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Planet vor Kollaps: „Acht Milliarden Menschen sind nicht schädlich für das Klima – sondern die wenigen Reichen“

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Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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Milliardär Elon Musk polarisiert gerne – sein ökologischer Fußabdruck ebenfalls.
Milliardär Elon Musk polarisiert – sein ökologischer Fußabdruck ebenfalls. © Arnulf Hettrich/Noam Galai/Imago/afp (Montage)

Die Klimakrise trifft vor allem die, die sie nicht verursacht haben. Elon Musk etwa ist so klimaschädlich wie eine Million (!) Durchschnittsmenschen. Ein Ausstieg aus dem Klimakarussell ist dennoch möglich.

Köln – Elon Musk verursacht mehr Emissionen als eine Million durchschnittlicher Menschen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Oxfam-Studie anlässlich der UN-Weltklimakonferenz COP27 in Ägypten. Zwar ist nicht explizit von dem neuen Twitter-Eigentümer die Rede. Aber davon, dass ein Milliardär für mehr Treibhausgase verantwortlich ist, als besagte Anzahl der ärmeren 90 Prozent der Weltbevölkerung. Jetzt ist nicht jeder Elon Musk. Fakt ist aber, dass der globale Norden die Hauptschuld für die Klimaerwärmung hat – und das trotz stagnierender bis sinkender Bevölkerungszahl.

„Nicht jeder Mensch trägt gleich viel zur Klimakrise bei. Es ist falsch zu sagen, dass mit steigender Zahl der Menschen auch die Belastung für das Klima anwächst“, sagt Lutz Weischer von der NGO Germanwatch der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA, „insbesondere der wohlhabende Teil der Weltbevölkerung, aber vor allem die Superreichen, belasten das Klima übermäßig stark.“ Die Rechnung, dass eine steigende Bevölkerungszahl direkte Auswirkungen auf die Klimakrise habe, gehe nicht auf. Brisant sind dagegen die Wechselwirkungen zwischen Klima und demografischem Wandel – vor allem in Afrika.

Acht Milliarden Menschen: Globaler Norden trägt am meisten zur Klimakrise bei

Passend zu dem von der UN ausgerufenen Stichtag der Geburt des achtmilliardsten Menschen (15. November) findet in Scharm el Scheich die Klimakonferenz statt. Noch bis zum 18. November wird in Ägypten über die Bekämpfung der Klimakrise diskutiert. Der Schauplatz der COP27 setzt den Schwerpunkt: Es geht um Klimagerechtigkeit. Konkrete Handlungsschritte, insbesondere bei dem Thema „Loss and Damage“, der Finanzierung klimabedingter Schäden im globalen Süden, bleiben jedoch bislang aus. „In einzelnen Regionen, die stark von der Klimakrise betroffen sind, kommt es zu Dürren und Ernteausfällen. Die Klimakrise trifft besonders diejenigen, die sie am wenigsten verursacht haben – und deren Lebensbedingungen bereits zuvor schwierig waren“, so Weicher.

Viele Kinder bekommen noch immer vor allem arme Menschen. Wie Berechnungen der Vereinten Nationen ergeben, nimmt daher insbesondere in Afrika die Bevölkerungszahl zu. Der Anstieg verteilt sich dort aber ungleich. In Marokko, Tunesien und Botswana kommen bereits deutlich weniger Kinder auf die Welt als noch vor ein paar Jahrzehnten. Auch Senegal, Ruanda und Malawi wachsen langsamer. In Subsahara-Afrika hingegen wird sich die Anzahl der Menschen bis 2050 auf zwei Milliarden verdoppeln. Äthiopien, die Demokratische Republik Kongo und Nigeria werden bis Mitte des Jahrhunderts zu den weltweit bevölkerungsstärksten Staaten zählen. Das bedeutet auch, dass immer mehr Menschen von den Folgen der Klimakrise direkt betroffen sein werden.

Thomas Nice vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung macht auf diese Wechselwirkung zwischen demografischer Entwicklung und Klimakrise aufmerksam. „Viele der Länder, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, sind auch diejenigen, die aktuell am schnellsten wachsen. Das wird dann relevant, wenn es darum geht, wie diese Menschen mit den Folgen der Klimakrise umgehen können.“ Durch schnelles Bevölkerungswachstum würden immer mehr Menschen in besonders von Überschwemmungen und Dürren gefährdete Regionen ziehen müssen oder an Hanglagen siedeln: Eine direkte Auswirkung der Klimakrise.

Globaler Süden besonders betroffen: Wechselwirkung zwischen Klimakrise und Demografie

Dann gibt es noch die indirekte Wirkung. So gebe es zwar erst wenig Forschung darüber, wie der Klimawandel die Demografie beeinflusst, erzählt Nice. Aber: „Studien zeigen, dass letztes Jahr bis zu vier Millionen Mädchen in Entwicklungsländern aufgrund der Klimakrise von der Schule ferngehalten wurden. Wenn extreme Wetterereignisse auftreten, können Menschen aufgrund einer schlechten Gesundheitsversorgung nicht einfach in die nächste Klinik. Bildung, Gesundheit und Wohlstand beeinflussen die Kinderzahl. Ist der Zugang zu diesen Leistungen schlechter, dann bekommen die Menschen in der Regel auch mehr Kinder.“

Weitere Analysen der Berliner Denkfabrik legen nahe, dass Anfang 2021 durch einen Wirbelsturm in Mosambik – und der damit einhergehende eingeschränkte Zugang zu Verhütungsmitteln – mehr als 20.000 Frauen gefährdet waren, ungewollt schwanger zu werden. Das Institut verweist auch auf die Erkenntnisse der NGO Malala Fund, gegründet von Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai, die besagen, dass extreme Wetterereignisse bis 2025 dazu beitragen, dass 12,5 Millionen Mädchen im globalen Süden ihre schulische Ausbildung nicht abschließen können. Diejenigen, die am wenigsten für die Klimakrise verantwortlich sind, zahlen also einen viel zu hohen Preis: Der Zugang zu Bildung nimmt ab. Und ist es doch gerade dieser Zugang, der zu einem demografischen Wandel führt.

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Um aus diesem Klimakarussell auszusteigen, muss aber der globale Norden, der die Hauptverantwortung für den weltweiten CO₂-Ausstoß trägt, seine Emissionen auf null herunterfahren. Weischer: „Die Veränderung unseres Energiesystems, unseres Verkehrs, unserer Industrie und unserer Landwirtschaft, ist aus klimawissenschaftlicher Sicht alternativlos. Das ist die entscheidende Baustelle, nicht das Bevölkerungswachstum.“

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