1. BuzzFeed.at
  2. News
  3. Flucht & Migration

Eine neue Studie zeigt, warum es Menschen mit Migrationshintergrund wegen Corona besonders hart trifft

Erstellt:

Von: Johannes Pressler

Kommentare

Links im Bild der Wiener Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr und rechts im Bild eine Frau, die gepflegt wird.
Der Wiener Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (NEOS) und sein Integrationsrat haben eine Studie über die Auswirkungen der Coronapandemie auf Menschen mit Migrationshintergrund präsentiert. © Michael Indra/SEPA.Media/APA-PictureDesk/Panthermedia/Imago/BuzzFeed Austria

Vor allem bei der Arbeit, in den Schulen und beim Wohnen hat sich die Situation der Migrant:innen aufgrund der Pandemie verschärft. Bei Demonstrationen sind sie unterrepräsentiert.

Seit mittlerweile fast zwei Jahren dreht sich alles um COVID-19, besser bekannt als das Coronavirus. Vom Krankenhauspersonal bis zu den Menschen in den Altersheimen wurde in dieser Zeit schon über viele Berufs- und Bevölkerungsgruppen heftig debattiert. Doch ein Teil der Bevölkerung, der so wie bei vielen politischen Themen untergeht, sind die Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich.

In Auftrag gegeben von Vizebürgermeister und Integrationsstadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS) hat sich ein zehn Personen starkes Team von Expert:innen aus der Wissenschaft und der Praxis die veränderte Situation der Migrant:innen aufgrund von Corona nun genauer angesehen. Herausgekommen sind ein paar besorgniserregende Ergebnisse.

Corona: Menschen mit Migrationshintergrund trifft es besonders

Die große Erkenntnis aus der Untersuchung: Sowohl in den Bereichen Arbeit, Bildung als auch Wohnen hat das Coronavirus überdurchschnittlich starke Auswirkungen für Menschen mit Migrationshintergrund. Die Migrationsforscherin und Sprecherin des Integrationsrats Judith Kohlenberger fasste zusammen, dass das weniger mit der Infektionshäufigkeit zu tun habe, sondern mehr mit ökonomischen und sozialen Fragen.

Ganz deutlich zeigt sich das bei einem Blick auf den Arbeitsmarkt. Besonders Menschen, die vor nicht so langer Zeit etwa aus Syrien oder Afghanistan nach Österreich gekommen sind, tun sich schwer, einen Job zu finden. Die Arbeitslosenquote ist hier um 45 Prozent gestiegen, heißt es vom Integrationsrat der Stadt Wien, zu dem unter anderem auch der angesehene Integrationsexperte Kenan Güngör gehört.

Doch auch für Menschen mit Migrationshintergrund, die berufstätig sind, sei die bisherige Pandemie eine große Herausforderung gewesen. Das liege laut Kohlenberger daran, dass viele in systemrelevanten Jobs wie Pflege, Reinigung oder Lebensmittelhandel, aber auch zum Beispiel als Essenslieferant:innen arbeiten würden. Besondere Anerkennung hätten diese Arbeitskräfte nicht bekommen, auch wenn sie „die Stadt am Laufen gehalten haben“.

Ebenfalls problematisch für Menschen mit Migrationshintergrund waren die Ausgangsbeschränkungen in Verbindung mit der Tatsache, dass man Aktivitäten in der so wichtigen eigenen Community nicht mehr ausüben durfte. Der Bericht kritisiert auch, dass Migrant:innen oft teurer und gleichzeitig in schlechteren Verhältnissen wohnen würden. Deshalb sei Homeoffice und Homeschooling für diese Gruppe eine umso stärkere Belastung gewesen. Und ist es immer noch.

Als Sündenböcke dargestellt: Auch psychische Folgen

Neben den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie dürfe laut des Expert:innen-Teams auch der psychische Faktor nicht übersehen werden. So kam man nämlich auch zu dem Ergebnis, dass die Diskriminierung an Menschen mit Migrationshintergrund ebenfalls zugenommen hat.

Man denke nur zum Beispiel an eine der umstrittenen Aussagen von Ex-Kanzler Sebastian Kurz, der im letzten Jahr behauptete, dass insbesondere die Menschen, die den Sommer 2020 in ihren Herkunftsländern verbracht haben, für die steigende Zahl an Neuinfektionen verantwortlich wären. Die Menschen mit Migrationshintergrund seien also die Sündenböcke.

Ein Vorwurf, den der Mathematiker und Statistiker Erich Neuwirth im Interview mit der Tageszeitung „Der Standard“ nicht bestätigen konnte: „Ich weiß nicht, woher der Kanzler diese Zahlen haben konnte. Es gibt keine mir bekannten Zahlen, die etwas zu Migration oder Nationalität aussagen.“

Ebenfalls besorgniserregend: Laut dem Untersuchungsbericht haben Anfeindungen gegenüber Menschen aus Asien besonders stark zugenommen. Das liege daran, dass das Coronavirus aus China stammen würde, hält das Expert:innen-Team fest. Diese Anfeindungen würden nicht nur von anonymen Social-Media-Accounts im Internet getätigt werden, sondern mittlerweile auch von „ganz normalen Menschen“ in der Mitte unserer Gesellschaft.

Apropos „ganz normale Menschen“: Solche sollen ja auch zu jenen gehören, die seit Wochen auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung protestieren und dabei noch mehr Öl in das ohnehin schon brennende Feuer in diesem Land gießen. Eine Bevölkerungsgruppe, die zu diesen Ausnahmezuständen nicht beisteuert, sondern dabei sogar stark unterrepräsentiert ist: Menschen mit Migrationshintergrund.

Auch interessant

Kommentare