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Wie afghanische Frauen bereits Ende der 90er unterdrückt wurden und was das für die neue Taliban-Herrschaft bedeutet

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Von: Emily Erhold

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Frauen halten ein Protestschild mit dem Text „Das Leben von afghanischen Frauen ist in Gefahr“ in die Luft.
In Indien protestieren Menschen im Oktober 2021 für mehr Rechte von Frauen in Afghanistan. © Mayank Makhija/ NurPhoto/ Imago

Bereits zum zweiten Mal ist Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban. Für Frauen bedeutet das ein massiv eingeschränktes Leben. So war es bereits im Islamischen Emirat von 1996 bis 2001.

Während der ersten Regierungszeit der Taliban Ende der 90er hatten Frauen so gut wie keine Rechte. Die Beteiligung am öffentlichen Leben war ihnen untersagt. Das Haus durften sie nur in Begleitung eines Mannes verlassen. Nach der erneuten Machtübernahme 2021 verkündeten die Taliban in ihren Bemühungen um internationale Akzeptanz zunächst, Frauen Zugang zu Bildung, Arbeit und medizinischer Versorgung bereitzustellen, sobald die entsprechenden Einrichtungen nach den Gesetzen des Islams für Frauen sicher seien - eine Argumentation, die bereits 1996 von den Taliban kommuniziert wurde.

Afghanistan vor den Taliban: Frauenrechte im Kulturen-Clinch

Im September 1996 eroberten die Taliban erstmals große Teile Afghanistans. Zuvor kam es im Land immer wieder zu Modernisierungsversuchen, die auch die Emanzipation der Frau einbezogen. König Amanullah Khan begann nach dem Vorbild der Modernisierung in Europa in den 1920er Jahren mit einer Bildungsreform. Er erließ zudem ein Kopftuchverbot und untersagte die Sklaverei. Laut dem afghanischen Historiker und Politikwissenschafter Mir Ghulam Mohammad Ghobar seien die von Khan angestoßenen Frauenrechtsreformen aber zu rasant und radikal für das damalige afghanische Volk gewesen. So wollte Amanullah auch die Polygamie, die „Morgengabe“ und Kinderverlobungen und andere frauenfeindliche Sitten abschaffen. Bestimmte Bevölkerungsgruppen, insbesondere die Paschtunen-Stämme fühlten sich durch diese Reformen sehr eingeschränkt.

In den 60er bis in die 70er und 80er kam es zu einem zweiten Modernisierungsversuch, eingeleitet von König Mohammed Sahir Schah, der eine moderne Verfassung einführte. Mohammad Daud Khan, der Afghanistan zu Republik machte, und später die „Volksdemokratischen Partei“ (PDPA) führten diesen Modernisierungsprozess fort. Insbesondere der Zeitraum zwischen 1963 und 1978 ist in der Literatur als „Goldenes Zeitalter“ Afghanistans bekannt. Aus dieser Zeit stammen auch die in westlichen Medien weit verbreiteten Bilder von afghanischen Frauen in Miniröcken und mit toupierten Frisuren. Die westliche Mode war allerdings vor allem in den Städten und insbesondere unter den reicheren Familien verbreitet.

Nach der autokratischen Regierung Daud Khans kam es zu einer kommunistischen Regierung, die 1978 die Gleichstellung von Mann und Frau erklärte. Doch wie schon zuvor ließ man die Lebensrealität in den ländlichen Gebieten außer Acht. Immer breitere Bevölkerungsschichten sahen ihre Machtpositionen durch die gesellschaftliche Modernisierung bedroht. Auf der anderen Seite hatten die Kommunisten auch viele Anhänger:innen, darunter vor allem emanzipierte Frauen. Es bildeten sich sogar Frauenmilizen. Immer wieder kam es zu sogenannten Bürgerkriegen der Kulturen. 1996 fiel Kabul schließlich an die Taliban. Das „Islamische Emirat“ bedeutete das Ende jeglicher Fortschritte in Bezug auf Frauenrechte.

Frauen unter der Taliban-Herrschaft: Ein Leben in Abschottung

Von 1996 bis 2001 war es für Frauen in Afghanistan nahezu unmöglich am öffentlichen Leben teilzuhaben. Der Glaubensvorstellung der Taliban nach sollten Frauen in sogenannter „Parda“ leben, also in vollkommener Abschottung. So wolle man die „Keuschheit“ und „Würde“ der Frau sicherstellen. Konkret bedeutete dieses Frauenbild, dass Mädchen ab acht Jahren nicht mehr mit Männern außerhalb der Familie in Kontakt treten durften. Wollte eine Frau das Haus verlassen, dann nur mit Burka und nur in Begleitung eines Mahrams, eines männlichen Blutsverwandten. Männer sollten zudem nicht die Stimmen von fremden Frauen hören. Deswegen war es Frauen untersagt, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Auch hohe Absätze durften sie nicht tragen, damit man ihre Schritte nicht hören konnte.

Frauen durften sich nicht auf der Terrasse oder dem Balkon ihres Hauses aufhalten. Fenster, in die man von außen blicken konnte, sollten abgeschirmt werden, damit kein Fremder einen Blick auf die im Haus lebenden Frauen erhaschen konnte. Weibliche Personen durften auch nicht in Medien oder auf Bildern in Geschäften und im eigenen Haushalt dargestellt werden. Frauen war es zudem untersagt im Radio oder TV zu Wort zu kommen. Öffentlichen Versammlungen durften sie ebenfalls nicht beiwohnen.

Ohne Begleitung kein Leben

Da Frauen nur in Begleitung ihres Mahrams das Haus verlassen durften, konnten all jene, die keinen männlichen Verwandten hatten, weder Einkäufe noch sonstige Erledigungen außerhalb der eigenen vier Wände tätigen. Mädchen durften nur bis zum Alter von acht Jahren die Schule besuchen. Frauen hatten also keinen Zugang zu Bildung, was eigentlich der islamischen Pflicht widersprach. Die Taliban bezeichneten diesen Ausschluss damals als temporär. So wollten sie ihren Angaben zufolge erst die Bildungseinrichtungen absichern, um die Geschlechtertrennung zu gewährleisten - eine ähnliche Argumentation wie auch nach der Machtübernahme 2021.

Ebenso verhielt es sich im Berufsleben. Die Taliban verbannten alle Frauen von ihrem Arbeitsplatz. Eine Ausnahme von diesem Verbot gab es im Gesundheitswesen. Doch die Einschränkungen für Frauen und die damit einhergehenden Strapazen führten schnell dazu, dass viele von ihnen ihren Beruf freiwillig aufgaben.

Schlechte medizinische Versorgung von Frauen

Dass es immer weniger weibliches Gesundheitspersonal gab, führte bald zu einem weiteren Problem. Denn Männern war es nicht gestattet, den Körper einer Frau zu berühren - auch nicht für Untersuchungen und ärztliche Beratungen. Frauen hatten also nur sehr eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung.

Die Frauenrechte in Afghanistan nach der ersten Taliban-Herrschaft

Der Großteil der restriktiven Gesetze, die es unter den Taliban gegeben hatte, wurden nach dem Sturz des Regimes 2001 aufgehoben. Der Burka-Zwang, das Schul- und Arbeitsverbot gehörten demnach zwar der Vergangenheit an, dennoch war die Situation der afghanischen Frauen auch nach dem Ende der ersten Taliban-Herrschaft alles andere als ideal. 2005 schrieb die Politikwissenschafterin Renate Kreiler, dass auch drei Jahre nach dem Abzug der Taliban Frauen nur eingeschränkt am öffentlichen Leben teilhaben konnten:

„Durch die katastrophale Sicherheitslage, insbesondere außerhalb der Hauptstadt Kabul, und die ständige Präsenz zahlreicher Bewaffneter auf den Straßen wird die Teilnahme von Frauen am öffentlichen Leben enorm eingeschränkt. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung und machen den Weg zu Schule, Universität und Arbeitsplatz für Mädchen und Frauen zum angstbesetzten Dauerrisiko.“

Renate Kreiler, 2005

Im Afghanistan nach der ersten Taliban-Herrschaft waren Frauenrechte gesellschafts- und machtpolitisch stark umkämpft. Besonders für Frauen am Land galten die Rechte nur auf dem Papier. International verpflichtete sich die neue Führung Afghanistans zwar, Frauenrechte zu gewährleisten. So wurden 2004 Frauen in der Verfassung der Islamischen Republik Afghanistan rechtlich gleichgestellt. 2009 unterzeichnete der afghanische Präsident Hamid Karsai allerdings ein Familiengesetz für die schiitische Minderheit, wonach Frauen das Haus nur in dringenden Ausnahmefällen ohne Erlaubnis des Ehemannes verlassen durften.

Frauen unter der neuen Taliban-Herrschaft: Schulschließungen und Geschlechtertrennung

Auch wenn es in den letzten 20 Jahren zu keiner vollkommenen Gleichstellung der Geschlechter kam, hatten die Frauen in Afghanistan in der Islamischen Republik mehr Freiheiten als unter dem Taliban-Regime. So konnten sie auch Universitäten und Hochschulen besuchen. Mit der erneuten Machtübernahme der Taliban nach dem Abzug der US-Truppen am 30. August 2021 sorgten sich vor allem westliche Staaten um die Situation von Afghanistans Frauen. UN Women forderte die sofortige Evakuierung von Frauenrechtler:innen sowie feministischen Politiker:innen, Journalist:innen und Ärzt:innen, da diese Gruppe besonders durch die Politik der Taliban bedroht seien.

Die neuen Taliban-Führer kündigten zwar an, Frauen weiterhin den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung zu ermöglichen und ihnen Rechte „im Namen der Scharia“ zuzugestehen. Doch schnell zeichnete sich ein widersprüchliches Bild ab. Zum Schulstart wurden nur männliche Schüler und Lehrer zurück in die Sekundarschulen gerufen. Das bedeutet für Mädchen ab 12 Jahren, dass sie vom Unterricht ausgeschlossen sind. Zuerst müsse eine „ordnungsgemäß islamische Atmosphäre“ geschaffen werden, heißt es von den Taliban.

Auch die Institutionen, die die Frauenrechte im Land gewährleisten, werden nach und nach abgebaut. Das Frauenministerium wurde unter der neuen Führung mit einem Tugend- und Predigtministerium ersetzt. Im September 2021 gingen afghanische Aktivistinnen trotz Demonstrationsverbot auf die Straßen und protestierten gegen die Einschränkung ihrer Freiheiten. Frauenrechtsorganisationen fürchten die Abschottung von Frauen wie bereits unter der ersten Taliban-Herrschaft.

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