1. BuzzFeed.at
  2. News
  3. Meinung

Warum „Last Christmas“ von Wham! alles andere als schrecklich ist

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christian Kisler

Kommentare

Wham! mit Andrew Ridgeley als Rentier und George Michael als Weihanchtsmann 1984 auf dem Cover ihrer Single „Last Christmas“ (links) und George Michael 1985 im Wembley Stadion bei Live Aid (rechts).
Wham! mit Andrew Ridgeley als Rentier und George Michael als Weihanchtsmann 1984 auf dem Cover ihrer Single „Last Christmas“ (links) und George Michael 1985 im Wembley Stadion bei Live Aid (rechts). Man beachte die Rollenverteilung auf dem Cover. © Epic, PA/picturedesk.com/BuzzFeed Austria

„Last Christmas“ von Wham! sorgt jedes Jahr im Advent für Angst und Schrecken. Dabei ist es gar kein Weihnachtslied im eigentlichen Sinne und noch dazu viel besser als sein Ruf. Hier meine 2 Cents zum Thema:

Ob im Supermarkt, im Regionalradio, auf Weihnachts-Playlists oder in Christkindlmärkten: Es gibt kein Entrinnen, nicht in der Vorweihnachtszeit. Die käsigen Keyboardsounds, das knietief in den 1980ern geerdete Synthie-Schlagzeug, der simpel treibende Bass, George Michaels schmachtender Gesang: „Last Christmas“ von Wham! aus dem Jahre 1984 wird auch dich erwischen und nicht mehr loslassen, jedes Jahr aufs Neue.

„Last Christmas“ auf jeder Weihnachts-Playlist

Ganze vier Akkorde werden in der gleichen Reihenfolge gnadenlos viereinhalb Minuten wiederholt, zwischen Strophe und Refrain wird kein großer Unterschied gemacht. Dazu Lyrics, die eigentlich so gar nicht weihnachtlich sind. Warum also taucht „Last Christmas“ auf jeder Weihnachts-Playlist auf? Weil er „Christmas“ im Titel hat? Ja, selbstverständlich. Auch, weil gerade in Ländern, in denen Englisch nicht Muttersprache ist, wenig auf den Text geachtet wird. Und auch wegen des zum kollektiven Gedächtnis gehörenden Videos. Jeder zweite Werbeclip, der dir ein weihnachtliches Produkt oder eine Dienstleistung in der Adventszeit verkaufen will, schaut genau so aus. Genau so.

Das Video zu „Last Christmas“ ist fast so prägend wie der Song selbst. Zunächst zeigt es einen Haufen Menschen, für deren Frisuren eine derart hohe Menge an Haarspray verwendet wurde, dass das Ozonloch noch mehr in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ganz zu schweigen vom Polyester-Gehalt in der für 1984 zweifellos schicken Winterkleidung.

Das „Last Christmas“-Video ist einfach nur kitschig-schön

Im Wesentlichen werden wir im kleinen Schweizer Skiressort Saas-Fee Zeug:innen der ausgelassenen Weihnachtsfeier einer Gruppe trotz Schneefall gut frisierter Freund:innen, nicht gänzlich ohne Drama: Wir sehen George Michael mit seiner von einer Schauspielerin dargestellten neuen Freundin, wie er seinen Bandkollegen Andrew Ridgeley bei der Ankunft in der verschneiten Landschaft begrüßt. Blöderweise an Ridgeleys Seite: Michaels Verflossene, der er das Jahr zuvor noch sein Herz geschenkt hatte. So singt er zumindest, zum Text kommen wir noch.

Im weiteren Verlauf werden während des Weihnachtsdinners zwischen Michael und seiner Ex, gespielt von Model Kathy Hill, bedeutungsschwangere Blicke ausgetauscht. Dazwischen sehen wir den Sänger immer wieder nachdenklich in Großaufnahme. Eine Schneeballschlacht zwischen allen Beteiligten darf zur Auflockerung nicht fehlen, die Zuseher:innen sollen ja nur ein bisschen traurig sein, wenn überhaupt.

Auch nach gefühlten 100 Jahren entdeckt man Neues im „Last Christmas“-Video

Kurz zusammen gefasst: ein Meisterwerk, wenn auch nicht ohne Regiefehler. Die Gondel, mit der hinaufgefahren wird, ist rot, bei der Rückfahrt ist sie plötzlich blau. Wer hat sie über Nacht gestrichen? Im Übrigen gibt es eine Parodie auf das „Last Christmas“-Video, in dem dessen Handlung wortwörtlich nachgesungen wird. Kann man lustig finden.

„Last Christmas“ wurde wie gesagt von Wham! veröffentlicht. Wham!, das war ein Duo, das von 1981 bis 1986 unfassbar erfolgreich war und als erste westliche Pop-Gruppe in der Volksrepublik China auftreten durfte. George Michael schrieb den Großteil der Songs im Alleingang, war ein fantastischer Sänger und sah gut aus. Nicht umsonst legte er später eine erfolgreiche Solo-Karriere hin.

Von Andrew Ridgeley weiß bis heute niemand so recht, was er in der Band eigentlich machte, außer dass er bei Konzerten eine Gitarre umgehängt bekam und hin und wieder beim Refrain mitsingen durfte. Um jetzt der Gerechtigkeit Genüge zu tun: Ohne Ridgeleys selbstbewussten Zuspruch hätte sich der als Georgios Kyriacos Panayiotou geborene Michael wohl nie auch nur auf eine Bühne getraut, geschweige denn sein Talent entfalten können.

„Last Christmas“ war ursprünglich „Last Easter“

„Last Christmas“ gehörte George Michael aber tatsächlich ganz alleine. Schenkt man der Legende Glauben, schrieb er den Song innerhalb einer Stunde in seinem ehemaligen Kinderzimmer, als er zu Besuch bei seinen Eltern war. Ursprünglich sollte das Geschehen der Nummer zu Ostern angesiedelt werden, der traurige Text passt dann aber doch eher zu Winter und Weihnachten.

Im Sommer 1984 nahm Michael neben seinem Gesang noch sämtliche Instrumente im Alleingang im Studio auf, also jede Menge Synthesizer, eine Drum Machine - und Glocken. Auf Drängen der Plattenfirma sollte der Track zumindest zu jener Jahreszeit passen, in der er veröffentlicht werden sollte, im Winter nämlich.

In Großbritannien wurde „Last Christmas“ schließlich am 3. Dezember auf die Bevölkerung losgelassen und war sofort ein Hit. Auf Platz eins der Verkaufscharts im Vereinigten Königreich schafft es der Song aber bis November 2020 nicht. Er musste sich 1984 fünf Wochen in Folge auf Platz zwei hinter dem Charity-Titel „Do They Know It‘s Christmas?“ von Band Aid fügen. Auch da wirkte übrigens George Michael mit, und auch das ist ein Stück, das man zwar im Advent hört, das aber kein Weihnachtslied ist.

Es ist kein 0815-Weihnachtslied

Und noch etwas hat es mit „Last Christmas“ gemein: Im Gegensatz zu mehr oder weniger klassischen Weihnachtsliedern wie „Stille Nacht“, „O Tannenbaum“ oder „Jingle Bells“ sind das keine Lieder zum Mitsingen, sondern zum Anhören. Gemeinsam mit Oma und Opa vorm Christbaum stehen und von hungernden Kindern („Do They Know It‘s Christmas?“) oder gebrochenen Herzen („Last Christmas“) zu singen, wäre ja auch eher unpassend. Die ganze feierliche Stimmung wäre dahin und das große Fressen danach würde womöglich im Halse stecken bleiben.

Womit wir beim Text wären, endlich. Tatsächlich fällt „Last Christmas“ nach kurzem Synthie-Geplänkel und George-Michael-Geschmachte mit der Tür ins Haus und beginnt sofort mit dem Refrain: „Last Christmas, I gave you my heart / But the very next day, you gave it away / This year, to save me from tears, I‘ll give it to someone special“, also auf Deutsch: „Letzte Weihnachten gab ich dir mein Herz / Doch schon am nächsten Tag hast du es weggeworfen / Um mir heuer die Tränen zu ersparen, gebe ich es jemand Besonderem.“

Der Text ist einfach nur leiwand: Drama trifft auf Eleganz

Das ist doch kein angemessener Text für ein Weihnachtslied, ich bitte euch. Da geht es um eine schmerzhafte Trennung, um seelische Wunden, die auch ein Jahr später noch nicht wirklich ausgeheilt sind. Im Laufe des Songs wird ausgebreitet, was damals, zu den letzten Weihnachten alles passiert ist und was danach schiefgelaufen ist. George Michael bringt „Last Christmas“ mit allem ihm zur Verfügung stehenden Schmelz in der Stimme. Er allein lässt erahnen, dass das fröhliche Popliedchen gar nicht so fröhlich ist. Wenn es schon nicht Traurigkeit ist, die den Titel bestimmt, dann zumindest Melancholie.

Ja, natürlich fand ich „Last Christmas“ früher gelinde gesagt unerträglich, nein, scheiße. Aber hab ich mir damals den Song auch nur ein einziges Mal wirklich angehört? Nein, hab ich nicht. Sonst hätte ich die Eleganz in der Schlichtheit der Komposition erkannt, das Drama in den Lyrics, von George Michaels Gesang ganz zu schweigen. Notiz am Rande: Seinen Überhit „Careless Whisper“ halte ich bis heute nur bedingt und unter Einfluss großer Mengen Alkohol aus, allein das Saxofon darin: Würg.

Die Covers von „Last Christmas“ sind auch nicht schlecht

Große Songs wie „Last Christmas“ werden natürlich gerne nachgespielt, neu interpretiert, kurz: gecovert. Dass die Ergebnisse durchwachsen ausfallen, liegt in der Natur der Sache. Ariana Grande, Taylor Swift, Carly Rae Jepsen haben sich an dem Weihnachts-Evergreen versucht, es gibt Versionen von Helene Fischer, aber auch von Crazy Frog (!), eine instrumentale Klavier-Variante von Chilly Gonzales.

Alles mal mehr, mal weniger gelungen, zum Fürchten hingegen ist erwartungsgemäß die deutsche Schlagerinterpretation von Matthias Reim unter dem Titel „Letzte Weihnacht“. Dafür existiert von Erlend Øye, einer Hälfte der famosen norwegischen Kings of Convenience, das beste „Last Christmas“-Cover ever. Nur mit Stimme und Akustikgitarre interpretiert, neu arrangiert und strukturiert sowie zum Teil mit komplett anderen Akkorden versehen kommt es in Sachen Intensität einerseits dem Original am nächsten. Andererseits entwickelt es sich dabei zu einem gänzlich neuen Song. Besser kann man einem Lied seine Ehrerbietung nicht erweisen, unabhängig von der Jahreszeit.

George Michael ist übrigens 2016 im Alter von gerade einmal 53 Jahren in seinem Bett an Herzversagen gestorben, gefunden hat ihn sein Lebensgefährte. Das Datum: der Christtag, also der 25. Dezember. Ausgerechnet.

Auch interessant

Kommentare