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Ein Logopäde erklärt, wie die stimmangleichende Therapie für trans Personen ablaufen kann

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Von: Helena Dimmel

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Lukas Müller / Trans Person
Links im Bild: Lukas Müller. Der Logopäde hilft trans Menschen dabei, ihre Stimme zu verändern. © Sandra Zarbach/ Imago/ Westend61/ BuzzFeed Austria

Wie kann man seine Stimme verändern, um männlicher oder weiblicher zu klingen? Wir haben nachgefragt.

Lukas Müller ist Logopäde in Wien und hat sich unter anderem auf die stimmangleichende Therapie mit trans Personen spezialisiert. Mit BuzzFeed Austria hat er darüber gesprochen, welche Techniken, Vorteile und Herausforderungen die stimmangleichende Arbeit für trans Personen bietet.

Herr Müller, wie können trans Personen ihre Stimme verändern, um weiblicher oder männlicher zu klingen?

Sowohl mit einer logopädischen Stimmtherapie als auch mit operativen Eingriffen kann der Stimmklang verändert werden. Wobei eine Operation die Notwendigkeit einer anschließenden Stimmtherapie nicht umgeht. In der Stimmtherapie wird in vielen Bereichen und ganzheitlich gearbeitet. Am naheliegendsten ist wohl die Tonhöhe. Durch die Einnahme von Hormonen kann die Sprechstimme oft tiefer werden, aber leider nicht höher. Deshalb wird die stimmangleichende Therapie vor allem von trans Frauen gewünscht. Also von Menschen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugeordnet wurde, deren Identität aber weiblich ist. 

Was ist das Ziel der stimmangleichenden Arbeit?

Das stimmliche Passing. Das Gegenüber soll also die Stimme der trans Person ihrer Geschlechtsidentität entsprechend wahrnehmen können. Um das zu ermöglichen, soll die mittlere Sprechstimmlage den genderneutralen Bereich erreichen, er liegt bei 165Hz. Wenn es möglich und notwendig ist, kann auch darüber hinaus gearbeitet werden. Vereinfacht gesagt geht es hierbei darum, wie hoch oder tief gesprochen wird. Aber die Tonhöhe ist nur einer von vielen Bereichen, in denen wir arbeiten. Stimmarbeit ist ein Prozess, der auch sehr intensiv sein kann. Manche sind zu Beginn der Therapie überrascht, wie sehr man sich im Rahmen der Stimmtherapie mit sich selbst beschäftigt, es ist eine tolle Möglichkeit.

Womit fängt man konkret an?

Zuerst einmal schauen wir uns an, was die eigene Stimme schon kann, welche Fähigkeiten eine Person schon mitbringt. Auch die Fremd- und Eigenwahrnehmung wird zum Thema. Wir arbeiten mit Videobeispielen und analysieren zum Beispiel die Wortwahl, Körperhaltung oder Atmung einer cis Frau. Wie sitzt sie da, wie schnell spricht sie, redet sie monoton oder nicht monoton. Ich vermute, dass sich die meisten Menschen über die vielfältigen Aspekte der Stimme, der Sprache und des Sprechens gar nicht bewusst sind, umso wichtiger ist es, das in die Stimmangleichung zu integrieren. 

Wie lange dauert so eine Therapie?

Man kann da keine allgemein gültige Aussage treffen. Mit einigen Monaten muss man schon rechnen, würde ich sagen. Es kommt natürlich immer drauf an, was der Mensch schon an Know-How mitbringt. Es gibt Menschen, die noch nie mit ihrer Stimme gearbeitet haben, oder nur schwer Tonunterschiede hören. Wenn jemand aber musikalisch ist oder vielleicht schon einmal in einem Chor gesungen hat, so kann man an einem anderen Punkt mit der Therapie beginnen.  Prinzipiell ist es bei jedem unterschiedlich, was leicht oder schwer fällt. Einer Person kann es schwerer fallen, von der Brust- in die Kopfstimme zu wechseln, der anderen, den Kehlkopf in eine Hochstellung zu bringen.

Welchen Einfluss hat der Kehlkopf auf die Stimmhöhe?

Wenn man einen tiefen Stimmklang produziert, so wandert auch der Kehlkopf im Hals nach unten. Das sogenannte Ansatzrohr, der Bereich von den Lippen des Mundes bis zu den Stimmlippen im Kehlkopf, vergrößert sich. Man kann das mit einer Geige und einem Kontrabass vergleichen: Die kleinere Geige erzeugt höhere Töne als ein Kontrabass, weil der Resonanzkörper kleiner ist. Infolgedessen achten wir bei der Stimmfeminisierung darauf, den Kehlkopf in eine Hochstellung zu bekommen, damit das Ansatzrohr kürzer ist. Damit es nicht zu Fehlspannungen kommt, sollte das unter professioneller Anleitung passieren. 

Welche Elemente der Stimme kann man noch verändern?

Ein weiterer Aspekt, an dem gearbeitet werden kann, sind die Stimmfunktionsbereiche. Drei davon sind die Vollschwingung, die Randschwingung und das Falsett. Ich als cis Mann spreche eher in der Vollschwingung, cis Frauen sprechen eher in der Randschwingung, manche würden dazu auch Kopfstimme sagen. Bei der Stimmfeminisierung versuchen wir also die Voll- durch die Randschwingung zu ersetzen und diese zu festigen. So klingt der gleiche Ton höher und weicher. Anschließend kann man noch den Twang aktivieren. Er gilt als typisch weibliches Stimm-Merkmal, Heidi Klum hat zum Beispiel gut hörende Twang-Anteile in ihrer Sprechstimme.

Arbeitet man da nicht mit Stereotypen?

Wir arbeiten da ganz stark mit Stereotypen, aber letztlich pickt man sich dann die Elemente heraus, die für einen persönlich am besten passen, und findet so zu seiner individuell passenden Stimme. Am Anfang habe ich mir schon auch gedacht, nur weil ich ein Mann bin, heißt das nicht, dass ich monoton sprechen muss – nur weil ich eine Frau bin, muss ich jetzt nicht automatisch schön mit der Lautstärke oder den Tonhöhenunterschieden arbeiten. Kann man nicht einfach so reden, wie man möchte? Natürlich stimmt das, aber wenn man das Ziel hat, besonders weiblich zu klingen, dann soll man auch das Handwerkszeug dazu haben. Deshalb ist man schließlich auch gekommen. Ich finde, das Bild mit den Schubladen passt hier gut. Wenn ich möchte, dann weiß ich, wie ich mich zum Beispiel durch eine bewusste Artikulation, Wortwahl oder auch Körperhaltung besonders unterstützen kann. Wenn das in anderen Momenten nicht notwendig ist, dann bleibt diese Schublade einfach zu. Aber: Sie ist da, wenn ich sie brauche.

Wie sind Sie zu der konkreten Arbeit der Stimmangleichung für trans Personen gekommen?

Das Thema hat mich schon immer sehr interessiert, es war allerdings nur ein kleiner Teil des Studiums. Ich habe mich dann selbst weitergebildet, diverse Fortbildungen besucht und viel eingelesen. Am meisten lernt man natürlich direkt in der Arbeit mit trans Menschen. 

Bezahlt die Krankenkasse die stimmangleichende Logopädie?

Wenn eine Diagnose vorliegt, wird die Stimmangleichung je nach Krankenkasse zum Teil oder ganz übernommen, wenn die Logopädin oder der Logopäde einen Vertrag mit dieser Kasse hat. Wenn man eine Zusatzversicherung hat, werden bis zu 100% übernommen, sonst ist je nach Krankenkasse ein Selbstbehalt zu bezahlen. Die Bewilligung nicht vergessen!

Gibt es auch Fälle, in denen operative Eingriffe gemacht werden?

Die gibt es, ich würde sie aber erst empfehlen,  wenn eine vorhergehende logopädische Arbeit nicht funktioniert hat. Bei einer gängigen OP-Methode werden die Stimmlippen verkürzt, indem sie im vorderen Bereich miteinander vernäht werden. Solche Eingriffe können im Einzelfall durchaus angezeigt und auch zielführend sein. Da das Ergebnis einer solchen OP aber oft nicht vorhersehbar ist und sie zum Beispiel zu einer dauerhaften Heiserkeit führen kann, würde ich als Logopäde zuerst empfehlen, eine Stimmtherapie zu machen. Und wenn das Ergebnis nicht zufriedenstellend sein sollte, ärztlichen Rat einzuholen, ob ein operativer Eingriff sinnvoll ist und welche Methode in Frage kommt. 

Gerade für junge Leute ist Transidentität ein wichtiges Thema: Laut einer neuen Studie bekennt sich jeder fünfte Gen Z zur LGBTQIA+ Community. Der Logopäde Lukas Müller setzt in seiner Praxis den Schwerpunkt unter anderem auf Stimmangleichung bei Transidentität und Stimmtherapie.

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