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Toxisches Trash-TV Dating: Das koreanische „Single‘s Inferno“ ist problematisch

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Von: Helena Dimmel

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„Single‘s Inferno“ Szene am Pool
„Single‘s Inferno“ ist die neueste Cringe-Show aus Südkorea. © Netflix

Wow, toll, alles squeaky clean, alle wunderschön, keine Makel, keine Poren, dafür aber aalglatte Persönlichkeiten ohne Ende: Das koreanische „Single‘s Inferno“ ist die neueste schreckliche Dating-Show auf Netflix und bietet Einblick in kulturell gefärbte Oberflächlichkeiten.

Trash-TV Dating Shows, die zum Himmel schreiend oberflächlich sind, gibt es schon gefühlt seit Anbeginn der Zeit (als die Dinosaurier noch unseren Planten bewohnten). Anfang der 2000er schon - Wer erinnert sich? Als XZibit noch unsere Rides mit 50 Zentimeter dicken „Flach“-Bildschirmen in der Größe von iPads und Bambus-Bodenbelag pimpte - da hüpften junge, resche Kandidat:innen aus einem schwarzen MTV-Doppeldecker-Bus, nur um teilweise innerhalb von wenigen Sekunden mit einem nonchalanten „NEEEEXT!“ um die Dating-Chance ihres Lebens gebracht zu werden.

Ja, auch damals war der Shit schon oberflächlich. Dennoch möchte ich hier argumentieren, dass die mediale Neuzeit (Sprich HD-Streaming-TV-Formate, TikTok und die toxischen Beauty- und Lifestyle-Standards von Social Media wie „That Girl“) solche Show-Formate in bisher unerreichte Abgründe getrieben hat. Sieht man zum Beispiel ziemlich gut an „Too Hot to Handle“, wo den sexsüchtigen Kandidat:innen Anfang 20 ein imaginärer Keuschheitsgürtel auferlegt wird, um sie zu „meaningful relationships“ zu zwingen. Oder eben auch an „Single‘s Inferno“, dem koreanischen Netflix-Export, der seit kurzem in europäischen Gefilden abrufbar ist.

„Single‘s Inferno“ hat alles, was Dating-Shows oberflächlich macht und noch viel mehr

Glänzende, stählerne Körper, perfekt frisierte Puppen-Gesichter und eine großzügige Portion normalisierter Schönheits-OPs. „Single‘s Inferno“ scheut nicht davor zurück, ganz offensichtliche „Ideal-Typen“ in Szene zu setzen, die alle ultra perfekt, trainiert, dünn und schön sind und sich gegenseitig in erster Linie nach dem Äußeren beurteilen. Der Plot der Show ist schnell erzählt: Auf einer einsamen Insel finden sich neun flirty Singles zusammen, die unter horrenden Bedingungen - 34 Grad, selber kochen (whaaaaat) und Wasser holen - in Zelten schlafen. Ich mein, sie sind noch immer auf einer subtropischen Insel und der Sonnenuntergang ist eine Augenweide, but that‘s beside the point. Auf jeden Fall nennt sich diese Insel „Inferno“ oder direkt aus dem Koreanischen übersetzt „Höllen-Insel“.

Wenn man es schafft, der Höllen-Insel zu entfliehen (sic), kommt man zur Paradies-Insel, in Form eines unglaublich riesigen Hotel-Zimmers, mit privatem Pool und aus unerfindlichen Gründen Dining-Tischen für 20 Personen. Nicht nur können sich Teilnehmer:innen im Paradies in one on one Dates intimer begegnen, nein, sie dürfen sich sogar nach dem Alter und der Jobbeschreibung fragen. Wenn zwei flirty Singles sich gegenseitig wählen, dürfen sie in das Riesen-Hotelzimmer einziehen, für eine Nacht. Hin und wieder gibts dann noch halbherzig designte Games (Renn 20 Meter aus dem Wasser über den Strand und hol dir ein Fähnchen) und am Ende verlassen die Singles die Inseln alleine oder eben als Pärchen. So far so good.

Kulturelle Feinheiten und Oberflächlichkeiten, die schwer übersetzbar sind

Dass man auf der Höllen-Insel weder Alter noch Profession erfragen darf, ist in der koreanischen Kultur ein wichtiger Wegweiser für soziale Interaktionen, der auf einmal komplett wegfällt. Man versucht, die Teilnehmer:innen dazu zu bewegen, hinter die Fassade zu schauen, auf den Charakter zu achten, also im Wesentlichen eine Variante von dem, was man den wilden Westler:innen in „Too Hot to Handle“ mit dem Sexy Stuff-Verbot antut.

Die Koreanische Sprache hat eine Vielzahl von Nuancen, die je nach sozialem Status in die Satzstrukturen einfließen. 존댓말 (jondaemal) heißt die Höflichkeitssprache, mit der fremde Personen, aber auch Ältere respektvoll angesprochen werden. 반말 (banmal) ist das informelle „niedere“ Äquivalent, das einerseits eine gewisse Nähe wie Freundschaft zum Ausdruck bringt, andererseits auch verwendet werden kann, um auf jemanden mit geringerem sozialen Status „hinunterzuschauen“. Ob Jondaemal oder Banmal benutzt wird, entscheidet sich oft durch Altersunterschiede und definiert in weiterer Folge, wie Menschen miteinander interagieren. Dem entgehen die Show-Produzent:innen, indem die Kandidat:innen eben auf der Höllen-Insel das Alter der anderen nicht erfragen dürfen.

Das Wort „Hölle“ oder „Inferno“ ist nicht umsonst so gewählt

Südkorea ist eine der reichsten Nationen der Welt. Umfragen des Korea Women‘s Development Institute’s 119th Gender Equality Policy Forums aus dem Jahre 2019 zeigten jedoch klar auf, dass die Lebensqualität und die individuelle Lebenszufriedenheit in Südkorea sehr niedrig sind. Sage und schreibe 75 Prozent aller 19-34-Jährigen Südkoreaner:innen würden gerne in ein anderes Land ziehen. 80 Prozent der Befragten beschrieben Südkorea als „Hölle“.

Diese Bezeichnung kommt nicht von ungefähr. 헬조선 (Hell Joseon), bestehend aus „Hölle“ und „Joseon“, nach der Joseon-Dynastie, einem Königreich auf der koreanischen Halbinsel aus dem 14. Jahrhundert, ist ein Begriff, der seit 2015 von jungen Erwachsenen äquivalent für „Südkorea“ gebraucht wird. Der Ausdruck wird verwendet, um Widerstand gegen die koreanische Regierungspolitik zu zeigen, gegen die Jugendarbeitslosigkeit, wirtschaftliche Ungleichheit und die Unmöglichkeit, der Armut trotz harter Arbeit zu entkommen.

Yeonhap News definiert Hell Joseon als eine materialistische Gesellschaft, die Eigeninteressen begünstigt und allgemein zu Irrationalität im täglichen Leben beiträgt, als einen sozioökonomischen Wettkampf mit klaren Gewinner:innen und Verlierer:innen auf Basis von Status-Symbolen wie Schönheit und monetären Ressourcen.

Schon mit dem Eintritt in die Universität wird in Südkorea aussortiert, wer prestigeträchtig ist und wer nicht. Die „SKY“-Universitäten bestehend aus den Top drei der nationalen Bildungseinrichtungen, Seoul University, Yonsei University und Korea University, gelten auch heute noch als Eintrittsticket zu einem „guten“ Anstellungsverhältnis. Dass man in „Single‘s Inferno“ die Profession des romantischen Gegenübers also nur herausfinden kann, wenn man sich schon für einander entschieden hat, überrascht also wenig: So soll es wohl als weitere Maßnahme für die Kandidat:innen dienen, um den Fokus bei der Partnerwahl auf den Charakter zu legen.

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