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Jahresrückblick: Wieso mich die österreichische Gesundheitskasse 2021 beeindruckt hat, ich mir aber noch mehr erwarte

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Von: Helena Dimmel

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Psychotherapeut redet mit Patientin, die auf Sofa liegt
Beim Psychologen auf der Couch: Viele können‘s sich nicht leisten © Malte Mueller/Imago

Ein Tropfen auf dem heißen Stein? Vielleicht. Aber dennoch hat die ÖGK 2021 ein Schritt in die richtige Richtung gemacht, nämlich hin zur Normalisierung von psychischen Leiden. 

Ja, die Corona-Pandemie war auch dieses Jahr wieder oasch. Zwischen ewigen Lockdowns, der zunehmenden Radikalisierung der Impfgegner:innen-Bewegung und einer allgemein einsetzenden Müdigkeit (Wonn is endlich vorbei? Mamaaaaa samma scho do??) möchte ich mich anlässlich eines kleinen Jahresrückblicks 2021 dennoch auf etwas Positives besinnen.

Was mich dieses Jahr ganz besonders gefreut hat, ist, dass die Politik und die Sozialversicherungsträger endlich auf die Alarmglocken reagiert haben, die uns schon die längste Zeit in den Ohren schrillen: Immer mehr Menschen in Österreich geht es psychisch schlecht. Darauf hat die ÖGK (Österreichische Gesundheitskasse) nun reagiert, und zwar mit dem Beschluss, dass das vollfinanzierte Kassenplatz-Kontingent für Psychotherapie um 20.000 Plätze aufgestockt wird. Ein kleines, aber wichtiges Zugeständnis für all jene von uns, die sich keine Therapie leisten können.

Und? Sats scho therapiert? Jo? Jo?

Now don’t get me wrong - die Österreicher:innen waren auch vor der Pandemie schon ein durchaus verqueres Völkchen. Sudern, Raunzen, Beneiden und Schwarzmalen sind traditionell einige der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in der Alpenrepublik. Aus den Statistiken lässt sich dennoch ablesen, dass manche von uns weit über den charmanten Wiener Grant hinaus unglücklich sind:

Laut einer Erhebung der Statistik Austria waren 2019 insgesamt rund 1,2 Millionen Österreicher:innen von einer psychischen Erkrankung betroffen. Schon damals haben Organisationen wie „pro mente“, die Gesellschaft für psychische und soziale Gesundheit, davor gewarnt, dass nicht genügend voll finanzierte Kassenplätze vorhanden sind, dass das Angebot in einigen Bereichen wie etwa der klinischen Psychologie dringend ausgebaut werden muss.

Seit 2019 hat sich die Zahl der Depressionen in Österreich verfünffacht. Ver-FÜNF-Facht. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Es ist also allerhöchste ÖBB, dass wir etwas gegen dieses Problem tun. Noch immer gibt es in Österreich zu wenige vollständig finanzierte Kassenplätze, zu lange Wartelisten, zu wenig Aufklärung und zu viel Stigma. Die Pandemie hat vieles verschlimmert, viele Probleme in den Vordergrund gerückt, die wir gerne nach hinten verschoben haben. Es kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr, dass „unsichtbare“, psychische Leiden zu dieser Kategorie zählen.

Therapie muss man sich erstmal leisten können

Ein Kostenzuschuss, so wird auf der ÖGK Website erklärt, beläuft sich im Normalfall auf 28 Euro. He, oida. Kombinier das mit dem gängigen Stundensatz eine:r Therapeut:in von 80-150 Euro und es wird klar, wieso noch immer so viele Menschen nicht in Therapie gehen, selbst wenn sie es bräuchten: Nicht jeder in Österreich kann es sich mal einfach so leisten, pro Woche rund 50 bis 120 Euro mehr auszugeben.

Dabei wäre die Rechnung ganz einfach, wenn man das Pferd von hinten aufzäumt: Psychische Erkrankungen und ihre Folgen ziehen laut pro mente bis zu 12 Milliarden Euro jährlich an volkswirtschaftlichen Kosten nach sich. Viel davon könnte man einsparen - zum Beispiel mit Psychotherapie auf Krankenschein.

Eh gut, aber halt nicht gut genug

Dass jetzt also 20.000 Kassenplätze mehr finanziert werden, find ich gut. So wie ich es gut finde, wenn jemand mal ab und zu einen Veggie Burger bestellt. Oder statt mit dem Auto mit den Öffis fährt. Ja, nice effort, yes you get a gold star in your sticker album - aber löst nun wirklich nicht das Problem. Und eigentlich möchte ich an dieser Stelle auch mal anmerken, dass ich es wirklich absurd finde, dass Österreich, die Geburtsstätte der modernen Psychologie, Freud‘s Wiege, so herumeiert, wenn es um das Finanzieren von Therapie geht. Like, why.

Wenn ihr Freud eine Statue bauen könnt und so gerne mit ihm angebt, dann sollte sich das auch im Therapie-Angebot widerspiegeln. Wir haben in Österreich das Geld, um flächendeckende psychotherapeutische Versorgung zu finanzieren - die Frage ist nur, ob man das Geld dafür locker macht. Zusammengefasst, ich befürworte den Ausbau des psychotherapeutischen Kassenkontingents der ÖGK um 20.000 Plätze - 20.000 Leute mehr, die sich die Hilfe holen können, die sie benötigen. Ich hoffe nur, dass dieser Schritt in Richtung Psychotherapie auf Krankenschein nicht der letzte gewesen ist.

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