Menschen sich abwertend über den Körper, die Figur oder das Gewicht einer anderen Person äußern, spricht man von Body Shaming“, erklärt mir die psychologische Psychotherapeutin Julia Tanck.

Egal, ob dick, dünn, kurvig oder androgyn. Der Fokus auf den menschlichen Körper ist allgegenwärtig. In der Werbung, auf Social Media, sogar in der eigenen Familie entkommen wir körperbezogenen Kommentaren nicht. Auch ich musste in meinem Leben bereits unzählige Bemerkungen zu meiner Figur oder meinem Aussehen einstecken.

Ein „Hast du abgenommen?“ kann sehr unangenehm sein

Dabei waren diese Kommentare eigentlich meist wertfrei oder sogar nett gemeint. „Hast du abgenommen?“, fragte mich letztens eine Freundin ganz trocken. „Ich weiß es nicht. Wäre mir nicht aufgefallen“, lautete meine Antwort. In Wahrheit war es mir aber schon längst aufgefallen. In letzter Zeit fühle ich mich in meinem Körper nicht sehr wohl. Ich bin nicht so fit wie früher und auch gesundheitlich lässt mich mein sonst sehr verlässlicher Leib immer öfter im Stich. Dass diese Veränderung auch nach außen hin sichtbar ist, war mir in diesem Moment sehr unangenehm.

Ich erinnerte mich sofort daran, wie meine Mutter ständig meinen Körper kommentierte, als ich ein Teenager war. An den Oberschenkeln müsste ich etwas abnehmen, sagte sie zu meinem 15-jährigen Ich. Nur an den Oberschenkeln, wohlgemerkt! How, Mom? Tell me, how? Sie machte sich einmal sogar Sorgen, weil „meine Kniekehlen nicht so aussehen“ wie bei anderen Menschen. Hier möchte ich betonen, was für eine großartige Person meine Mutter ist und, dass ihr nie bewusst war, wie schädlich diese Kommentare für eine junge Person sein können. Trotzdem haben sie mich damals extrem verletzt und das nagt auch heute an mir. Psychotherapeutin Julia Tanck erklärt mir, wieso:

In Bezug auf die Pubertät kann Body Shaming besonders verletzend sein und negative Folgen mit sich bringen, da die Jugendlichen sich in dieser Zeit in einer Phase befinden, in der körperliche Veränderungen passieren und sich die eigene Identität entwickelt. Ausgeprägte Abwertungen und spöttische Kommentare in Bezug auf den Körper können zu erheblichen Verunsicherungen in Bezug auf die eigene Identität, den Selbstwert und das Körpergefühl führen.“

Julia Tanck, Psychologische Psychotherapeutin

Ich rede nicht gerne über meinen Körper

Trotz der negativen Kommentare in meiner Jugend, hatte ich eigentlich nie ein schlechtes Verhältnis zu meinem Körper (oder meiner Mom, keine Sorge!). Es gibt Zeiten, in denen ich mich körperlich besser fühle und es gibt Zeiten wie jetzt, in denen es schlechter aussieht. Aber auch, wenn ich mich in meinem Körper wohlfühle, spreche ich nicht gerne über ihn. Der krankhafte Fokus unserer Gesellschaft auf diesen Teil unseres Daseins nervt mich gewaltig. Egal, ob total durchtrainierte Insta-Models oder mit Glitzer verzierte Cellulite. Ja, auch der Body Positivity Trend auf Social Media ist mir einfach viel zu viel Body Talk.

Dabei hat der Body Positivity Trend, der seinen Ursprung übrigens in den 60er-Jahren hat, durchaus etwas Positives. Er ist eine Gegenbewegung zum in unserer Gesellschaft noch immer vorherrschenden Streben nach dem perfekten Körper. Wie Julia Tanck erzählt, verbessert das unsere Zufriedenheit:

Heute sind zahlreiche ‚Body Positivity‘-Accounts in den sozialen Medien vertreten. Auf diesen Accounts publizieren vor allem mehrgewichtige Frauen Bilder ihres Körpers, die bewusst nicht dem Schlank-Muskulositätsideal entsprechen. Erste Studien zeigen, dass die Konfrontation mit mehrgewichtigen und diversen Körperformen zu verbesserter körperlicher Zufriedenheit bei den Betrachter:innen beiträgt.

Julia Tanck, Psychologische Psychotherapeutin

Auch nett gemeinte Kommentare können verletzend sein

Zufrieden bin ich mit meinem Körper ja, zumindest meistens. Trotzdem fühle ich mich immer unwohl, wenn er Thema ist. Selbst dann, wenn mir jemand ein Kompliment machen möchte. „Den Körper anderer ungefragt zu kommentieren ist eine Grenzüberschreitung und kann daher für Betroffene sehr verletzend erlebt werden“, erklärt mir Julia Tanck. Und das gilt eben auch dann, wenn man es nett meint. „Auch nett gemeinte Kommentare sind Bewertungen des Körpers. Niemand hat das Recht, mich aufgrund meines Körpers zu beurteilen. Nett gemeinte Kommentare vermitteln zudem die Botschaft, dass mein Wert als Mensch von meinem Körper abhängt“, so Tanck.

Ich wurde schon sehr oft in meinem Leben gefragt, ob ich abgenommen hätte. Einmal sagte die Mutter einer Freundin zu mir: „Du bist so schlank - super.“ Gefreut habe ich mich nicht darüber. Ich fühlte mich eben einfach nur unwohl. Julia Tanck erklärt mir, dass solche Aussagen implizieren, dass eine Person besser ist, wenn sie dünn ist. Kein Wunder also, dass ich nicht mehr über meinen Körper reden möchte. Der hat nämlich überhaupt nichts damit zu tun, dass ich leiwand bin. Das liegt ganz einfach an meiner Persönlichkeit.

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