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Cancel Culture kann zur Waffe werden

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Von: Emily Erhold

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Bildmontage: Annalena Baerbock und Alma Zadic.
Annalena Baerbock und Alma Zadic mussten sich schon öfters mit einem Shitstorm auseinandersetzen. © Michael Kappeler/ DPA/photonews.at/Imago/BuzzFeed Austria

Ein:e Politiker:in macht einen Fehler: Schon gibt es einen Shitstorm. Rücktrittsforderungen und Beleidigungen bewirken aber vor allem Ablenkung von eigentlichen Inhalten.

Ein Lacher zum falschen Zeitpunkt, ein falsches Wort, Tweets aus der Jugendzeit: Alles Gründe, die bereits zu einem Shitstorm gegen Politiker:innen geführt haben.

Cancel Culture: Inhalte werden gelöscht

Die wohl wichtigste Frage für Journalist:innen ist: „Was ist eigentlich die G‘schicht?“ Soll heißen: Um was geht‘s eigentlich und wieso interessiert das die Leute? Gerade wenn es um politische Berichterstattung geht, ist das wichtig. Denn abseits von Selbstdarstellung der Politiker:innen und Wahlkampf-Inszenierungen sollte es bei der Politik ja im Wesentlichen um Menschen und das Zusammenleben in einer Gesellschaft gehen. Inhalte sollten bei den Bürger:innen ankommen und von den Medien auch so vermittelt werden.

Blöd nur, dass auf der großen politischen Bühne oftmals nur auf der Meta-Ebene diskutiert und dabei jedes Wort von politischen Gegner:innen, von Medien oder von Internet-User:innen auf die Waagschale gelegt wird. Das Resultat: Ein Shitstorm, bei dem sich die Beteiligten warm anziehen sollten. Der Hass im Netz ist anonym und deswegen rau, kalt und oftmals überwältigend. Jeder Fehltritt kann zu einem riesigen Shitstorm führen. Es ist eine Cancel Culture, die vor allem eines cancelt: Inhalte.

Beleidigungen gegen Politiker:innen

Der damalige CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet lacht, während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Juli 2021 den Flutopfern in Nord-Rhein-Westfalen sein Mitgefühl ausspricht. Schlechtes Timing, denn die Fotografen halten den Moment für immer fest. Es braucht auch nicht lang, bis die Aufnahmen auf Social Media geteilt und von User:innen zerpflückt werden. Schnell wird die Kanzler-Qualität Laschets infrage gestellt - wegen eines zeitlich unpassenden Lachers. Das Netz kritisiert (zurecht) das unpassende Verhalten des Politikers. Doch während man von einem Kanzlerkandidaten wirklich mehr Professionalität erwarten könnte, scheint der Fehltritt mehr Aufmerksamkeit zu bekommen als die tatsächlichen Inhalte der CDU. Laschet wird zur Lachfigur. #Laschetlacht trendet auf Twitter. Auch nach der Wahl bleibt die Geschichte in Erinnerung. Die Themen im Wahlkampf? Eher weniger.

Ähnlich geht es der damaligen Grünen Kanzler-Kandidatin und heutigen Ministerin des Auswärtigen Amtes Annalena Baerbock. In einem Interview mit dem Zentralrat der Juden erzählt sie eine Geschichte, in der es darum geht, dass ein Schüler sich weigert, ein Arbeitsblatt zu schreiben, weil darauf das N-Wort steht. Im Zuge ihrer Nacherzählung spricht die Politikerin aber selbst die rassistische Bezeichnung aus - ein Fehler, auf den sie noch vor der Veröffentlichung des eigentlichen Interviews auf Twitter aufmerksam macht, sich entschuldigt und ankündigt, das Wort bei der Veröffentlichung ausblenden zu wollen, um rassistische Sprache nicht zu reproduzieren.

Gleich darauf entfacht ein vor allem von rechts dominierter Shitstorm, der das Vorgehen der Politikerin als „Selbstzensur“ kritisiert. Die Diskussion entwickelt eine Eigendynamik. Baerbock und das N-Wort sind tagelang in den Medien. Baerbock, die zu diesem Zeitpunkt bereits an Shitstorms gewöhnt ist, wird erneut zur Geschichte. Die Inhalte der Grünen rücken in den Hintergrund.

Auch Baerbocks Parteikollegin Sarah-Lee Heinrich muss sich früh mit Shitstorms auseinandersetzen. Als sie im Oktober 2021 Bundessprecherin der Grünen Jugend wird, werden alte Tweets von ihr ausgegraben. Als Teenagerin schrieb sie etwa „Heil“ unter ein Hakenkreuz, benutzte „schwul“ und „behindert“ als Beleidigungen. Ein Fehltritt - keine Frage. Doch sie ist nicht die einzige, die in ihrer Jugend Fehler gemacht hat. Der Unterschied: Sie ist nun Politikerin, die sich als Grüne genau gegen eine solche diskriminierende Sprache positioniert. Als Schwarze Frau fällt sie zudem genau in das Feindbild ihrer politischen Gegner:innen. Der Shitstorm lässt also nicht lange auf sich warten. Noch bevor die junge Grüne mit ihren Inhalten Schlagzeilen machen kann, geht es um ihre Jugendsünden.

Auch in Österreich gibt es nicht nur Schönwetter. Hierzulande müssen sich Politiker:innen auch mit Shitstorms auseinandersetzen. Dazu braucht es oft nicht einmal einen Fehltritt. Im Fall der Grünen Justizministerin Alma Zadić reicht schon ihr Migrationshintergrund, um Beleidigungen und Morddrohungen gegen ihre Person zu erhalten. Auch ihre Partei-Kollegin Sigrid Maurer muss sich immer wieder mit Hass im Netz auseinandersetzen.

Der Shitstorm als Waffe: Ein Ablenkungsmanöver

Durch die Dynamik in sozialen Medien kann so ein Shitstorm zu einem großartigen Ablenkungsmanöver werden. Statt politischer Inhalte wird die Person selbst zur Geschichte. Um was es eigentlich geht, rückt in den Hintergrund. Ein falscher Lacher oder ein Versprecher: Das ist die G‘schicht. Wer mit welchen Inhalten Wahlkampf macht: Das ist Nebensache. So kann Cancel Culture von politischen Gegner:innen im Internet ganz schnell als Waffe verwendet werden.

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