1. BuzzFeed.at
  2. News
  3. Meinung

Österreich sollte sich beim Buchstabieren ein Beispiel an Deutschland nehmen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sophie Marie Unger

Kommentare

Deutschsprachige Buchstabiertafel
Deutschland hat eine neue Buchstabiertafel, Österreich nicht - was sagt uns das? © Christoph Soeder/APA-Picturedesk

In Deutschland gilt seit knapp zwei Wochen eine neue gendergerechte, entnazifizierte Buchstabiertafel. In Österreich nicht.

„Okay, ich wiederhole: Sigfried, Cäsar, Heinrich, Otto.“ Zugegeben, gebe es solch eine Buchstabierhilfe nicht, wäre ich wohl viel öfter während eines Telefonats peinlich berührt im Boden versunken. Sie hat also schon ihre Berechtigung. Doch ihre Entstehungsgeschichte ist nicht so unabhängig und neutral, wie man zunächst vielleicht denken mag. Im deutschsprachigen Raum hat sie klare historische Schwachstellen und ist alles andere als zeitgemäß. In Deutschland hat man das nun erkannt und eine neue Tafel entwickelt. Doch was ist mit Österreich und wo liegt das Problem?

Buchstabiertafel: genderungerecht und diskriminierend

In Deutschland und Österreich wurde bis vor Kurzem und mit wenigen Abweichungen (in Deutschland benutze man für X Xanthippe und in Österreich Xaver) die gleiche Buchstabiervorlage verwendet. Was viele nicht wissen: Sie war, was Gender und Historie anbelangt, sehr problematisch. 16 Männernamen standen dabei sechs Frauennamen gegenüber - nicht unbedingt ausgeglichen und schon gar nicht genderneutral. Diskriminierend war die Tafel auch deshalb, weil sie nicht alle relevanten ethnischen und religiösen Gruppen der Gesellschaft ausgewogen darstellte.

Nationalsozialistischer Bezug

Sieht man sich die Entstehung der Buchstabiertafeln genauer an, wird klar, dass in ihren Anfängen einiges richtig gut gelaufen ist. Denn zunächst wurden den Buchstaben überhaupt nur Zahlen zugeordnet. Das war dann doch zu verwirrend, weshalb man die störungstolerantere Namen-Alternative einführte. Kritisch wurde es dann vor allem während des NS-Regimes. Die Nationalsozialisten ersetzten alle jüdischen Vornamen (David, Jacob, Nathan, Samuel und Zacharias). Bei der Vergabe von Nordpol war es besonders drastisch, da dieser für sie als der Herkunftsort der Arier galt.

Deutschland handelt, Österreich nicht

Genau jene Begriffe fanden sich bis heute in der deutschsprachigen Buchstabiertafel wieder. Schon echt heftig, oder? Das dachte sich wohl auch das Deutsche Institut für Normung (DIN). Es hat nämlich auf Anregung des Antisemitismusbeauftragten Baden-Württembergs die Vornamen nun durch Städte ersetzt. Seit rund zwei Wochen gilt daher: K wie Köln oder B wie Berlin. Die ungleiche Namensverteilung entsprach aus Sicht des Instituts „nicht der heutigen Lebensrealität“. Hierbei soll vor allem der migrantisch geprägten Gesellschaft Rechnung getragen werden. Zudem kündigte das Institut an, symbolisch zusätzlich eine weitere Tafel zu veröffentlichen, die auf die Weimarer Republik zurückgeht und jüdische Vornamen enthält.

Österreich streicht Buchstabierhilfe

Und was macht Österreich inzwischen? Wortwörtlich nix. Die ÖNORM, die ja nahezu der deutschen Norm beim Buchstabieren entsprach, wurde 2019 vom Austrian Standards International (vormals Österreichisches Normungsinstitut) ersatzlos zurückgezogen. Weiß man also, dass sie problematisch war? Ja. Tut man aktiv was dagegen? Nein. Denn wie so oft rettet sich die Regierung über die österreichische Lösung hinweg. Um es ja allen recht zu machen, streicht man die Norm, damit es keine große öffentliche Debatte gibt und lässt es dann halt einfach so. Ein Blick nach Deutschland hätte bereits genügt, um mitzuziehen oder wenigstens darüber zu beraten. Auch zwei Wochen nach der Veröffentlichung der neuen Tafel hat in Österreich wohl kaum jemand das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Find ich schade!

Auch interessant

Kommentare