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„Wie Tetris mit Menschen“: Sozialbetreuer erzählt, wie es derzeit in einem heimischen Geflüchtetenlager zugeht

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Von: Johannes Pressler

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Drei Geflüchtete neben einer Reihe an Autos. Es schneit.
Über 500.000 Menschen sind seit Kriegsausbruch schon aus der Ukraine geflohen. © Kunihiko Miura/AP/APA-PictureDesk

Laut der Bundesregierung sei Österreich auf die anstehende Geflüchtetensituation „gut vorbereitet“. Stimmt das?

Seit der Invasion Russlands am letzten Donnerstag (24. Februar) herrscht in der Ukraine Krieg. Laut einer aktuellen Einschätzung des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) sind seitdem in der Ukraine über 500.000 Menschen in benachbarte Länder geflohen. Die meisten davon nach Polen, doch auch die anderen europäischen Nationen bereiten sich auf die Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine vor.

Wenn es nach Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) geht, sei Österreich darauf „gut vorbereitet“. Doch ist das wirklich so? BuzzFeed Österreich hat bei einem Sozialbetreuer nachgefragt, der als Freizeit- und Lernpädagoge in einem Geflüchtetenlager eines südlichen österreichischen Bundeslandes arbeitet. Aufgrund einer Verschwiegenheitsklausel im Dienstvertrag wollte der Mann anonym bleiben.

Wie hat sich seit Kriegsausbruch die Situation in dem Lager, wo Sie arbeiten, verändert?

Wir haben es insofern gespürt, da jetzt fast täglich Klient:innen von anderen Standorten zu uns kommen. Sogar am Wochenende, obwohl das eher unüblich ist. Mit dem Personalmangel ist das schwer zu vereinbaren. Von unserer Seite aus wurden Vorbereitungen getroffen, um mehr Schlafplätze zu organisieren. Es ist wie Tetris mit Menschen. Natürlich versuchen wir aber auch alles coronakonform abzuwickeln. Also Einhaltung des Mindestabstands, FFP2-Maskenpflicht und ständige interne Testungen.

Sind bei Ihnen schon ukrainische Geflüchete angekommen?

In unsere Einrichtung wurden noch keine Ukrainer:innen gebracht, aber wir bekommen all jene Personen, die sich zuvor an den Grenzen oder im Osten Österreichs befanden, damit diese Lager dann für die ukrainischen Geflüchteten frei sind. Das führt eben zu spontanen Transferierungen, die sehr stressig sind.

Mit wie vielen Geflüchteten aus der Ukraine wird derzeit bei Ihnen gerechnet?

Eine genaue Zahl oder Einschätzung kann ich von meiner Seite derzeit nicht geben. Die Ukraine ist ja normalerweise kein Land, aus dem viele Menschen flüchten. Es wird mit mehr Frauen und Kindern gerechnet, da die Männer wahrscheinlich im Krieg bleiben müssen.

Was wird noch unternommen, um sich auf die Geflüchteten aus der Ukraine vorzubereiten?

Alle Dokumente werden ins Ukrainische und Russische übersetzt. Es werden Betten aufgestockt, Grundversorgungsartikel bestellt und der dafür nötige Lagerplatz hergestellt. Das Personal wird zudem ein wenig eingeschult, wie man mit Menschen aus der Ukraine und Russland am besten umgeht.

Die österreichische Regierung sagte am Montag (24. Februar), dass Österreich auf die anstehende Geflüchtetensituation „gut vorbereitet“ wäre. Sehen Sie das auch so?

Die Arbeit, Grundversorgung und das Budget für geflüchtete Menschen könnte eine Überholung gebrauchen. Dieses Klischee, dass Geflüchtete alles bekommen und alles gratis ist, entspricht in keinster Weise der Wahrheit. Ich möchte nicht mehr ins Detail gehen, aber vieles ist wirklich fast menschenunwürdig. Leider ist es bei uns so wie in vielen Branchen, dass wir zu wenig Personal haben, um es für die Geflüchteten und auch die Mitarbeitenden angenehmer zu machen. Als Mitarbeiter ist es eben schwierig, wenn man weiß, dass sich der Dienstplan jederzeit ändern könnte und man dann mehr Stunden arbeiten muss. Die Arbeit mit Geflüchteten kann sehr belohnend und schön sein, ist aber auch sehr intensiv und anspruchsvoll. Sowohl körperlich als auch mental. Wir geben unser Bestes, allen Menschen eine gute Grundversorgung und eine angenehme Integration in unsere Gesellschaft zu geben.

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