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Wie zum Teufel wurde die MFG in Oberösterreich zu einem politischen Erfolg?

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Von: Johannes Pressler

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September 2021: MFG-Spitzenkandidat Joachim Aigner zwischen seinen Parteikollegen am Wahlabend in Oberösterreich.
September 2021: MFG-Spitzenkandidat Joachim Aigner zwischen seinen Parteikollegen am Abend der Landtagswahl in Oberösterreich. © Rudi Gigler/Imago

Die impfkritische Partei Menschen-Freiheit-Grundrechte (MFG) schaffte es als erste nicht etablierte Liste in den oberösterreichischen Landtag. Doch wie kam es dazu?

Mit Erstaunen blickte ganz Österreich am 26. September 2021 auf die erste Hochrechnung des Landtagswahlergebnisses in Oberösterreich. „Wer zur Hölle ist denn diese MFG-Partei?“, werden sich viele Menschen im Land an diesem Sonntag gefragt haben. Mit 6,2 Prozent der ausgezählten Stimmen schaffte es die Liste Menschen-Freiheit-Grundrechte (MFG) in den Linzer Landtag. Mit drei Mandaten konnte die Partei zudem Klubstatus erhalten und bekommt dafür pro Jahr 1,1 Millionen Euro Parteienförderung.

Offizielles Endergebnis der Landtagswahl in Oberösterreich 2021

ÖVP: 37,6 % (+1,2 %-Punkte)

FPÖ: 19,8 % (-10,6 %-Punkte)

SPÖ: 18,6 % (+0,2 %-Punkte)

Grüne: 12,3 % (+2 %-Punkte)

NEOS: 4,23 % (+0,8 %-Punkte)

MFG: 6,2 % (+6,2 %-Punkte)

Sonstige: 1,3 % (+0,2 %-Punkte)

Im Wahlkampf die Wochen zuvor fiel die Partei vor allem mit ihrem kritischen Ton gegenüber der Coronaimpfung und den vergangenen Lockdown-Maßnahmen auf. Ein politischer Stil, der in Oberösterreich zumindest von einem Teil der Bevölkerung gut angenommen wurde. Doch wer genau entschied sich dazu, sein Kreuzchen der MFG mit Spitzenkandidat Joachim Aigner zu geben? Und von welchen Parteien konnte sich der Newcomer die meisten Stimmen einhamstern? Wir haben uns das Wahlergebnis genauer angesehen.

Alter, Geschlecht und Bildung: Wer wählte die MFG?

Wie eine Wähler:innenbefragung des Meinungsforschungsinsituts SORA im Auftrag des ORF ergeben hat, konnte die MFG vor allem bei den 30- bis 59-Jährigen punkten. Überdurchschnittliche neun Prozent dieser Gruppe entschieden sich für die Neupartei. Bei den Wahlberichtigten im Alter von 29 Jahren oder jünger waren es wiederum fünf Prozent, bei den Menschen ab 60 Jahren sogar nur drei Prozent.

Was besonders auffiel: Ob männlich oder weiblich (die einzigen Antwortmöglichkeiten bei der Befragung) - das Geschlecht der Wahlberechtigten scheint im Vergleich zu den anderen Parteien bei der MFG keinen großen Unterschied zu machen. Sechs Prozent der Männer wählten die neue Partei, bei den Frauen waren es mit sieben Prozent sogar noch eine Spur mehr.

Ein klares Muster zeigte sich bei dem Verhalten der Wahlberechtigten in Oberösterreich in Verbindung mit ihrer Ausbildung: Menschen mit einem Abschluss einer Lehre (acht Prozent) oder einer mittleren Schule (neun Prozent) wählten eher überdurchschnittlich viel die MFG, während sich bei den Maturant:innen nur fünf Prozent für die neue Liste entschieden. Bei den Wahlberechtigten mit einem Universitätsabschluss waren es sogar nur drei Prozent.

Wie zufrieden waren die MFG-Wähler:innen mit dem Verhalten in der Pandemie?

Wie erfolgreich die Kritik der MFG an den Coronamaßnahmen der politisch Verantwortlichen war, zeigte sich auch bei den Befragungsergebnissen nach den Wahlgründen der Menschen in Oberösterreich. Von den Menschen, die mit der Pandemiebewältigung in Oberösterreich zufrieden waren, kam nur ein Prozent aus dem Lager der MFG. Von denen, die andererseits nicht zufrieden waren, gehörten 14 Prozent zu der neuen Wähler:innenschaft der MFG.

Ein nicht ganz so extremes, aber trotzdem ähnliches Bild zeigte sich beim Wahlverhalten nach dem Einkommen der Wahlberechtigten. Von den Menschen, die laut eigenen Angaben gut mit ihrem Einkommen auskommen würden, wählten mit fünf Prozent eher unterdurchschnittlich viele die MFG. Von der Gruppe, die mit ihren Einkünften schlecht auskommen würde, machte wiederum eine von zehn Personen (zehn Prozent) das Kreuzerl bei der Newcomer-Partei.

Und in welchem Anstellungsverhältnis befanden sich die Wähler:innen der MFG? Von den Arbeiter:innen in Oberösterreich waren es ganze elf Prozent und bei den Angestellten auch zehn Prozent. In der Gruppe der Selbstständigen wählten sechs Prozent die MFG, von den öffentlich Bediensteten sogar nur zwei Prozent.

Wähler:innenstromanalyse: Von welchen Parteien kommen die MFG-Wähler:innen?

Besonders spannend beim ersten Antritt einer neuen Partei ist ein Blick auf die Wähler:innenstromanalyse - also von welchen Parteien und wie viele Wähler:innen zu der neuen Partei sprangen. Diese Analyse ist sehr hilfreich, um zu verstehen, wie sich eine Liste parteipolitisch positioniert - vor allem auch für zukünftige Wahlen. Auch das haben wir uns basierend auf den SORA-Ergebnissen genauer angesehen. Es zeigt sich ein interessantes Bild, welchen Parteien die MFG am meisten wehtun konnte.

Im Vergleich zur letzten Landtagswahl 2015 in Oberösterreich wechselten vor allem von der FPÖ (16.000 Stimmen) und von der ÖVP (15.000) die Wähler:innen zu der MFG. Doch auch von der SPÖ (8.000) und den Grünen (6.000) konnte die neue Liste einen beachtlichen Teil für sich gewinnen. Außerdem mit am Start: Jeweils 2000 ehemalige NEOS-, Sonstige- und Nichtwähler:innen.

Noch näher liegt die österreichweite Nationalratswahl aus dem September 2019, also nur wenige Monate vor dem Beginn der Coronaviruspandemie. Vergleicht man dieses Ergebnis mit dem der Landtagswahl 2021 in Oberösterreich, kommen insgesamt 27.000 Stimmen aus den Lagern der FPÖ (14.000) und der ÖVP (13.000). Jedoch auch ehemalige Wähler:innen der SPÖ (10.000) und von den Grünen (7.000) waren ziemlich stark bei der neuen Partei vertreten.

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