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TikTok liebt Fremdgehen, aber wir müssen nicht alles teilen, um die Sensationsgeilheit der Menschen zu stillen

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Von: Emily Erhold

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Bildmontage: Screenshot Von einem TikTok-Video und Handy, auf dem die TikTok-App geöffnet ist.
TikTok hat ein Problem mit Fremdgehen. © Screenshot TikTok „datcutecouple“/Xinhua/Imago/BuzzFeed Austria

TikTok ist voll von toxischen Trends. Vor allem, wenn es um Beziehungen geht, scheint die Plattform vor nichts haltzumachen. Schon gar nicht vor Privatsphäre.

Videos, in denen Fremdgeher:innen vor den Augen der Welt geoutet werden. Treue-Tester:innen, die über Privatnachrichten mit Menschen flirten und den Verlauf anschließend auf TikTok teilen. Sogar ganze Schlussmach-Aktionen finden sich in unzähligen Videos auf der Social Media-Plattform.

#cheating: Toxischer TikTok-Trend

Stell dir vor, du steckst in einer Beziehung. Du bist eigentlich ganz glücklich, zumindest hattest du bisher keinen Grund, dir über irgendwas Sorgen zu machen. Eines Tages scrollst du ganz ohne jegliche Hintergedanken durch deinen TikTok-Feed und entdeckst, dass dein:e Partner:in fremdgegangen und dabei von einem TikTok-User oder einer -Userin erwischt worden ist. Dem nicht genug, siehst du auch, dass du bereits seit Wochen auf der Plattform gesucht wirst und während das Video viral gegangen ist, unzählige Menschen eine Meinung zu deiner Beziehung gebildet haben. Denn Fremdgehen ist auf TikTok ein Riesen-Trend. Der Hashtag #cheating hat 6,5 Milliarden Aufrufe. Besonders freut sich die TikTok-Community darüber, wenn jemand Fremdgeher:innen auf die Schliche gekommen ist.

Immer wieder werden User:innen aufgerufen, jemanden zu finden, dessen Freund:in offenbar nicht treu gewesen ist. Der oder die TikToker:in macht sich dabei nicht die Mühe, die betrogene Person privat ausfindig zu machen, sondern stellt deren Privatangelegenheiten auf eine Plattform, die seit 2021 eine Milliarde Menschen erreicht. TikTokerin Polly-Jae Webster zum Beispiel suchte öffentlich nach der zukünftigen Frau von Adam, einem Bauarbeiter aus London, um ihr von seinem Bachelor-Abend zu erzählen.

Hier stellt sich die Frage, meint es Polly nur gut und will sich solidarisch zeigen oder geht es ihr viel mehr um hunderttausende Views, die sie durch so eine Aktion abstauben kann? Egal, welche Intention dahinter steckt, im Endeffekt werden die privaten Angelegenheiten fremder nichtsahnender Personen öffentlich diskutiert. Das ist absolut nicht in Ordnung und höchst problematisch. Denn egal wie schlimm Fremdgehen ist, jede:r hat ein Recht darauf, seine Beziehungsprobleme unter sich zu klären.

Alles für die Views

Die Sensationsgeilheit der Menschen führte in einigen Fällen sogar dazu, dass User:innen Cheating-Storys auf der Plattform teilten, von denen sich später herausstellte, dass die im echten Leben nie stattgefunden haben. Alles für die Views eben. Zumindest sind in diesem Fall keine intimen Details von fremden Beziehungen veröffentlicht worden.

Noch kritischer sehe ich die Videos, die das Verhalten einer Person an den Pranger stellen. Zum Beispiel, wenn der vermeintliche Freund bei einem vermeintlichen Date die Profile anderer Frauen auf seinem Handy durchscrollt. Hier werden zwei nichtsahnende Menschen gegen ihren Willen gefilmt, damit die TikTokerin auf Social Media eine „oage Gschicht“ erzählen kann. Wissen wir aber, was da gerade wirklich passiert? Ist es überhaupt ihr Freund oder vielleicht doch der Bruder? Sind es gezielt die Profile der Frauen, die er da durchscrollt oder doch einfach nur der allgemeine TikTok-Feed? Who are we to judge?

Noch invasiver wird TikToks Faszination mit dem Fredgehen beim Trend #loyaltytest. Hier werden sogenannte Treuetester:innen von Personen in einer Beziehung damit beauftragt, über Privatnachrichten mit deren Partner:innen zu flirten. Die Tester:innen berichten anschließend den Auftraggeber:innen und diese dürfen dann entscheiden, ob sie mit ihrer oder ihrem Partner:in zusammenbleiben. Ein Beziehungstest, der direkt aus der Hölle kommt.

Wir müssen nicht alles teilen

Natürlich gibt es auf der Social Media Plattform auch unzählige Videos, in denen die User:innen ehrlich über ihre eigene Erfahrung mit toxischen Beziehungen oder Fremdgehen berichten. An dieser Art, sich mitzuteilen, kann ich durchaus etwas Positives sehen. Immerhin teilen die Uploader:innen hier ihre eigenen Geschichten, können so vielleicht besser damit umgehen und zeigen anderen User:innen gleichzeitig, dass es in Ordnung ist, darüber zu sprechen. Viele Menschen können sich zudem vielleicht damit identifizieren. Der große Unterschied: Hier ist die Person selbst betroffen und entscheidet aktiv darüber, ob ihre Beziehungsprobleme von anderen gesehen und bewertet werden.

Sobald die User:innen aber fremde Personen involvieren, ohne diese davor um ihr Einverständnis gebeten zu haben, wird es problematisch. Immerhin wird hier massiv in die Privatsphäre der Menschen eingegriffen. In den Kommentaren können unzählige Nutzer:innen ihre Meinung über eine Person oder eine Beziehung abgeben, ohne dass die Betroffenen darum gebeten haben. Wir müssen nicht alles teilen, nur um die Sensationsgeilheit der Menschen zu stillen und so Views zu ergattern. Vielleicht ist es endlich an der Zeit, dass uns in der Schule beigebracht wird, wie wir mit Social Media umgehen und welche Grenzen nicht überschritten werden sollten.

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