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Silvester ist ein Abend wie jeder andere und es wäre besser, wenn wir das akzeptieren

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Von: Sophie Marie Unger

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Die Kinderserie Perry das Schnabeltier, welches Silvester nicht mag.
Warum es okay, den Silvester-Wahnsinn nicht mitzumachen. © Disney Channel/Courtesy Everett Collection

Silvester hat seinen ganz eigenen Drive. Warum das meiner Meinung nicht immer ein positiver ist und wieso es besser wäre, ihn als ganz normalen Abend zu sehen, erfahrt ihr hier.

Es ist der 1. Dezember und meine Freundin fragt, was ich denn dieses Jahr an Silvester geplant habe. Ein regelrechter Schauer läuft mir den Rücken runter. Ich weiß nicht mal, was ich heute essen möchte, geschweige denn, was ich meinem Papa zu Weihnachten schenke und war nicht überhaupt gerade erst Halloween?

Wie aus der Pistole geschossen antworte ich, dass wir heuer gar nix machen. Okay cool - das war zwar nicht abgesprochen, aber scheinbar hat mein Unterbewusstsein längst entschieden, was mich gar nicht mal so beunruhigt.

Was mich eher stutzig macht, ist der Satz der danach aus meinem Mund kommt: „Weißt eh, mit den ganzen Lockdowns, ist das ja alles so unsicher und irgendwie will ich wegen Corona nicht unbedingt unter Leute“. Ich rechtfertige wieder einmal, was aber schon lang vor der Pandemie bekannt war, nämlich, dass Silvester eine enorme Belastung für mich ist. Aber warum mach ich das immer und immer wieder?

Warum ist Silvester eigentlich immer kacke?

In meinem 27-jährigen Dasein hab ich noch keinen Menschen getroffen, der mir gesagt hat, dass er einen ultimativ geilen Neujahrsabend verbracht hat. Persönlich habe ich da meine eigenen Thesen entwickelt, die sich schon das ein oder andere Mal bewahrheitet haben und eventuell auch von euch durchlebt wurden.

Es soll der großartigste, lustigste, geselligste und traditionsbewussteste Abend des Jahres werden. Alle sitzen mit ihren tollen Silvester-Outfits an einer langen wunderschön gedeckten Tafel, zuvor wurde noch ganz entspannt gemeinsam gekocht und die Gläser auf Hochglanz poliert. Bei einer Runde „Activity“ und nach 2-3 Sektflöten tauen dann alle so richtig auf, die Stimmung ist super. Gemeinsam schaut man sich auf der Dachterrasse ein grandioses Feuerwerk an, alle weinen, weil man sich so gern hat und gemeinsam ins neue Jahr startet. Danach geht man auf die angesagteste Party der Stadt und steht natürlich nicht an, weil man ja wen kennt, der wen kennt...

HAHA das passiert natürlich nie und nimmer. Beginnen tut‘s meist damit, dass ein, zwei Leute kurzfristig absagen, die Dachterrasse kann man sich in Zeiten wie diesen sowieso abschminken und muss deshalb auf den grindigen Parkplatz vor der Wohnung ausweichen. Oft sind es dann leider halt auch die drunken emotional Breakdowns einer anwesenden Person, wodurch man das Feuerwerk verpasst und derjenige, den man kennt, der wen kennt, ist heute nicht im Club anzutreffen. Und wenn man‘s doch irgendwie reinschafft, dann verliert man alle und geht um 3 Uhr komplett unnötig betrunken nachhause.

Es ist also ein Mix aus zu hohen Erwartungen, einer durchgetakteten Planung, die eigentlich nie aufgeht, überfüllten Clubs und teils emotionalen Betrunkenheits-Achterbahnen, die einen am nächsten Tag mit extremen Schädlweh zurücklassen. Aber warum tun wir uns das eigentlich immer wieder an?

Warum wollen wir an Silvester nicht einfach nix machen?

Das kann‘s ja nicht sein, dass wir uns jedes Jahr auf‘s Neue solch einer nervenaufreibenden Prozedur unterziehen. Da muss doch mehr dahinter stecken, deshalb frage ich meinen befreundeten Psychologen Felix Neuritt kurzerhand, warum das so ist. Grundsätzlich geht es vor allem nicht unbedingt darum, etwas zu unternehmen - das könnte man ja auch easy alleine machen.

Das Alleinsein spielt da schon eine etwas größere Rolle. „Die Angst vorm Alleinsein ist genetisch in uns angelegt. Früher konnte, wer sich von der Herde entfernt hat, nicht überleben“, erklärt Dr. Neuritt. Was aber laut Neuritt noch ausschlaggebender ist, ist der gute alte Selbstoptimierungswahn, der heutzutage durch Instagram & Co. ganz neue Dimensionen erreicht. „Ich muss sozial sein, viele Kontakte haben, mit mir sollen alle gern Zeit verbringen und ich mit ihnen“, so Neuritt. Oft will man dadurch zeigen, dass man sein Leben unter Kontrolle hat und mit sich selbst im Reinen ist - leider stimmt das halt oft einfach nicht.

Warum sollten wir gerade an Silvester mal allein sein?

Weil wir uns, wie oben beschrieben, eigentlich ganze Zeit selbst anlügen. Und genau dieser Tag ist Ausdruck dafür und zeigt oft ganz klar auf: Es ist nicht alles okay. Und gerade in Zeiten der Pandemie, der Krise und eventuellen Familienstreitereien während der Festtage ist das Stimmungsbarometer bei vielen einfach nicht am Höhepunkt.

Natürlich kann man jetzt sagen, ich möchte mich ablenken bzw. ablenken lassen. Doch besser wäre es, den Druck abzulegen und vielleicht auch mal spontan zu schauen, was passiert. Eventuell gesteht man sich schnell ein, dass einem gerade nicht nach Party zumute ist und man viel lieber auf der Couch schon vor Mitternacht einschläft. Vielleicht aber wird man plötzlich von seinen Liebsten überrascht und schlendert betrunken durch die Straßen. Wenn du spontan bist und noch nicht weißt, was du zu SIlvester machen will, hilft dir vielleicht unser Quiz weiter. Das ist alles okay, solange wir nicht einem einzelnen Datum so viel Bedeutung aufladen, dass wir darunter zusammenbrechen.

Wann ist es nicht gut, sich an Silvester zu isolieren?

Laut Dr. Neuritt gibt es aber schon auch Situationen, an denen Alleinsein nicht zielführend ist. Das gelte aber für alle Tage und nicht nur an Silvester. „Alleinsein dient oft der Entspannung. Wenn man sich bewusst zum Ziel setzt, mal innezuhalten, sich dabei aber nicht gut fühlt, sondern traurig und isoliert, dann sollte man das Experiment abbrechen.“

Was schon auch oft mit Neujahr in Verbindung steht, und was man auf keinen Fall verschweigen sollte, ist, dass viele Menschen am sogenannten „Neujahrsblues“ leiden. Grundsätzlich ist dies der Winterblues, der aufgrund der stressigen Tage rund um Weihnachten und Silvester aber zugespitzt auftritt. Antriebslosigkeit, Melancholie, innere Leere bis hin zu depressiven Verstimmungen treten nach den Feier- und Ferientagen besonders häufig auf.

Bei den Psychosozialen Diensten in Wien melden sich zu Jahresbeginn jedenfalls immer deutlich mehr Menschen mit psychischen Problemen als sonst. Halten die depressiven Symptome mehr als zwei Wochen an, sollte man sich Hilfe holen. Und auch das ist total okay. Wichtig ist, dass du in dich reinhörst und schaust wie‘s dir geht und nicht wie‘s Instagram, der Nachbarin oder dem Hund geht.

Hilfe holen!

Falls auch du vom Winterblues betroffen bist oder einfach jemanden zum Reden brauchst, wende dich an folgende Plattformen - die Kontaktaufnahme erfolgt anonym:

Telefon Seelensorge: Hier erreichst du unter der gebührenfreien Nummer 142 rund um die Uhr ausgebildete Berater:innen. Sie begegnen allen Anrufenden und Nutzer:innen mit Respekt und Wertschätzung. Wer nicht so gerne telefoniert, kann den dazugehörigen Chat unter: www.onlineberatung-telefonseelsorge.at nutzen.

Rat auf Draht: Die österreichische Notrufnummer 147 hat sich über Jahrzehnte bewährt. Vertrauliche Themen wie Sexualität, Freundschaft, Familie und kannst du hier ebenfalls mit einem multiprofessionellen Team übers Telefon oder per Anfrage unter: www.rataufdraht.at/online-beratung besprechen

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