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Demokratie oder Diktatur: Das schützt besser vor der Klimakatastrophe

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Von: Philipp Keßler

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Die Auswirkungen der Klimakrise sind in vielen Regionen der Welt spürbar
Die Auswirkungen der Klimakrise sind in vielen Regionen der Welt spürbar © Yamil Lage/afp

Demokratie oder Diktatur: Welches System kann sich besser an die Klimakatastrophe und Ihre Folgen anpassen?

Die Welt trifft sich in diesen Tagen zur UN-Klimakonferenz in Sharm El-Sheikh. Das übergeordnete Ziel: Eine weitere Zuspitzung der Klimakrise verhindern, zumindest aber deren Folgen mildern. Doch ist das mit Blick auf Krieg und Frieden in der Welt überhaupt realistisch? Im Interview zeigt sich der Frankfurter Friedens- und Konfliktforscher Harald Müller skeptisch.

Herr Müller, ist eine UN-Klimakonferenz, zu der fast alle Staaten der Welt zusammenkommen, eine Chance für mehr Frieden in der Welt – oder ist die Klimakrise vielmehr ein Brandbeschleuniger für die Krisen in der Welt?

Die Veränderung des Klimas hat in jedem Fall Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Staaten –eher negative, wie zu befürchten ist. Konkurrenz um knappe Ressourcen wird verschärft. Dadurch wird Territorium für Staaten wichtiger, was immer schlecht ist, denn der Kampf um Gebiete ist nach wie vor der blutigste Teil der Menschheitsgeschichte. Die Konferenzen sind nichtsdestotrotz wichtig, bieten sie doch die Chance, sich zumindest über Grundprinzipien zu verständigen und den Versuch zu unternehmen, mit Folgen umzugehen. Das gelingt bislang allerdings nicht gut, denn es gibt einfach eine viel zu große Verzögerung zwischen den Erkenntnissen der Wissenschaft, den Erfahrungen der Menschen vor Ort und den Reaktionen von Politik und Wirtschaft. Da befinden wir uns momentan auf einem fatalen Weg, der ohne Frage Konflikte und damit einhergehend auch Fluchtbewegungen verschärfen wird.

Die Klimakrise trifft vor allem Staaten im Globalen Süden, obwohl diese am wenigstens daz ubeigetragen haben. Inwiefern liegt in diesem Punkt Konfliktpotenzial?

Natürlich stimmt es, dass vieles von dem, was aktuell in unserer Atmosphäre an Emissionen herumschwirrt, im Globalen Norden produziert wurde. Schaut man allerdings auf die aktuellen Emissionen von China, Indien oder Brasilien, sieht die Sache schon wieder anders aus. Zudem trägt die Politik von Regierungen auch in Afrika oder Lateinamerika zu weiteren Emissionen bei – einerseits durch Anreize aus dem Norden, wo weiterhin fossile Energie oder Rohstoffe aus dem Bergbau verbraucht werden. Aber auch die politischen Eliten in Entwicklungsländern tun das ihre, dass die Lage sich nicht bessert. Also muss auch in diesen Ländern manches umgestellt werden – auch aus eigener Verantwortung heraus.

Nichtsdestotrotz wird immer wieder das Argument gebracht, dass sich der Norden mithilfe von fossilen Energien entwickelt hat – und es dem Süden ebenso zustehe, das zu tun. Ist das moralisch gerechtfertigt?

Das Argument ist aus technischer Sicht nicht richtig, denn es ist heutzutage durchaus möglich, dass fossile Zeitalter in hoher Geschwindigkeit hinter sich zu lassen. Gerade im Globalen Süden liegen Gebiete mit teils besten geografischen und meteorologischen Bedingungen für die Nutzung von Erneuerbaren Energien, die dann nicht nur das eigene Land versorgen, sondern mit deren Export man auch Einnahmen aus fossilen Energieträgern ersetzen könnte. Es ist auch durchaus denkbar, dass die Länder des Südens von Anfang an viel mehr Wert auf öffentliche Verkehrsmittel legen, um die verfehlte Politik autoverstopfter Metropolen nur kurz oder sogar gar nicht mitmachen zu müssen. All diese Dinge verlangen aber eine intelligente Politik seitens der Eliten. Hier bin ich allerdings fast genauso pessimistisch wie unserer eigenen Politik gegenüber.

Ist die Klimakrise als Notsituation nicht doch eine Chance für die Beilegung historischer Konflikte?

Wenn es nach Menschenverstand und Vernunft ginge, mit Sicherheit. Viele Staaten, die miteinander in Konflikt sind, sind schließlich Nachbarn, teilen also ihr Habitat und haben damit dieselben Probleme. Aktuelle Konflikte wie zwischen Indien oder Pakistan zeigen aber, dass tief sitzende Ressentiments über Vernunft triumphieren, da selbst bestehende Vereinbarungen, etwa zum Thema Wasser, nicht besonders gut funktionieren.

Der Frankfurter Friedens- und Konfliktforscher Harald Müller
Der Frankfurter Friedens- und Konfliktforscher Harald Müller  © Christian Christes

Dänemark hat angekündigt, besonders vom Klimawandel betroffenen Ländern einen finanziellen Ausgleich für bisherige Emissionen leisten zu wollen. Ist das ein Beispiel, das Schule machen sollte?

Der Süden verlangt seit Langem Kompensation, Dänemark hat jetzt einen Weg dafür gefunden. Das ist nicht unvernünftig, denn ohne Transferleistungen werden die Länder im Süden den direkten Weg von der präindustrialisierten zur nachhaltigen Wirtschaft nicht schaffen. Jetzt muss man nur sehen, dass die Gelder auch für diese Zwecke eingesetzt werden – kein triviales Problem bei dem hohen Grad an Korruption in vielen südlichen Ländern, in denen nicht selten die größten Macho-Politiker an der Macht sind. Wenn Dänemark es allerdings schafft, dass diese Transfers wirklich in Nachhaltigkeit investiert werden, wäre es ein Modell, dem sich auch andere Länder wie Deutschland anschließen sollten.

Demokratie oder Diktatur: Welches System kann sich besser an die Klimakatastrophe und Ihre Folgen anpassen?

Von der reinen Anpassungsfähigkeit sollte die Demokratie eigentlich überlegen sein. Anpassungswille hängt in Diktaturen von wenigen Leuten ab, die keine Frühwarnsysteme, etwa in Form von Opposition, kritischer Wissenschaft oder Nichtregierungsorganisationen, zulassen – und weise Diktatoren sind selten. In Demokratien können hingegen Alternativen entwickelt und Anreize gesetzt werden, für die oft auch auf lange Sicht gesehen eine Mehrheit des Volkes votiert – auch wenn diese lange Sicht bei der Klimakatastrophe natürlich problematisch ist.

Zur Person

Der gebürtige Frankfurter Harald Müller (73) war zwischen 1999 und 2016 Professor für internationale Beziehungen an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt und zudem von 1996 bis 2015 Leiter des Leibniz-Instituts Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Aktuell ist er Supervisor am Peace Research Center der Karls-Universität Prag.

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