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„Sie brauchen sofort Hilfe“: Ein Psychotherapeut über die Betreuung geflüchteter Kinder

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Von: Emily Erhold

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Bildmontage: Ukrainisches Kind und Psychotherapeut Philipp Lioznov.
Wir haben mit einem Psychotherapeuten und Psychologen darüber gesprochen, wie man geflüchteten Kindern jetzt helfen kann. © Zuma Wire/ImagoPhilipp Lioznov/BuzzFeed Austria

Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind bereits aus der Ukraine geflüchtet. Viele von ihnen sind Kinder. BuzzFeed Austria hat nachgefragt, welche mentalen Folgen der Krieg und die Flucht haben.

Seit dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar befinden sich Millionen von Ukrainer:innen auf der Flucht. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. Philipp Lioznov ist Psychotherapeut und Psychologe und arbeitet ehrenamtlich mit geflüchteten Kindern aus der Ukraine. Im Gespräch mit BuzzFeed Austria erzählt der Russe mit ukrainischen Wurzeln, wie sich der Krieg und die Flucht auf die Psyche der Jüngsten unserer Gesellschaft auswirkt und was man tun kann, um zu helfen.

Philipp, du hast dich gemeldet, um freiwillig mit geflüchteten Kindern aus der Ukraine zu arbeiten. Wieso?

Weil ich als Psychologe und Psychotherapeut, der auch Russisch spricht, hier helfen kann. Ich habe auch Kontakt zu russischsprachigen Menschen, die jetzt aktiv helfen, sowie zu österreichischen Institutionen wie zum Beispiel zu der Stadt Wien, zu Kliniken, zu psychologischen und psychotherapeutischen Einrichtungen, aber auch zum Beispiel zu Kindergärten.

Was brauchen geflüchtete Kinder jetzt?

Hier kann ich eine kleine Geschichte erzählen: Eine Bekannte von mir ist Leiterin von einem Kindergarten in Wien. Gemeinsam mit einer weißrussischen Gruppe, und auch ukrainischen und russischen Menschen organisiert sie gerade für geflüchtete Kinder kleine Aktivitäten wie etwa Malen oder Kneten. Es ist wichtig, dass die Kinder, die hier ankommen, auch wieder etwas zu tun bekommen. Es ist auch wichtig, dass sie gemeinsam mit anderen Aktivitäten nachgehen. Stabilität, Routine, Sicherheit, Hoffnung: All das brauchen sie jetzt besonders. Sie sollen sehen, dass sich andere Menschen um sie kümmern. Bei den Aktivitäten, die hier organisiert werden, lernen sie auch andere Kinder kennen. Man sollte auch darauf achten, dass die geflüchteten Kinder nicht in einen Strudel negativer Gedanken verfallen, wie beispielsweise: ‚Alles ist schlimm. Alles ist schrecklich. Alle Menschen sind böse‘ und dergleichen. Man muss sie also auffangen.

Geflüchtete Kinder haben viel Schreckliches erlebt. In ihrem Heimatland herrscht Krieg. Auch auf der Flucht müssen sie viele Strapazen überwinden. Wie äußert sich das mental?

Ganz unterschiedlich. Wichtig ist zu sagen: Es ist ein sehr komplexes Trauma, das im Krieg ausgelöst wird. Das ist nicht eine einmalige Angelegenheit, sondern dauert langfristig an. Das kann sich zumindest über Wochen ziehen. Außerdem ist es ‚man-made‘, also von anderen Menschen gemacht. Das ist schon für erwachsene Menschen besonders belastend und für Kinder noch mehr. Die Psyche von einem Kind ist sehr sensibel, weil die psychische Struktur und die Identität noch nicht ausgeprägt, noch nicht gefestigt sind. So ein Trauma trifft ältere Menschen tendenziell nicht ganz so hart wie Kinder. Ältere Menschen sind resistenter. Also ganz wichtig ist zu sagen: Kinder sind sehr vulnerabel. Deswegen brauchen sie auch sofort, nachdem sie bei uns ankommen, unsere Hilfe. Sie fühlen sich vielleicht hilflos und möchten vielleicht dann auch gar nichts mehr tun. Sie geraten dann in eine Art Passivität, fühlen sich ängstlich. Es kann zu Beginn also ganz viele psychische Traumafolgestörungen geben. Am Anfang ist auch eine akute Belastungsreaktion ganz normal.

Äußert sich die Belastung bei Kindern anders als bei Erwachsenen?

Bei Kindern äußert sich das dann in ihrem Verhalten, während es sich bei Erwachsenen oft in der Psyche äußert. Kinder können sich zurückziehen, vielleicht in eine frühere Entwicklungsstufe fallen. Sie können sich einnässen, schweigen, Panikattacken oder Schlafstörungen bekommen. Die betroffenen Kinder können auch Schuldgefühle haben, sich also für das Geschehene verantwortlich fühlen. Wenn die Eltern nicht mit der Situation umgehen können, fangen vielleicht die Kinder an, sich um ihre Eltern zu kümmern. Es gibt auch Fälle, in denen die Kinder nur noch über den Krieg reden und über nichts anderes.

Kann es auch körperliche Symptome geben?

Auf jeden Fall. Körperliche Symptome wären, wenn die Kinder beispielsweise hypervigilant sind. Das bedeutet, dass sie die ganze Zeit in einer Übererregung, also sehr schreckhaft sind. Dann läuft bei ihnen zum Beispiel die ganze Zeit Schweiß, sie haben einen höheren Herzschlag und zittern. Da kann es sehr viele Symptome geben. Körperliche Beschwerden wären zum Beispiel auch Schmerzen, also Kopf- oder auch Muskelschmerzen, für die man dann keine medizinische Ursache findet. Das kann übrigens nicht nur unmittelbar danach, sondern auch langfristig auftreten. Es können ganz viele psychologische Folgestörungen auftauchen. Deswegen betone ich immer wieder: Hilfe für die Kinder muss sofort da sein.

Wie kann sich die Belastung durch den Krieg langfristig auswirken?

Langfristig können sie risikoreiches Verhalten an den Tag legen. Das äußert sich beispielsweise durch Missbrauch von Alkohol, Drogen oder riskantes Verhalten wie zum Beispiel schnelles Autofahren. Es kann sich durchaus eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung ergeben. Man muss natürlich dazu sagen: nicht bei allen! Aber die Gefahr besteht. Generell gilt: Wenn das Kind unnormales Verhalten zeigt, dann ist das für die ersten Tage auch völlig verständlich und kein Grund zur Besorgnis. Aber wenn es länger andauert, sollte auf jeden Fall ein:e Expert:in aufgesucht werden.

Gibt es hier spezielle Therapieformen?

Ja, die gibt es. Aber generell würde ich erstmal an die Eltern appellieren, selbst zu versuchen, dem Kind zu helfen - also das Kind häufiger umarmen und mit dem Kind auch reden und versuchen, die Situation kindgerecht zu erklären. Beispielsweise könnte man sagen: ‚Andere Menschen haben uns angegriffen. Das ist nicht in Ordnung. Aber jetzt sind wir an einem geschützten Ort, jetzt sind wir in Sicherheit. Und wir werden hier auch bleiben und man wird sich um dich kümmern.‘ Das Kind sollte aber auch nicht zu viel vom Krieg mitbekommen. Das ist auch wichtig für Eltern von österreichischen Kindern.

Wie kann man verhindern, dass das Kind zu viel vom Krieg mitbekommt?

Ein kleines Kind im Volksschulalter sollte beispielsweise nicht so einfach den Fernseher anmachen oder auf Instagram und andere Social-Media-Kanäle zugreifen können. Denn sonst wird es von den schrecklichen Bildern des Krieges überflutet. Da besteht dann auch die Gefahr des sogenannten Sekundärtraumas. Das gilt nicht nur für Kinder. Mich rufen auch Österreicher:innen, denen es gerade nicht gut geht, an.

Was sollten freiwillige Helfer:innen beachten, wenn sie mit geflüchteten Kindern arbeiten?

Mit dem Kind viel reden. Nicht nur über den Krieg, sondern auch normale Routinesachen machen, wie zum Beispiel Malen, Mathe durchgehen oder Bücher lesen. Es ist also wichtig, ein bisschen Normalität herzustellen. Ganz wichtig ist, mit viel Empathie, Fingerspitzengefühl und mit gesundem Menschenverstand auf die Kinder zugehen. Als Psychotherapeut gebe ich die Frage immer zurück: Was würdest du brauchen, wenn du als kleines Kind in ein fremdes Land kommst und vor dem Krieg fliehst? Es sind oft ganz banale Sachen. Ich habe auch schon viele schöne Geschichten von geflüchteten Menschen gehört. Sie haben mir erzählt, dass sie noch immer unter Schock standen und an der rumänischen Grenze haben Freiwillige den Kindern eine Banane oder ein Stück Schokolade gereicht und sie angelächelt. Das ist das, was die Menschen jetzt brauchen: Menschliche Wärme. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir ihnen helfen und solidarisch sind. Wichtig ist aber auch zu betonen: Die Menschen dürfen diese soziale Unterstützung auch ablehnen. Das heißt, man sollte zu Beginn auch Respekt zeigen und nichts erzwingen. Hilfe kann man anbieten, aber es ist okay, wenn diese Hilfe nicht angenommen wird. Man kann auch mit einem zu aufdringlichen Fragestil retraumatisieren. Also bitte nicht sensationsgeil nachfragen: ‚Was ist denn passiert? Erzähl mir genau, was da passiert ist!‘

Welche Anlaufstellen gibt es in Österreich für Kinder, die psychologische oder psychotherapeutische Betreuung brauchen?

In Österreich gibt es auch psychologische, psychosoziale Einrichtungen, Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen, die helfen. Außerdem gibt es den Krisenchat. Hier chatten ehrenamtliche Profis aus dem psychologischen und psychosozialen Bereich, die Russisch oder Ukrainisch sprechen können, mit betroffenen Kindern. Hier mache ich ebenfalls mit. Beim Krisenchat müssen die Kinder auch nicht vor Ort sein. Diese Form der Betreuung können sie von überall beziehen, weil sie eben digital ist.

Siehst du als Psychotherapeut und Psychologe Österreich im Bereich der Betreuung von geflüchteten Menschen ausreichend aufgestellt?

Das ist schwer zu sagen, weil man ja nicht abschätzen kann, wie viele Geflüchtete tatsächlich nach Österreich kommen. Ich möchte aber erwähnen, dass hier schon etwas in Planung und im Aufbau ist. Ich wurde schon von Einrichtungen angerufen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es hier von offizieller Seite ein bisschen zu langsam geht. Viele russisch- und ukrainischsprachige Expert:innen organisieren sich jetzt schon selbst. Ich appelliere aber auch, dass auf jeden Fall finanziell etwas getan werden müsste, wenn mehr Geflüchtete in Österreich aufgenommen werden. Man kann dann nicht einfach hoffen, dass alles selbst organisiert wird.

Wie es mit den Kinderrechten in Österreichs Asylwesen aussieht, erfährt ihr hier.

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