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Afghanistan: Ein Land geprägt von Krieg und Flucht

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Von: Johannes Pressler

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Ein Mitglied der Taliban steht Wache in Chost, einer Stadt im Süden Afghanistans, im September 2021.
Ein Mitglied der Taliban steht Wache in Chost, einer Stadt im Süden Afghanistans, im September 2021. © Xinhua/imago

Seit der Machtübernahme der terroristischen Talibanbewegung im August 2021 befindet sich Afghanistan im Ausnahmezustand. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Ob während des Kalten Krieges oder seit den Terrorangriffen in New York, Afghanistan ist ein seit vielen Jahrzehnten verwundetes Land.

Für Jahrhunderte gilt Afghanistan vor allem als ein Durchgangsland auf dem Weg nach Indien oder Persien. Ein eigenes politisches Machtzentrum ist das Land eher selten. Das Land Afghanistan hat seinen Ursprung in der Mitte des 18. Jahrhunderts. 1747 wird der persische Eroberer Nadir Schah ermordet. Ein Machtvakuum entsteht, die Zeit für ein selbstständiges Afghanistan ist gekommen.

Der puschtanische Stammesverband der Durrani setzt sich in einem Machtstreit durch, Ahmad Schah Durrani wird zum ersten König der Afghanen ernannt. Die Zeit bis zum 19. Jahrhundert ist geprägt von ständigen Konflikten zwischen den Durrani und dem Stammesverband der Ghilzai. Selbst innerhalb der Durrani kommt es allerdings immer wieder zu Intrigen, Mord und Verrat.

Die Gründung des modernen Afghanistans

Wenn wir von der Gründung des modernen Afghanistans, so wie wir es heute kennen, sprechen, ist besonders ein Name wichtig: Emir Abdarrahman Khan. Als Folge der anglo-afghanischen Kriege (1838-1842 und 1878-1880) muss Afghanistan starke Gebietsabtretungen akzeptieren. Britisch-russische Grenzkommissionen übernehmen die Festlegung der neuen Außengrenzen, das Land verliert seine außenpolitische Unabhängigkeit und erhält den Status eines britischen Protektorats. Afghanistan fungiert somit als eine Art Pufferstaat zwischen Russisch-Zentralasien und Britisch-Indien.

Geografisch ist Afghanistan auch heute noch weder ein Teil von Vorder- und Zentralasien noch gehört es zum indischen Subkontinent. Der Binnenstaat hat auch keinen Zugang zu einem Meer und besteht großteils aus schwer erreichbaren Gebirgsregionen. Aufgrund dieser Schnittstellenposition ist das Land kulturell sowohl vom Iran, Indien als auch Zentralasien geprägt. Neben dem Iran grenzt der Binnenstaat an Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, China und Pakistan. Mit Letzteren kommt es bis heute zu einzelnen Gebietsstreitigkeiten.

Afghanistan: Die wichtigsten Fakten

Erste Reformversuche im 20. Jahrhundert stoßen auf Widerstand

Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sind von der Rückgewinnung der außenpolitischen Souveränität, einigen gescheiterten Reformen und der daraus folgenden Stagnation geprägt. Amanullah Khan versucht nach dem dritten anglo-afghanischen Krieg (1919) erste Veränderungen durchzusetzen. Vorschläge, wie die Einschränkung der Polygamie, stoßen vor allem vonseiten der konservativen Stammesführer und religiösen Kräfte allerdings auf erheblichen Widerstand und resultieren in einem Aufstand im Osten Afghanistans und dem Sturz des Herrschers.

So folgt ab den 1930er Jahren der innenpolitische Rückzug in den Konservatismus, nach außen hin versucht sich Afghanistan in einem Balanceakt mit den beiden Supermächten der Sowjetunion und den USA. Erst rund 30 Jahre später kommt es zu erneuten Versuchen, das Land demokratischer zu machen, mit einem unblutigen Militärputsch (1973) werden aber auch diese Bemühungen im Keim erstickt. Erst ein zweiter Militärputsch fünf Jahre später bringt die kommunistische Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) an die Macht.

„Die Russen kommen“

Die DVPA versucht etwa mit Land- und Bildungsreformen zu trumpfen, den dörflichen Eliten in Afghanistan gefällt das aber überhaupt nicht. Aus einem Volksaufstand wird in kurzer Zeit ein Bürgerkrieg und daraus der Einmarsch sowjetischer Truppen im Dezember 1979. Aus einem nationalen Kampf war so ein internationaler Konflikt geworden. Auf der einen Seite die DVPA mit der Rückendeckung der Sowjetunion (UdSSR), der Widerstand der Mujaheddin mit finanzieller und militärischer Unterstützung der USA, Pakistan und Saudi-Arabien.

Mit dem afghanischen Bürgerkrieg und der sowjetischen und US-amerikanischen Mitwirkung war somit auch der Kalte Krieg in Afghanistan angekommen - mit verheerenden Folgen: rund eine Million tote Afghan:innen, die großflächige Zerstörung der Infrastruktur, mehr als sechs Millionen Geflüchtete nach Pakistan und Iran und mehr als 2,5 Millionen Geflüchtete innerhalb Afghanistans.

Die heutige Bevölkerung Afghanistans im Vergleich zu Österreich

AfghanistanÖsterreich
Bevölkerungszahl38.928.3469.006.398
Jährlicher Zuwachs2,33%0,57%
Geburtenrate pro Frau4,6 Kinder1,5 Kinder
Lebenserwartung66 Jahre82,1 Jahre

Abzug der Sowjets und Aufstieg der Taliban

Nach großen Verlusten etnscheidet sich der russische Generalsekretär und spätere Staatspräsident Michail Sergejewitsch Gorbatschow im Jahr 1989 dazu, seine Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Zwar verliert der Konflikt so die Aufmerksamkeit der gesamten Welt, der Bürgerkrieg geht aber weiter. 1996 folgt die Machtergreifung der Taliban, einer von Pakistan unterstützten islamistischen Terrorgruppe.

„Die Taliban waren eine Bewegung, die sich hauptsächlich aus ehemaligen Mudschaheddin rekrutierte, frühere Oppositionskräfte gegen das kommunistische Regime in Kabul und die sowjetischen Truppen, die in den 1980er Jahren von Pakistan aus gekämpft hatten“, sagt die deutsche Wissenschaftlerin Katja Mielke im Interview mit der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung. Trotz Kämpfen gegen eine Nordallianz hält die Taliban-Regierung bis 2001 und zerstört unzählige Kulturgüter des Landes. Darunter sogar die Bamyan-Buddhas, die einst größten Buddha-Statuen der Welt und ein UNESCO-Weltkulturerbe.

Blick auf die Überreste der Bamyan-Buddhas, zerstört von den Taliban.
Was von den Bamyan-Buddhas nach der Zerstörung der Taliban heute noch übrig ist. © Xinhua/Imago

Der 11. September und die Folgen für Afghanistan

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA, geplant von dem islamistischen Terrornetzwerk al-Kaida unter der Leitung von Osama bin Laden, kündigt US-Präsident George W. Bush nicht nur den Krieg im Irak und gegen al-Kaida an. Die Entscheidung der US-Regierung hat schwerwiegende Folgen für den gesamten arabischen Raum - so auch Afghanistan.

Mit dem Eingriff der USA gemeinsam mit der NATO und der afghanischen Nordallianz wird die Taliban-Regierung in Kabul gestürzt. Von einem friedlichen Neustart ist man allerdings weit entfernt. Im Gegenteil: Die innenpolitischen Konflikte in Afghanistan gepaart mit dem globalen Konflikt gegen den Terror erzeugen ein Pulverfass, das auch heute noch scharf ist und Afghanistan in Atem hält.

Der Afghanistan-Krieg (2001-2021): Geschätzte Todesfälle (Quelle: POLITICO)

Präsident Ghani und die Rückker der Taliban

Mit der von den USA vermittelten Präsidentenwahl 2014 kommt der ehemalige Weltbankfunktionär und Politologe Aschraf Ghani an die Macht, politische Blockaden und immer schwächer werdende Institutionen sind aber weiterhin an der Tagesordnung. Flucht und Vertreibung der Menschen ist in Afghanistan weiter präsent, laut den Vereinten Nationen herrscht im Binnenstaat immer noch eine sehr niedrige menschliche Entwicklung. Viele Afghan:innen leben unterhalb der Armutsgrenze.

Alles Umstände, die sich bald sogar noch verschlechtern könnten. Nachdem die USA im Frühjahr offiziell bestätigt, ihre Truppen noch vor dem 20-jährigen Jubiläum von 9/11 aus Afghanistan zurückzuziehen, fangen die Taliban nämlich schrittweise an, ländliche Gebiete und einzelne Städte zu besetzen. Im August entscheidet sich Präsident Ghani dazu, aus dem Land zu fliehen. Im ganzen Land kommt Panik auf, die Menschen versuchen sich in Sicherheit zu begeben.

„Der Krieg in Afghanistan ist vorbei“

Mit einem blitzartigen Vormarsch können die Taliban letztendlich - ohne viel Widerstand - auch Kabul einnehmen. Im Fernsehen zeigen sich Dutzende bewaffnete Taliban-Kämpfer im Büro von Präsident Ghani. Der Krieg in Afghanistan sei nun vorbei, behaupten offizielle Sprecher der terroristischen Bewegung. „Man werde sie an ihren Taten messen“, sagt der damalige österreichische Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) in einem ORF-Interview nach der Machtergreifung der Taliban in Kabul.

Für viele Menschen in Afghanistan bedeutet diese neue Situation allerdings vor allem eines: Unterdrückung und Gewalt. Frauen werden aus Universitäten ausgeschlossen, selbst für Barbiere gilt ein Rasierverbot. Gedroht wird mit öffentlichen Bestrafungen. Das sind die Taten der Taliban. Mittlerweile kämpft man auch gegen die wieder aufkommende al-Kaida und die terroristische Miliz Islamischer Staat (IS), alle drei sind miteinander verfeindet. Die internationalen Truppen haben sich aus Afghanistan zurückgezogen, die „Hilfe vor Ort“ ist bisweilen reine Scheinpolitik. Was bleibt, ist ein weiterhin verwundetes Land.

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