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Die Heidi Horten Collection bietet großartige Kunst, wirft aber Fragen auf

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Von: Christian Kisler

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Montage: Heidi Goëss-Horten, ein Banner mit der Aufschrift „Heidi Horten Collection“
Heidi Goëss-Horten bekommt für ihre beeindruckende Kunstsammlung ein eigenes Museum. © Starpix/Karl Schöndorfer/APA-PictureDesk/BuzzFeed Austria

Klimt, Picasso und Warhol unter einem Dach und im Besitz einer schrulligen Milliardärin: Die neue Heidi Horten Collection erscheint in einem seltsamen Licht. Meine 2Cents dazu.

Ich muss gestehen, ich hab erst einmal laut auflachen müssen. Der Name „Heidi Horten Collection“ ist etwas unglücklich gewählt, für Unbedarfte klingt es wie die auf einem TV-Verkaufssender beworbene neue Modelinie für ältere Semester. Nein, dem liegt kein Ageism, keine Altersdiskriminierung, zugrunde, schon gar nicht, weil die Namensgeberin dieses neuen Museums in der Wiener Innenstadt, gleich neben der Oper, mit 81 Jahren nicht unbedingt die Jüngste ist. Die Rede ist von Heidi Goëss-Horten, geborene Jelinek, verwitwete Horten, geschiedene Charmat. Sie ist Kaufhauserbin, Förderin, Ehrenpräsidentin eines Kärntner Eishockeyvereins, Kunstsammlerin, in erster Linie Milliardärin und wohnt tatsächlich in einem Schloss am Wörthersee.

Der Grundstein des Vermögens von Heidi Goëss-Hortens Vermögen liegt im Dritten Reich

Als junge Frau arbeitete Goëss-Horten, damals eben noch Jelinek mit Nachnamen, als Sekretärin. Irgendwann zwischen Ende der 1950er und Mitte der 1960er Jahre, wann genau, das sind sich die Geschichtsschreiber:innen uneins, lernte sie den sagenhaft reichen, deutschen „Kaufhaus-König“ Helmut Horten kennen, mehr als 30 Jahre älter als sie. Den Grundstein für sein späteres Vermögen legte er, als er 1936 als Käufer des Warenhauses Gebrüder Alsberg Nutznießer der Arisierungen der Nationalsozialisten wurde. Nicht zuletzt deshalb musste er nach Ende des Zweiten Weltkrieges eineinhalb Jahre in britischer Gefangenschaft verbringen.

Zur Hochzeit schenkte Helmut Horten seiner Heidi nicht weniger als den Blauen Wittelsbacher, einen Diamanten, der intensiv blau funkelt, wie sein Name ja bereits verrät, der groß wie ein Taubenei ist und der Teil der Kronjuwelen des bayerischen Königshauses war. Unnötig zu sagen, dass er extrem wertvoll ist, Heidi Goëss-Horten konnte ihn 2008 über das Auktionshaus Christie‘s für 23,4 Millionen US-Dollar veräußern. Zu diesem Zeitpunkt war Helmut Horten bereits 21 Jahre tot und hatte seiner Witwe als Alleinerbin ein Vermögen im damaligen Wert von umgerechnet einer Milliarde US-Dollar hinterlassen. Dagegen sind Dinge wie ein blauer Diamant Kleinigkeiten.

Heidi Goëss-Horten ist die reichste Frau Österreichs

Heute ist Heidi Goëss-Horten mit einem geschätzten Vermögen von 2,8 Milliarden Euro die reichste Frau in Österreich. Dabei pflegt sie im Hintergrund zu agieren, Interviews mit ihr sind Mangelware, ebenso Auftritte in der Öffentlichkeit. Dieser wurde ihr Name ausgerechnet über die Ibiza-Affäre bekannt. In mittlerweile sattsam bekannten, heimlich gefilmten Video verstieg sich der damalige FPÖ-Chef und spätere Vizekanzler Heinz-Christian Strache zu der Behauptung, dass sie und andere über verschlungene Pfade den Wahlkampf seiner Partei fördern würde. Goëss-Horten stritt selbstverständlich alles ab, dafür wurden andere Geldflüsse bekannt: 2018 spendete sie rund 588.000 Euro, 2019 rund 343.000 Euro an die ÖVP. Dass das nicht sofort auffiel, lag daran, dass das Geld in Teilbeträge von je 50.000 Euro aufgeteilt worden war, wodurch es nicht unmittelbar veröffentlicht werden musste. Gesetzlich sauber, moralisch weniger.

Kunst begann sie schon zu sammeln, als sie noch mit Helmut Horten verheiratet war. Mit dem Vermögen aus dem Erbe und dem durch eine weitere Scheidung erweiterte Geldsegen konnte sie ihre Sammlung stets erweitern. Dabei wird sie von Agnes Husslein unterstützt, gute Freundin, Kunsthistorikerin, unter anderem ehemalige Direktorin des Belvedere. So hat sie es zu einer der beeindruckendsten Privatkollektionen in Europa gebracht, mit Schwerpunkt auf Kunst aus den letzten 120 Jahren, darunter Kostbarkeiten von Pablo Picasso, Gustav Klimt, Egon Schiele, Andy Warhol, Francis Bacon, Marc Chagall, Gerhard Richter und so ziemlich allem, was Rang und Namen hat. Und wie immer in solchen Fällen fast ausschließlich männliche Künstler.

1996 gelang ihr ein besonderer Coup, als sie auf einen Schlag 30 Gemälde ersteigern konnte, völlig anonym. Darunter untere anderem Picasso und Lucian Freud. Wer kann, die/der kann eben. Wenn es darum ging, einzelne Werke an Museen zu verleihen, blieb Heidi Goëss-Horten stets im Verborgenen. Bis 2018, da wurden rund 150 Exponate im Rahmen der Ausstellung „WOW! The Heidi Horten Collection“ im Wiener Leopold Museum gezeigt. Eine kleine Sensation, die bei Kunstkritiker:innen und Publikum gleichermaßen für Begeisterung sorgte.

Die Heidi Horten Collection zeigt Leckerbissen mit bitterem Beigeschmack

Jetzt bekommt The Heidi Horten Collection ein dauerhaftes Zuhause. Ich lache innerlich noch immer über den Namen, immerhin wurde das kindische „WOW!“ weggelassen. Zwei Jahre lang wurde das Stöcklgebäude aufwendig renoviert, um die Sammlung ins rechte Licht zu rücken. Das Beste ist da gerade gut genug, das Museum ist einem Innenstadt-Palais zwischen der Wiener Staatsoper, der Albertina und dem Burggarten untergebracht. Am 3. Juni 2022 ist große Eröffnung.

Tatsächlich ist die Heidi Horten Collection auch in einer Stadt, die nicht eben arm an Museen ist, eine willkommene Ergänzung, besticht die Sammlung doch durch einen relativ modernen Zugang, ohne aber das Publikum vergraulen zu wollen - im Gegenteil, mit vielen Leckerbissen, wenn auch mit bitterem Beigeschmack. Denn schließlich bleibt ein komisches Gefühl, wenn man bedenkt, woher das Geld ursprünglich stammt, dass es eigenartige Verbindungen zur „neuen“ ÖVP gibt und dass hier jemand seinen, vielmehr ihren Namen verewigt sehen will. Letztlich bleiben lediglich zwei Sätze: Kunst ist nur ein Wort. Und: Geld regiert die Welt.

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