1. BuzzFeed.at
  2. News
  3. Meinung

Mit dem Ende von gotv war‘s das endgültig mit Musikfernsehen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christian Kisler

Kommentare

Montage: Alte Röhrenferseher
Mit dem Aus von gotv ist das Ende des Musikfernsehens endgültig besiegelt. © Panthermedia/Imago/Martin Schroeder/ChromOrange/APA-PictureDesk

Mit 1. Juni ist gotv nach fast 20 Jahren Geschichte und die heimische Medienlandschaft um einen Fernsehsender ärmer. Musik-TV ist damit endgültig tot. Meine 2Cents dazu.

Die wenigsten werden sich daran erinnern, aber: Es gab eine Zeit vor YouTube. Eine Zeit, in der nicht jedes Video deiner Lieblingssänger:innen, -musiker:innen oder -künstler:innen mehr oder weniger sofort verfügbar war. Eine Zeit, in der lineares Fernsehen noch Standard war, Disneyfilme nur im Kino zu sehen waren und Amazon nur ein besserer Online-Buchhändler war. Von Netflix ganz zu schweigen. Als noch MTV und VIVA das Um und Auf waren, wenn du wissen wolltest, wie dieser Supersong nicht nur klang, sondern auch ausschaute. Vor allem MTV prägte aufgrund seiner langjährigen Alleinherrschaft auf dem Gebiet unser aller Vorstellung davon, wie so ein Musikvideo überhaupt auszusehen hatte - und schuf damit eine ganze Industrie. VIVA ist längst Geschichte, MTV ist entgegen seinem Namen seit Ewigkeiten alles andere als ein Musik-TV-Sender, sondern eine Abspielplattform von Dating- und Realityshows. Und „SpongeBob“. Was immerhin ein seltener Lichtblick sein kann.

Vor knapp 20 Jahren, im Oktober 2002, ist mit gotv ein Fernsehsender in der österreichischen TV-Landschaft aufgetaucht, der tatsächlich nichts anderes wollte, als Musikvideos abzuspielen. Sonst nix. Keine Shows, keine Serien, nicht einmal Moderator:innen wurden eingesetzt. Beiträge, wenn es einmal welche gab, wurden von einer Stimme aus dem Off kommentiert. Perfektes Wall-Paper-TV also, das, ähnlich einem Radiosender, weniger aufmerksames Zusehen einforderte als eine perfekte Berieselung im Hintergrund darstellte. Wobei das tatsächlich ein wenig von der Tageszeit abhing: Untertags massenkompatible Chartsmucke, am Abend das, was man hierzulande als „FM4-Musik“ bezeichnet, also alles, was auch nur ansatzweise „alternative“ klingt.

gotv band seine Zuseher:innen ins Programm mit ein

Getreu dem eigenen Motto, „be part of it“, band gotv zumindest in den Anfangsjahren die Zuseher:innen vermehrt ins Programm ein, ließ sie Filme und Games rezensieren sowie von Festivals berichten. Immer lustig, wenn man jemanden sah, den oder die man vom Fortgehen kannte. Spott und Hohn waren der Person sicher. „Hosted by“ war ein weiterer Fixpunkt: Mehr oder weniger bekannte Künstler:innen stellten ihre Lieblingsvideos vor, wobei eine Zeit lang verdächtig oft „Ashes to Ashes“ von David Bowie zu sehen war. Toller Song, immer noch. Aber trotzdem: Hmmm.

Als junger Mensch hab ich gotv tatsächlich mit Begeisterung geschaut, mache Künstler:innen dort das erste Mal gesehen, egal, ob sie mir zugesagt haben oder nicht. Über die Jahre ist es immer weiter in den Hintergrund getreten, YouTube war als Möglichkeit, Musikvideos zu schauen, einfach besser, weil ein endloser Quell. Außerdem hat es auf gotv nie einen Relaunch gegeben. Niemals. Nie. Was am Anfang angenehm improvisiert ausgesehen hat, quasi damaliger state of the art, wirkte irgendwann nur noch überholt und gestrig. Das stilisierte Fernsehkastl mit Gesicht nervte irgendwann dann doch sehr.

Das Aus von gotv macht mich irgendwie traurig

Die Meldung, dass gotv nach fast zwei Jahrzehnten am 1. Juni um 3 Uhr in der Früh den Sendebetrieb einstellen würde, hat mich trotz aller Vorhersehbarkeit aber doch ein wenig traurig gemacht. Irgendwie war es ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, ein Anker einerseits, andererseits hoffnungslos altmodisch. Erstens: Wer schaut heute noch lineares Fernsehen? Eben. Zweitens: Wer guckt sich einfach so eine Stunde lang Videos an, ohne zu wissen, welches als nächstes kommen könnte? Die Gefahr, wegzuzappen ist riesengroß. Dass das auch in Sachen Werbung nicht mehr so funktionieren hat können, ist nicht weiter verwunderlich.

Zum Abschied hat auch das Logogesicht eine Träne bekommen. Geschäftsführer Thomas Madersbacher hat nur trocken ausrichten lassen: „Es geht sich nicht mehr aus. Die Fixkosten übersteigen die Erlöse. (...) Es war uns immer ein großes Anliegen, einen positiven Beitrag zum Musikgeschehen zu leisten und österreichischen Bands eine Plattform zu bieten.“ Außerdem zeigt sich gotv in einer entsprechenden Aussendung realistisch: „Die Zukunftsperspektive für lineares Musikfernsehen für ein junges Zielpublikum ist nicht mehr ausreichend gegeben. (...) Jetzt ist wirtschaftlich ein guter Zeitpunkt, mit dem Sendebetrieb aufzuhören.“ Auch ein vorhersehbarer Tod schmerzt. Erste vor Kurzem wurde bekannt, dass es auch mit dem Bürger:innenfernsehen Okto bald ein Ende haben könnte. Das Aus von gotv wird jedenfalls eine Lücke hinterlassen, wie groß, das wird sich erst zeigen, das kann man jetzt noch gar nicht wirklich ermessen.

Auch interessant

Kommentare