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In Österreich wird es für Journalist:innen immer gefährlicher, von Corona-Demonstrationen zu berichten

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Von: Johannes Pressler

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Der Journalist Michael Bonvalot berichtet von einer Demonstration.
Der freie Journalist Michael Bonvalot in Aktion. © David Prokop

Von Beschimpfungen bis zu körperlichen Angriffen: Für Journalist:innen wird es immer gefährlicher, von Corona-Demonstrationen zu berichten.

Seit fast zwei Jahren dreht sich nun schon so gut wie alles um das Coronavirus und die politischen Schutzmaßnahmen, die wir alle Tag für Tag spüren. Beinahe genauso lange wird gegen diese Schutzmaßnahmen auf Österreichs Straßen schon demonstriert. Erst am Samstag (8. Jänner) sollen laut Polizei rund 40.000 Menschen in der Wiener Innenstadt demonstriert haben. Doch nicht nur die Anzahl dieser Corona-Demos nimmt immer mehr zu, auch die Art und Weise, wie dabei mit den Journalist:innen vor Ort umgegangen wird, wird immer gefährlicher.

Berichterstattung von vorderster Front: „Eindeutige Veränderung“

Kaum jemand erlebt das so hautnah mit, wie der freie Journalist Michael Bonvalot. Schon von „mehreren hunderten Demonstrationen“ hat der in Wien arbeitenden Reporter berichtet. Insbesondere die Live-Berichterstattung auf seinem Twitter-Account liefert Einblicke von Demonstrationen, als würde man selbst mitten im Getümmel stehen.

Schon zuvor sei es für Bonvalot nicht wirklich angenehm gewesen, von rechtsextremen und neofaschistischen Aufmärschen zu berichten, doch vor allem seit der Jahreswende 2020/2021, also um die Zeit des Beginns der Corona-Schutzimpfung, habe die Gefahrenlage eine neue Dimension erreicht. „So eine schnelle Radikalisierung wie auf den Corona-Demonstrationen habe ich in Österreich noch nie erlebt“, sagt Bonvalot im Gespräch mit uns.

Ähnlich sieht das der Presseclub Concordia, der sich seit 1859 für hochwertigen und unabhängigen Journalismus in Österreich einsetzt. „Die Situation hat sich stark verschlechtert“, sagt uns Concordia-Generalsekretärin Daniela Kraus. Vor den Corona-Demos habe man solche Angriffe in Österreich kaum gekannt, obwohl der Presseclub bereits seit dem Aufkommen von Hass im Netz gewarnt hatte, dass dieses Verhalten auch auf der Straße landen könnte. Verantwortlich dafür seien für Kraus vor allem Akteur:innen aus dem rechten Eck, die „bewusst Hetze betreiben“ würden.

Sicherheitsmaßnamen bei Corona-Demos: Safety first

Für Journalist:innen wie Michael Bonvalot ist es mittlerweile so gefährlich, von den Corona-Demonstrationen zu berichten, dass es sogar schon eigenen Sicherheitsmaßnahmen benötigt. „Bei den Aufmärschen habe ich regelmäßig einen Helm und eine Brille mit Splitterschutz mit“, sagt Bonvalot. Das mache der Journalist natürlich nicht nur zum Spaß, sondern weil er regelmäßig mit Flaschen oder vollen Dosen beworfen wird.

Der Journalist Michael Bonvalot filmt auf einer Corona-Demo.
Der Schutzhelm ist für Michael Bonvalot bei Demonstrationen mittlerweile ein Muss. © David Prokop

Die Schutzausrüstung aber nicht genug, braucht Bonvalot sogar schon ein eigenes Security-Team, um von den Corona-Demos berichten zu können. Wenn der Journalist auf Twitter einen Live-Einstieg von einer Demonstration macht, sieht man nur ihn und die Demonstrierenden im Hintergrund. Was man jedoch nicht sieht: „Die tatsächliche Aufstellung ist, dass um mich herum ein Sperrkreis von Personen ist, die absichern, dass ich nicht angegriffen werde.“

Mitten in Wien: Hooligan-Attacke auf Bonvalot und sein Team

Dieses Security-Team sei tatsächlich auch notwendig, sagt Bonvalot. Es hätte nämlich schon mehrere Situationen gegeben, wo größere Gruppen versucht hätten, ihn und sein Team anzugreifen. Letztens erst im November 2021, als Bonvalot und sein Team auf der Wiener Ringstraße von einer Gruppe aus der Hooligan-Szene attackiert wurden.

„Wir wurden mit Flaschen beworfen und Getränke wurden auf uns geschüttet. Eine Person setzte sogar einen Pfefferspray ein. Ich wurde nur nicht verletzt, weil der Spray nicht funktionierte“, beschreibt der Journalist die Szene vor ein paar Monaten. Daraufhin sei es sogar zu Versuchen gekommen, Bonvalot und sein Team körperlich anzugreifen. Das Sicherheitsteam konnte die Attacke jedoch abwehren.

Presse auf Corona-Demos: Was macht die Polizei?

Wer auf den vielen Corona-Demos ebenfalls stark präsent ist, ist die Polizei. Journalist Bonvalot ist jedoch der Ansicht, dass vielen Polizist:innen vor Ort gar nicht bewusst wäre, wie gefährlich die Lage für Journalist:innen mittlerweile sei. Ein Vorfall war für Bonvalot besonders absurd.

„Einmal bin ich in den Fokus einer Neonazi-Hooligan-Gruppe geraten. Ich habe gesehen, dass sie mich wahrnehmen und beobachten. Daher ging ich zu einem Motorradpolizisten und bat ihn, ob er kurz dableiben könnte, damit es nicht zu einem Angriff kommt“, beschreibt Bonvalot. Der Polizist habe dem Journalisten aber nur geantwortet, dass er seine „Füße in die Hand nehmen“ soll. „Dann ist er weggefahren“, sagt Bonvalot, für den klar ist: „Da wäre schon sehr viel gewonnen, wenn die Polizist:innen einfach ihren Job ernst nehmen und ihre Aufgaben wahrnehmen würden.“

Für Daniela Kraus vom Presseclub Concordia habe die Polizei schon einige Bemühungen getroffen und natürlich seien solche Demos für die Polizist:innen extrem herausfordernd. „Aber da könnte noch mehr gehen“, sagt die Concordia-Generalsekretärin, die sich aber vor allem auch auf der sprachlichen Ebene mehr Wertschätzung gegenüber Journalist:innen wünschen würde. Kraus bezieht sich dabei auf die gesamte Politik: „Es braucht mehr Anerkennung, dass Journalist:innen für die Demokratie extrem wichtig sind. So kommen die Bürger:innen ja zu ihren Information.“

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