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Am „Tag des Hörens“ hab ich Schwierigkeiten, dich zu verstehen, an jedem anderen auch

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Von: Christian Kisler

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Montage: Zwei junge Präriehunde; eine junge Frau bekommt eine Ohrmassage
Am „Tag des Hörens“ soll auf die Gefahren der Schwerhörigkeit hingewiesen werden. ©  Clemens Niehaus/ Action Press/APA-PictureDesk/Westend61/IMAGO/BuzzFeed Austria

Der „Tag des Hörens“ soll auf etwas aufmerksam machen, das für die meisten selbstverständlich ist: das Gehör. Bei manchen ist es allerdings beeinträchtigt. Etwa bei mir. Wie lebt es sich damit? Meine 2Cents.

Irgendwann setzt dann der Frust ein. Wenn wiederholt die Frage gestellt wird: „Ja, hörst du das denn nicht?“ Nein, dieses leise Summen der Insekten auf einer Frühlingswiese, das entfernte Vogelgezwitscher im Wald und die Triangel auf dem linken Stereokanal: All das hör ich tatsächlich nicht. Und ja, ich will vielleicht tatsächlich der blöden Triangel auf dem linken Stereokanal lauschen, von singenden Vögeln und summenden Bienen ganz zu schweigen. Dann gibt es wieder die nüchterne Erkenntnis, dass man nur deshalb checkt, dass man eigentlich unfassbar laut fernsieht, weil man irrtümlich die Lautstärke-Anzeige aktiviert hat. In dieser Höhe sollte sie wohl doch nicht sein. Anders wird es aber schwierig, Dialogen zu folgen. Gut, dass lineares Fernsehen am absteigenden Ast ist und ich bei Bedarf zurückspulen kann - wenn ich alleine bin. In Gesellschaft eher keine so gute Idee, man will ja Mitschauende nicht nerven. Und bei Fußballspielen ist das ohnehin nicht besonders sinnvoll, da gibt es dann auch keine Untertitel.

Ich höre nicht schlecht, ich verstehe schlecht

Eine Bekannte von mir, der es ähnlich geht wie mir, hat einmal gemeint, sie hört nicht schlecht, sie versteht schlecht. Und da ist tatsächlich was dran. Natürlich höre ich das Klappern der Tastatur im Großraumbüro. Wenn ich draußen bin, nehme ich auch wahr, wenn jemand eine Autotür zuschlägt. Oder die angesprochene Triangel auf dem linken Stereokanal: Ich hör sie dann doch - wenn ich laut genug aufdrehe. Auch wenn ich mit dir von Angesicht zu Angesicht spreche und es wenig bis gar keinen Hintergrundlärm gibt, habe ich keine Probleme, dir zu folgen. Aber wehe, ein paar Meter weiter quatscht noch jemand oder ich bin in einer lauten Bar. Dann hat mein Gehör kein leichtes Spiel, aus den gesprochenen Worten etwas für mein Gehirn Verständliches herauszufiltern. „Wie bitte?“, hörst du mich dann nicht nur einmal im Laufe eines Tages oder Abends fragen. Familie, Freund:innen und Kolleg:innen wissen das und stellen sich darauf ein, unbekannten Personen gegenüber kann das unangenehm werden.

Es ist eine bittere Einsicht, aber daran gibt es nichts zu rütteln: Ich bin schwerhörig, zumindest leicht. Auf meinem rechten Ohr ist ein Drittel meiner Hörleistung futsch, wie in den meisten Fällen in jenem Spektrum, in dem Sprache wahrgenommen wird. Das linke ist nicht viel besser. Dass ich mit 17 in der lautesten Band in meinem Grätzel gespielt habe und nach lärmiger Probe den Abend neben einer Lautsprecherbox in einem Club verbracht habe, hat mir damals einen Tinnitus beschert. Den ersten Hörsturz, also den plötzlichen Verlust des kompletten Gehörs, hatte ich nur wenige Jahre später beim Lesen auf meinem Bett. Also nix mit Rockmusik, Techno oder sonstigem Gelärme.

Wenn du schlecht hörst, macht das was mit dir

Von Veranlagung war da die Rede, dass ich Acht geben solle. Ohne Ohrstöpsel hab ich kein Konzert mehr besucht, keinen Proberaum betreten und bin in keinen Club gegangen. Erst Jahre später hab ich erfahren, dass das alles aufgrund eines Gen-Defekts zustande kam. Bei meinem jüngeren Bruder und meiner Mutter sieht die Sache sogar noch schlechter aus, während mein Vater, obwohl auch kein ganz mehr so junger Hüpfer, immer noch Ohren wie ein Luchs hat.

Wenn einer deiner Sinne, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen oder eben Hören, nicht mehr vollständig funktioniert und so deinen Alltag beeinträchtigt, dann macht das natürlich was mit dir. Da hilft es wenig, dass nicht wenige Rockstars frühzeitig komplett taub sind, das sind eher schlechte Vorbilder. Netter schon der schwerhörige Dinosaurier, dessen Überreste im heutigen Niederösterreich gefunden wurden. An das ständige Pfeifen in Ohr, den Tinnitus, gewöhnt man sich jedenfalls im Laufe der Jahre, dass deine Hörleistung aber zusehends abnimmt, ist wenig erbaulich. Vor allem, wenn man, so wie ich, Musik über alles liebt. Es ist letzten Endes auch ein soziales Handicap. Man sieht ja nicht, dass du beeinträchtigt bist, manche halten dich auch für blöd, wenn du nicht gleich alles verstehst. Das tut weh.

Der „Tag des Hörens“ ist eine gute Sache

Dass seit 2007 alljährlich am 3. März der „Tag des Hörens“ begangen wird und so darauf aufmerksam gemacht werden soll, dass man Hörminderung auch vorbeugen kann, ist eine gute Sache. Bestimmt weniger witzig, aber dafür umso sinnvoller als so manch anderer kurioser Feiertag. Immerhin leben in Europa etwa 119 Millionen von rund 741 Millionen Menschen mit einer Hörminderung. In Österreich sind es 1,6 Millionen, nicht wenig bei knapp neun Millionen Einwohner:innen.

Natürlich jammere ich hier auf hohem Niveau, es kann dich immer schlimmer treffen. Aber man kann ein Unglück nicht mit einem anderen, eine Krankheit nicht mit einer anderen aufrechnen. Und bevor die Frage gestellt wird: Nein, ich trage kein Hörgerät. Aus Gründen. Im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung ist das nicht so, als würdest du eine Brille aufsetzen: Man sieht sofort klarer - ist so, das kann ich nur bestätigen. Es gibt jede Menge Varianten, im Ohr, hinterm Ohr, mit Loch im Schädel, was weiß ich. Allen gemein ist: Du musst das Hören erst wieder lernen. Die meisten Menschen mit Hörgeräten, die ich kenne, haben stets Scherereien damit. Das sitz ich noch eine Weile aus, auf die Gefahr hin, meine Umwelt weiterhin mit ständigem „Wie bitte?“ zu nerven. Außerdem mach ich selbst eh die meisten Witze darüber. Angriff ist in diesem Falle tatsächlich die beste Verteidigung.

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