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Goldrausch, Schlaflosigkeit und „scheinheiliger Scheiß“: Österreichs Olympia-Stars im Interview

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Von: Johannes Pressler

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Fotomontage von Matthias Mayer (links) und Anna Gasser (rechts) mit ihren Goldmedaillen.
Matthias Mayer (links) und Anna Gasser sind zwei der österreichischen Olympia-Champions. © Jorge Silva/Reuters/Jae C. Hong/AP/APA-PictureDesk/BuzzFeed Austria

Wir waren bei der Olympia-Medaillenfeier in der Wiener Hofburg. Anna Gasser, Matthias Mayer & Co. standen Rede und Antwort.

Es gab einiges zu feiern im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg. Immerhin waren die Olympischen Winterspiele 2022 in China die zweiterfolgreichsten der österreichischen Sportgeschichte. Jeweils sieben Medaillen in Gold und Silber, vier in Bronze. Nur 2006 in Italien waren Österreichs Athlet:innen noch erfolgreicher.

Hoher politischer Besuch und Freude über Wiener Schnitzel

Dementsprechend prominent besucht war der festliche Empfang in Wien. Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) und die ÖVP-Mininster:innen Gerhard Karner, Magnus Brunner und Klaudia Tanner. Ein Who‘s who der österreichischen Politik ließ sich die Feier in der Wiener Hofburg mit den gefühlten 1000 Kronleuchtern, die von der Decke hängen, nicht entgehen. Selbst der ORF übertrug die Zeremonie live mit Gute-Laune-Moderator:innen Karoline Rath-Zobernig und Lukas Schweighöfer.

Beim Empfang der österreichischen Medaillengewinner:innen im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg.
Beim Empfang der österreichischen Medaillengewinner:innen im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg. © Hans Punz/APA-PictureDesk

Als Belohnung gab es für die Athletinnen und Athleten goldene, silberne und bronzene Münzen der Wiener Philharmoniker im Wert von bis zu 17.000 Euro. Der restliche Abend war geprägt von Freude, Stolz und Scherzen über die Tatsache, wie sehr man sich schon wieder auf ein Wiener Schnitzel gefreut hätte. Doch wie werden uns die im Vorhinein so umstrittenen Spiele in China tatsächlich in Erinnerung bleiben? Wir nutzten die Gelegenheit, um mit vier der österreichischen Olympia-Stars darüber zu sprechen.

Pure Emotionen und schlaflose Nächte

Das Besondere an den Olympischen Spielen ist, dass sie nur alle vier Jahre stattfinden. Umso größer ist daher der Druck, wenn an genau dem einen Tag alles aufgehen muss. Diesen Druck spürte auch Stefan Kraft. Der 28-jährige Skispringer hat in seiner Karriere schon so gut wie alles erreicht: zwölf Medaillen bei Weltmeisterschaften und mehrere Gesamtweltcupsiege. Nur olympisches Edelmetall blieb dem Salzburger bisher verwehrt. Im Team-Bewerb vor ein paar Tagen sollte sich das ändern. „Dann haben wir den Emotionen einfach freien Lauf gelassen. Es ist doch ein Kindheitstraum gewesen. Gemeinsam mit dem Team und den Freunden ganz oben zu stehen und zu feiern, das war natürlich ganz speziell“, sagt uns Kraft im Interview, die Goldmedaille um seinen Hals hängend.

Die vier österreichischen Goldmedaillengewinner im Skispringen.
Skispringer Stefan Kraft (ganz rechts) gewann im Team-Bewerb die Goldmedaille. © Hans Punz/APA-PictureDesk

Ähnliches gilt für Benjamin Karl. Schon 2010 in Kanada konnte der Niederösterreicher Silber gewinnen, vier Jahre später in Russland folgte eine Bronzemedaille. Nur die Goldene fehlte noch auf der Bucket List des Snowboarders. Im Parallelriesenslalom war es aber diesmal so weit, richtig glauben kann es der frisch gebackene Olympiasieger noch immer nicht. „Seit dem Olympiasieg führe ich ein außergewöhnliches Leben. Es ist so aufregend, teilweise kann ich in der Nacht gar nicht schlafen, weil einfach so viel passiert. Ich habe noch nie in einer Woche so wenig geschlafen“, sagt Karl mit einem tatsächlich ziemlich müden Blick in den Augen.

Sowohl Anna Gasser als auch Matthias Mayer wissen bereits, wie es sich anfühlt, Olympia-Gold zu gewinnen. Das machte ihre Siege in Peking aber in keiner Weise weniger aufregend. „Last von den Schultern, überglücklich. Da war alles dabei“, sagt Gasser, die den Big-Air-Bewerb der Snowboarderinnen nach Olympia 2018 bereits zum zweiten Mal gewinnen konnte. Für Mayer war es nach 2014 und 2018 schon die dritte Goldmedaille. Das ist österreichischer Olympia-Rekord bei den Ski Alpinen. „So etwas zu erreichen, ist natürlich ein riesiger Meilenstein in meiner Karriere“, sagt der Skifahrer, die Münzen der Wiener Philharmoniker in den Händen haltend.

Anna Gasser mit einer Österreich-Fahne nach ihrem Olympia-Sieg.
Snowboarderin Anna Gasser gewann in Peking ihre bereits zweite Goldmedaille. © Kirill Kudryavtsev/AFP/APA-PictureDesk

Die grünen Winterspiele: „Ein scheinheiliger Scheiß“

Neben dem Sport, der bei den Leistungen der österreichischen Athletinnen und Athleten wirklich nicht zu kurz kommen sollte, wurden die Spiele in Peking jedoch heftig kritisiert. Zum einen gab es den Vorwurf, dass die Spiele in China nur mehr teilweise etwas mit Wintersport zu tun haben würden. 100 Prozent Kunstschnee und rund 2,5 Milliarden Liter Wasser für die Kunstschnee-Abdeckung aller Wettkampfstätten: Nachhaltige Spiele sehen auf den ersten Blick anders aus. Noch lange Zeit werden uns die Bilder von den Freestyle-Bewerben inmitten eines Industriegebiets in Erinnerung bleiben.

Wie nachhaltig die Spiele in Peking tatsächlich waren, damit habe sich Skispringer Stefan Kraft nicht wirklich auseinandergesetzt. Es würde ihn aber freuen, wenn die Schanze dort weiterhin für Weltcup-Bewerbe genutzt werden würde. „Ich glaube aber, dass das leider nicht so sein wird“, sagt der Olympiasieger mit einem pessimistischen Blick.

Für Benjamin Karl sei es ein „Blödsinn“, nach der Nachhaltigkeit zu fragen. „Ich kann den ganzen scheinheiligen Scheiß schon langsam nicht mehr hören“, sagt der Snowboarder. Denn auch in Österreich gäbe es kein einziges Tal, das nicht zugepflastert und voller Skitourismus wäre. Ohne Kunstschnee würde auch hier kein Skisport mehr möglich sein. „Darüber brauchen wir nicht reden. Das haben sich die Menschen in China nicht verdient“, sagt Karl, für den es nicht nur aus sportlicher Sicht „recht schöne Spiele“ gewesen wären.

Snowboard-Olympiasieger Benjamin Karl mit der Goldmedaille in seinen Händen.
Für Snowboard-Olympiasieger Benjamin Karl sei die Debatte um die Nachhaltigkeit der Spiele in Peking nur ein „scheinheiliger Scheiß“. © Ben Stansall/AFP/APA-PictureDesk

Olympische Winterspiele im politisch kontroversen China

Neben der breiten Debatte um die Nachhaltigkeit der Spiele in Peking stand die Sportgroßverstanstaltung im Schatten der umstrittenen Politik der chinesischen Regierung. Besonders in Bezug auf die massiven Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Uigur:innen, einer muslimischen Minderheit in China. Wir haben bereits darüber berichtet. Doch wie gingen die Olympia-Stars selbst damit um? Setzt man sich damit auseinander, während es gerade um Gold, Silber und Bronze geht? Bei den Spielen in China war es den Athlet:innen ja sogar verboten, sich darüber zu äußern.

„Als Mensch bekommt man so etwas immer mit“, sagt Skifahrer Matthias Mayer. Wir könnten froh sein, dass wir uns in Österreich um solche Sachen, wie in China passieren, in dem Sinne nicht groß kümmern müssten. Mayer sehe es aber „als unsere Pflicht“, sich das anzuschauen und auch anzusprechen. „Wenn ich aber für den Sport hinfahre, dann steht das für mich nicht im Vordergrund. Im Endeffekt müssen die politischen Entscheidungsträger:innen dagegen etwas sagen und unternehmen“, sagt der dreimalige Olympiasieger.

Skifahrer Matthias Mayer jubelnd im Ziel.
„Als Mensch bekommt man so etwas immer mit“, sagt Olympiasieger Matthias Mayer zur politischen Kritik während der Spiele in China. © EXPA/APA-PictureDesk

Noch etwas kritischer sieht das Ganze Anna Gasser. Bei den Spielen an sich sei die Snowboarderin schon sehr auf den Sport konzentriert gewesen und habe versucht, die umstrittene Politik der chinesischen Regierung auszublenden. Im Vorfeld habe die Olympiasiegerin aber viel über den Austragungsort nachgedacht, sagt sie uns im Interview: „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob der Austragungsort für das Image von Olympia die beste Entscheidung war.“ Für Gasser liege es an den Verantwortlichen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die Olympischen Spiele zu „einem Standort zu bringen, wo alles passt“.

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