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Ich bin mittlerweile nur noch genervt von Marvel-Superheld:innen

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Von: Mika Engelhardt

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Bildmontage: Ausschnitte aus den Marvel-Filmen „Captain America“ und „Spider-Man: No Way Home“
Marvel-Superheld:innen lassen unseren Autor ziemlich kalt. © Marvel/OTS Chuck Zlotnick/ Everett Collection/APA-PictureDesk/BuzzFeed Austria

Neues Jahr, neuer Marvel-Content: Jetzt ist der Trailer zur Serie „Moon Knight“ erschienen und wird im Netz gefeiert. Mich lässt das aber ziemlich kalt. Hier sind meine 2Cents:

Es gibt wohl aktuell in Hollywood nichts, was besser funktioniert als Superheld:innen-Content. Jedes Jahr erscheinen mehr Filme à la „Aquaman“ oder „The Batman“, auch im Fernsehen und bei Streaming-Anbietern dominieren „The Umbrella Academy“ oder „The Boys“ und über all diesen Dingen thront das Marvel Cinematic Universe, kurz MCU genannt. Was der Produzent Kevin Feige einst mit „Iron Man“ begann, hat sich zur erfolgreichsten Filmreihe aller Zeiten entwickelt und bringt mittlerweile drei bis vier Filme und ebenso viele Serien pro Jahr hervor. Jeder neue Film ist ein weltweites Event, zuletzt eindrucksvoll bewiesen von „Spider-Man: No Way Home“, der gerade trotz Pandemie fleißig auf der Leiter der erfolgreichsten Filme aller Zeiten nach oben klettert.

Profitieren tun von dieser Masse an Content auf den ersten Blick die Fans, zu denen auch ich mich eigentlich zähle. Kommt eine neue Folge von „Hawkeye“ raus, stelle ich meinen Wecker eine Stunde früher, um sie noch vor der Arbeit sehen zu können. Erscheint ein neuer Film, sitze ich im vollen Kino in der Mitternachtspreview. Aber trotzdem bin ich danach meistens enttäuscht und mittlerweile fast nur noch genervt von Superheld:innenzeug, ganz besonders von Marvel. Denn so wie ich das sehe, stirbt die Marke gerade einen langsamen, kreativen Tod. Und wenn man es so betrachtet, profitieren plötzlich gar nicht mehr die Fans, sondern nur die Leute hinter den Kulissen, denen es um möglichst viel Geld geht.

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Fangen wir aber bei „Moon Knight“ an. Der Trailer ist frisch erschienen und verspricht, einen ganz neuen Helden vorzustellen. Der Trailer ist düster und endet damit, wie der Titelheld einen CGI-Bösewicht brutal zusammenschlägt. In den Kommentaren überschlagen sich die Fans mit Enthusiasmus. „This delivers a new kind of flavor of Marvel storytelling. So hyped for March!“, schreibt zum Beispiel ein User bei YouTube, für ihn hat der Ansatz des Trailers also voll und ganz funktioniert. „This is like nothing we‘ve got from marvel before“, schreibt jemand anderes.

Die Fan-Erwartungen sind also klar: „Moon Knight“ soll und wird einen düsteren Ast des MCU einführen. Aber als jemand, der diese Filme und Serien seit dem Start verfolgt, kann ich über solche Ideen nur noch lachen. Denn wenn wir in den letzten fast 15 Jahren etwas über das MCU gelernt haben, dann, dass Risiken dort nicht auf dem Programm stehen

Mit dem Minimum durchkommen

Das MCU gehört zu Disney, dem wahrscheinlich bekanntesten Filmstudio aller Zeiten. Disney ist eine Marke mit ganz eigenen Werten, beispielsweise müssen alle Inhalte, die von dort kommen, familienfreundlich sein. Schließlich soll nicht nur der Film oder die Serie Geld einbringen, zusätzlich muss Merchandise verkauft und die Figuren im Disneyland verwendet werden. Und Geld steht natürlich immer im Vordergrund. Zudem will Disney niemandem auf den Schlips treten und macht so einen Bogen um kontroverse Themen. Das merkt man zum Beispiel bei LGBTQIA+-Figuren, die selten bis nie explizit auftreten dürfen, weil den Filmen sonst in einigen Ländern noch immer eine Sperrung droht. Diese ganzen Einschränkungen sind natürlich eine krasse Beschneidung der Kreativität und das zeigt sich auch bei Marvel immer stärker.

„Moon Knight“ ist dafür wahrscheinlich sogar das beste Beispiel. Der Protagonist ist ein Mann mit multiplen Persönlichkeiten, der sich in einen brutalen Superhelden verwandelt. So brutal, dass selbst der Bösewicht Taskmaster, der seine Feinde imitiert, sich in den Comics nicht traut, Moon Knights Moves nachzuahmen. Und die Behandlung von Themen wie Multiple Persönlichkeitsstörung sind sowieso immer ein heißes Eisen und schon vielen Filmen und Serien auf die Füße gefallen.

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Glauben wir also ernsthaft, dass Marvel und Disney, die darauf aus sind, familienfreundliche und wenig kontroverse Unterhaltung zu schaffen, die Brutalität und die Psyche dieser Figur wirklich in Angriff nehmen? Viel wahrscheinlicher ist Folgendes: Die erste Folge von „Moon Knight“ wird verhältnismäßig düster und ernst für das MCU. Fans und Kritiker:innen überschlagen sich vor Freude und Lob und rufen eine neue Ära für Marvel aus. Und ab Folge zwei entwickelt sich die Serie immer mehr in Richtung Standard-MCU, aber alle sind immer noch zu euphorisch, um das zu merken. Soll heißen: viel Fanservice, unpassend viele Witze und ein übertriebenes CGI-Finale, dem jede Menschlichkeit fehlt. Herzlichen Glückwunsch und willkommen bei Marvel, wo wir eine gewinnbringende Formel nicht mehr verändern und mit einem Minimum an Kreativität Lorbeeren einheimsen.

Was soll der Fanservice?

Mit dem Start der vierten Phase des MCU nach „Spider-Man: Far From Home“ im Jahr 2019 hat sich der Fokus des MCU merklich verändert. Einerseits kamen 2021 erstmals Serien dazu, in denen aber meist nur Nebengeschichten erzählt oder neue Figuren eingeführt werden. Die Serien sind vor allem wichtig, damit Disney mit Disney+ ordentlich Geld machen kann. Andererseits wurde das Multiversum geöffnet, was weitreichende Folgen für die gesamte Story haben wird. Aber vor allem ist es für Marvel die Möglichkeit, möglichst viele Cameos und Gastauftritte in jeden neuen Film, jede neue Serie zu pressen. Worüber haben sich die Leute unterhalten, als „Spider-Man: No Way Home“ herauskam? Na klar, die (SPOILER!!!) Rückkehr der altbekannten Spider-Men Andrew Garfield und Tobey Maguire.

Karten auf den Tisch: „Spider-Man: No Way Home“ war in meinen Augen ziemlicher Müll, und zwar weil all Beteiligten sich auf den Cameos ausgeruht und sich dann gar keine Mühe mehr mit der Story gegeben haben. Selten hatte ich mehr das Gefühl, ein Produkt zu sehen, keinen Film, in den jemand Herzblut gesteckt hat. Das MCU ist eine Gelddruckmaschine, klar, aber kann das nicht trotzdem etwas schöner verpackt werden? Die Antwort, so fürchte ich, ist ein schallendes Nein. Denn die meisten Leute scheinen sich mit gleichförmiger CGI-Action und Easter Eggs zufriedenzugeben. Und davon werden sie noch mehr bekommen.

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Wenn im Mai „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ erscheint, winken und nicht nur altbekannte Figuren, sondern auch neue Versionen dieser Figuren, X-Men und die Fantastic Four. Das sorgt natürlich für coole Momente im Kino. Als ich „No Way Home“ gesehen habe, wurde geschrien und geklatscht. Aber gleichzeitig saß ich auch da und dachte mir, dass die Fans mit solchen Momenten einfach nur ruhiggestellt und davon abgelenkt werden sollen, dass storytechnisch eigentlich gar keine Entwicklung mehr stattfindet. Fanservice und Easter Eggs sind cool, aber sie ersetzen nicht die kreative Arbeit der Filmemacher:innen. Das macht keinen guten Film aus. Und diese Lektion hat Marvel irgendwie verpasst.

Keine Kreativität? Kein Problem!

Dass Marvel-Content einer gewissen Formel folgt, ist ja erstmal kein Problem. Die Fans haben eine gewisse Erwartungshaltung, und die soll natürlich auch erfüllt werden. Aber für mich ist das keine Entschuldigung, auf der kreativen Ebene nur noch das absolute Minimum zu tun. Denn so treten die negativen Aspekte des MCU immer weiter in den Vordergrund. Das finale Drittel artet regelmäßig zu einem unansehnlichen CGI-Brei aus, der einfach keinen Spaß mehr macht. Immer mehr Figuren werden in Solofilme anderer Held:innen gepresst, weil die Erfahrung zeigt, dass dann mehr Kinotickets verkauft werden.

Die Filme gleichen sich auch stilistisch immer mehr. Marvel ist mittlerweile bekannt dafür, gerade für Actionszenen immer das gleiche Produktionsteam zu beschäftigen, sodass der/die Regisseur:in eigentlich gar nichts mehr zu tun hat und der Film am Ende ganz nach Marvel aussieht. Das finde ich richtig traurig. Fast schon empörend. Man gibt den Filmemacher:innen ja gar nicht mehr die Chance, einem Film den persönlichen Stempel aufzudrücken. „Iron Man“ oder „Thor“ hatten zu Beginn noch eine eigene Identität und einen eigenen Look, aber das weicht immer mehr dem übertriebenen Einsatz von Greenscreen und sich ähnelnden CGI-Schlachten. Das ist nicht die Richtung, in die ich mit Figuren gehen will, die ich in über zehn Jahren liebgewonnen habe.

Nochmal zu „Moon Knight“

„Aber du hast „Moon Knight“ doch noch gar nicht gesehen, du kannst gar nicht wissen, ob das anders wird“, sagen jetzt vielleicht einige von euch. Und klar, ihr habt recht. Ganz ehrlich, ich würde mich sehr freuen, positiv überrascht zu sein. Das hoffe ich jedes Mal, wenn neuer MCU-Content rauskommt. Deshalb stehe ich für die Serien ja auch extra eine Stunde früher auf. Aber auf den zweiten Blick wirkt der Trailer von „Moon Knight“ auch schon wieder gar nicht so besonders für Marvel. Witze gibt es auch hier zuhauf. Der Look ist zwar etwas düsterer, aber immer noch klar als MCU zu erkennen.

Düstere Trailer schneidet Marvel überhaupt sehr gerne, nur um dann einen Film wie alle anderen rauszuhauen. Das ist in der Vergangenheit zum Beispiel mit „Thor 2“, „Avengers: Age of Ultron“ und „Avengers: Endgame“ geschehen. Keiner dieser Filme bot am Ende die versprochene Änderung der MCU-Formel. Wir hatten auch schon eine Geschichte über eine Protagonistin mit Gedächtnisverlust auf der Suche nach ihrer Identität im MCU: „Captain Marvel“ im Jahr 2019. Auch hier geht Marvel also keine neuen Wege. Also fürchte ich doch wieder nur Versatzstücke aus alten Erfolgsgeschichten, die neu zusammengesetzt werden.

Ein paar beschwichtigende Worte zum Abschluss

Abschließend möchte ich noch einmal festhalten, dass ich den MCU-Content nicht per se als schlecht bezeichne. Einige Filme und Serien haben mir sogar richtig gut gefallen, und unterhaltsam ist das Zeug immer. Für mich ist das wie McDonald‘s. Ab und an muss es einfach sein und dann ist es auch ganz gut. Ich finde es nur sehr schade, dass so eine große und mächtige Marke uns immer wieder mit dem gleichen Einheitsbrei füttert, kaum Risiken eingeht und immer mehr auf stumpfen Fanservice setzt. Natürlich sind auch die Fans nicht ganz unschuldig daran, denn sie werfen gerade für Fanservice Disney und Marvel Unmengen an Geld in den Rachen, und Geld ist alles, was bei denen zählt.

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Aber ich möchte mich nicht mit dieser Situation zufriedengeben. Das MCU hat eine einmalige Stellung in Hollywood, als erfolgreichstes Franchise aller Zeiten. Da sollte doch eigentlich ein bisschen mehr als „Ja, das war schon ganz gut“ drin sein, oder? Ich will wieder sehen, dass richtig Arbeit hinter diesen Filmen steckt, nicht nur Rechenkraft aus dem PC. Dass es wieder gute Drehbücher gibt, dass die Story sich weiterentwickelt, dass die Figuren emotionale Momente erleben. Denn nach wie vor bin ich ja ein Fan. Aber so wie es gerade läuft, bin ich ein richtig genervter Fan.

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