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Das Innenministerium rät Frauen, „selbstbewusst“ aufzutreten: Danke für nichts

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Von: Emily Erhold

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Bildmontage: Polizist geht mit Frau und Demonstrantin hat eine Maske auf, auf der Frauenpower steht.
Anlässlich des Weltfrauentags kamen vom Bundeskriminalamt im Innenministerium Verhaltenstipps für Frauen. © Sven Simon/Bildgehege/Imago/BuzzFeed Austria

Ein Informationsblatt des Innenministeriums anlässlich des Weltfrauentags am 8. März verärgert gerade viele User:innen auf Social Media. Hier sind meine 2 Cents:

2021 gab es 29 offiziell bestätigte Femizide, also Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Die Gewalt an Frauen steigt in Österreich seit Jahren stark an. Catcalls und Street Harassment führen dazu, dass sich Frauen im öffentlichen Raum weniger sicher fühlen als Männer. Doch die Zahlen belegen eines ganz deutlich: Gewalt gegen Frauen passiert vor allem in den eigenen vier Wänden. Laut einer Studie der Entwicklungsorganisation OECD aus dem Jahr 2019 ist der Täter in mehr als der Hälfte aller weltweiten Frauenmorde ein Ex-Partner, Partner oder ein Familienmitglied.

Das Bundeskriminalamt im Innenministerium will nun anlässlich des Internationalen Weltfrauentags am 8. März nun auf das Thema Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. Dazu hat es im Rahmen der Initiative „Gemeinsam sicher“ Verhaltenstipps für Frauen ausgesendet. Richtig gelesen: Verhaltenstipps für Frauen. Die Opfer werden hier wieder einmal in die Pflicht genommen, ihr Verhalten anzupassen, damit ihnen auch ja nichts geschieht. Sehr hilfreich. Vielen Dank, liebes Innenministerium! Aber jetzt ganz ehrlich: Es ist egal, wie sich Frauen verhalten, solange wir nicht das eigentliche Problem angehen. Und das beginnt nicht einmal erst bei den Täter:innen, sondern schon in den Strukturen unserer Gesellschaft.

Das Bundeskriminalamt gibt vor, wie sich das Opfer zu verhalten hat

Jede fünfte Frau hat bereits ab ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. „Präsentieren Sie sich selbstbewusst“, lautet ein Verhaltenstipp des Bundeskriminalamt. Ich bin mir sicher, das ist nur gut gemeint. Aber jetzt frage ich mich, wie jemand darauf kommt, im Rahmen einer Initiative, die „Gemeinsam sicher“ heißt, die Verantwortung gänzlich auf das Opfer zu wälzen.

In dem „Informationsschreiben mit Verhaltenstipps im öffentlichen Raum“ steht zwar „Jede Person hat das Recht auf den Schutz der körperlichen Integrität und der persönlichen Grenzen“, gleichzeitig scheint es so, als müsse man dieses Recht erst so richtig verdienen. Hier eine kurze Randbemerkung: Solche Tipps sind per se nichts Schlechtes. Denn leider ist es nun einmal eine Tatsache, dass es auch im öffentlichen Raum zu gewalttätigen und/oder sexuellen Übergriffen kommt. Gewisse Verhaltensmaßnahmen, wie etwa das Handy ans Ohr zu halten oder den Schlüssel in der Jackentaschen zwischen den Fingern bereithalten, können zudem dazu führen, dass sich eine Person einfach sicherer fühlt.

Aber, wenn das Bundeskriminalamt gleich mehrere Verhaltenstipps für die Opfer liefert, ist das leider eine grobe Themenverfehlung. „Machen Sie sich BEWUSST, dass Vorsicht und Achtsamkeit stets geboten sind“, ist ein netter Ratschlag, aber im Endeffekt genauso hilfreich, wie in der Corona-Pandemie die Leute mit „Bleib gesund“ zu verabschieden. Viel schlimmer ist aber dieser Tipp: „Präsentieren Sie sich selbstbewusst!“ Das Kriminalamt geht darauf sogar näher ein: „Gewöhnen Sie sich generell an, mit selbstbewusstem Schritt, offenem Blick und aufrechter Haltung zu gehen!“ Ich verstehe die Intention hinter diesem Satz. Man möchte einfach helfen, wo man nicht helfen kann. Oder vielleicht auch nicht will?

Investiert lieber in Bildungsinitiativen und gebt den Anlaufstellen mehr Geld

Denn solange die Strukturen in unserer Gesellschaft - soll heißen das festgefahrene Männerbild und das super festgefahrene Frauenbild - noch immer so sind wie sie sind, wird sich am Verhalten gegenüber Frauen nichts ändern. Und auch die Gewalt gegen Frauen wird nicht weniger. Es muss ganz von vorne angefangen werden, bei der Kindererziehung zum Beispiel. Es muss hier viel mehr Aufklärung zum Thema Gewalt geben. Dann müssen wir endlich damit aufhören, die Opfer von Gewalt in die Pflicht zu nehmen. Es ist egal, ob ich jetzt selbstbewusst auftrete und schnell gehe oder mit gekrümmtem Rücken die Straße entlang schlurfe: In beiden Fällen wurde ich in der Vergangenheit bereits belästigt.

Im letzten Jahre wurde vonseiten der Politik im Bereich Gewaltschutz zumindest medienwirksam viel herumgeredet. Einiges hat sich auch getan. Alma Zadic hat angekündigt, die Ermittlungen bei Gewalt verbessern zu wollen. Das ist wichtig, denn oft wird den Opfern, die den Mut fassen, um sich an die Behörden zu wenden, nicht geglaubt. Richter:innen und Polizist:innen müssen in diesem Bereich besser geschult werden. Außerdem hat die Politik 2021 24,6 Millionen in den Gewaltschutz investiert. Viel Geld? Nicht wirklich! Die Gewaltschutzorganisation fordern 228 Millionen.

Klaudia Frieben vom Österreichischen Frauenring erklärte vor Kurzem gegenüber BuzzFeed Austria, dass Frauenhäuser und Beratungsstellen nichts von dem zusätzlichen Geld aus dem neuen Gewaltschutzpaket zu sehen bekommen. „Wenn auf ein:e Berater:in 300 von Gewalt betroffene Frauen in Wien kommen: Wie sollen diese Berater:innen denn diese Frauen nachhaltig betreuen? Sie können diese Frauen gerade einmal fünf Stunden betreuen“, erklärte sie. Die Täterberatung, die seit September 2021 ebenfalls neu ist, beinhaltet übrigens sechs Stunden.

Zusammengefasst: Die Verhaltenstipps sind Victim Blaming

Das alles sind natürlich Missstände, die nicht von heute auf morgen gelöst werden können. Einfacher ist es da natürlich ganz am Ende des Problems anzusetzen und den Opfern die „Tools“ in die Hand zu geben, um in einer verkorksten Gesellschaft überleben zu können. Kein Wunder, dass auch die Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie auf Facebook ihren Unmut kundtut und das offensichtliche Victim Blaming des Bundeskriminalamtes anprangert.

Selbstbewusstes Auftreten wurde mir als Teenagerin übrigens auch von meiner 1948 geborenen, sich immer Sorgen machenden Mutter ans Herz gelegt, die tatsächlich keine anderen Werkzeuge in der Hand hatte, um ihre Tochter in unserer Gesellschaft im öffentlichen Raum zu schützen. „Geh schnell und wenn dir wer nachgeht, dann schreist“, hör ich sie heute noch sagen.

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