1. BuzzFeed.at
  2. News
  3. Meinung

Lieber Herr Minister Kocher, Ihr Sager zu Frauen in Teilzeit-Jobs ist einfach nur problematisch

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Emily Erhold

Kommentare

Bildmontage: Arbeitsminister Martin Kocher und Frau, die sich auf den Kopf greift.
Arbeitsminister Martin Kocher erntete für eine Aussage über Frauen in Teilzeit einen heftigen Shitstorm auf Twitter. © Herbert Neubauer/APA-PictureDesk/agefotostock/Imag/BuzzFeed Austria

„Wenn alle Frauen, die Teilzeit beschäftigt sind, nur ein paar Stunden mehr arbeiten würden, hätten wir kein Arbeitskräfteproblem mehr“, erklärte Arbeitsminister Martin Kocher in einem Interview. So einfach ist es aber nicht, lieber Herr Minister. Hier sind meine 2 Cents dazu:

An alle Frauen, die einer Teilzeit-Beschäftigung nachgehen: Es liegt an euch, das Arbeitskräfteproblem in unserem Land zu lösen! So könnten Leser:innen den nebenbei erwähnten Satz von Arbeitsminister Kocher in einem Interview mit der Tageszeitung „Der Standard“ interpretieren. Diese Interpretation gefällt Kocher selbst nicht, wie er kurz nach der Veröffentlichung des Beitrags auf Twitter einräumt. Seine Aussage ist aber trotzdem extrem problematisch.

Kocher zu Arbeitskräfteproblem: Die Aussage ist falsch

Ein am 27. Dezember veröffentlichtes Interview mit unserem Arbeitsminister Martin Kocher führte zu einem Shitstorm gegen den Politiker. Kocher wurde gefragt, was sich gegen die sinkende Zahl an Menschen im erwerbsfähigen Alter machen ließe. „Wir müssen das Arbeitspotenzial in Österreich besser aktivieren“, so der Arbeitsminister und nennt auch gleich drei Punkte, mit denen das gelingen würde. Einer davon: Frauen in Teilzeit-Jobs müssten nur „ein paar Stunden mehr arbeiten“, dann wäre das Problem des Arbeitskräftemangels gelöst.

Okay, cool. Blöd nur, dass es einen Grund gibt, wieso vor allem Frauen Teilzeit-Beschäftigungen nachgehen. Das kommt in der nebenbei erwähnten Aussage unseres Arbeitsministers aber ganz und gar nicht rüber. Kocher setzt falsch an. Es klingt so, als liege die Verantwortung bei den Frauen. Sie müssten nur etwas mehr arbeiten und ein ganzes arbeitspolitisches Problem wäre gelöst. Ob der Satz bewusst so formuliert wurde oder nicht, der Arbeitsminister hätte das Kind auch einfach beim Namen nennen können: Die Politik muss Maßnahmen setzen, damit die betroffenen Frauen überhaupt mehr arbeiten können.

Frauen in Teilzeit: Die Lösung liegt in der Verantwortung der Politik

Denn Teilzeit ist noch immer vor allem Frauensache. Laut Statistik Austria war 2020 fast jede zweite Frau, aber nur jeder zehnte Mann in einer Teilzeit-Beschäftigung. Ein wichtiger Grund für diese Tatsache ist, dass Betreuungspflichten auch heutzutage noch immer vorwiegend von Frauen übernommen werden. Laut dem Statistik-Portal Statista lag die Teilzeitquote bei erwerbstätigen Frauen mit Kindern bei 66,2 Prozent. Bei den Männern waren es nur 6,4 Prozent.

Ein Arbeitsminister sollte wissen, dass diese Zahlen das eigentliche Problem sind, das gelöst werden muss, etwa mit zusätzlichen Kinderbetreuungsplätzen. Ein Thema, das die Regierungspartei ÖVP in der Vergangenheit gerne mal ganz nach hinten auf die Prioritätenliste gesetzt hat. Dabei liegt die Verantwortung hier ganz klar bei der Politik, und nicht bei den Frauen, die „ein paar Stunden mehr arbeiten“ sollten.

Die Rechtfertigung von Kocher lässt zu Wünschen übrig

Kein Wunder also, dass die zu kurz gegriffene Aussage von Kocher auf Twitter zu einem Shitstorm führte. Als „Sexist“ bezeichnete ihn ein User. Ein anderer reagierte mit dem Kommentar: „So dreist musst echt mal sein“. Der Arbeitsminister meldete sich schließlich selbst auf dem Kurznachrichtenportal. Es sei eine „Tatsachenfeststellung“ gewesen, dass es viel Potenzial in Österreich gebe, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. „Bei Älteren, bei Frauen, die Teilzeit arbeiten, und bei Menschen in Arbeitslosigkeit“, so Kocher auf Twitter.

Ja und nein, lieber Herr Minister! Im Interview werden zwar alle Punkte genannt, die Kocher auf Twitter erneut aufzählt. Doch wird ihnen da unterschiedliche Gewichtung gegeben. Er erwähnt etwa Menschen, die eine Höherqualifizierung bräuchten. Sie könnten andernfalls nach einem Jobverlust lange arbeitslos bleiben. Kocher erklärt auch, dass hier zwar schon viel getan wurde, aber noch mehr getan werden müsse.

Auch die Erwerbsquote im Alter nennt er als Baustelle für mehr Arbeitskräfte im Land. Diese Aussage setzt er ebenfalls in Kontext: „Wir haben hier zwar einen Anstieg, auf über 50 Prozent bei den über 60-jährigen Männern etwa. Aber es gibt Potenzial, dass mehr Menschen bis zum Regelpensionsantrittsalter im Job bleiben“.

Den Punkt mit den Frauen lässt er im Vergleich zu den anderen Argumenten aber komplett unkommentiert stehen. Außerdem gibt er diesem Punkt eine stärkere Bedeutung, in dem er erwähnt, dass „wir kein Arbeitskräfteproblem“ mehr hätten, wenn alle Frauen in Teilzeit-Beschäftigung „ein paar Stunden mehr arbeiten“ würden. Auf Twitter ärgert er sich über die Interpretation seiner „völlig wertfreien“ Worte. Dabei sind es eben seine eigenen Worte, über die er sich ärgern sollte. Die hätten ausformuliert und sensibler rübergebracht gehört. Dann wären sie vielleicht auch wirklich als „wertfrei“ rübergekommen.

Auch interessant

Kommentare