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Sicherheitsexperte Feichtinger zum Ukraine-Krieg: „Weitere Brutalisierung zu befürchten“

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Von: Johannes Pressler

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Fotomontage vom Sicherheitsexperten Walter Feichtinger links und rechts einem zerbombten Auto in der Ukraine.
Sicherheitsexperte Walter Feichtinger analysiert die aktuelle Lage des Ukraine-Krieges. © Andreas Bruckner/Genya Savilov/AFP/APA-PictureDesk/BuzzFeed Austria

Walter Feichtinger ist studierter Politikwissenschafter und war für viele Jahre einer der höchsten Offiziere des österreichischen Bundesheeres. Jetzt arbeitet der Sicherheitsexperte in Wien als Präsident des Center für Strategische Analysen (CSA).

Wir haben Sicherheitsexperte Feichtinger gefragt, was der aktuelle Stand des Krieges in der Ukraine ist, warum Österreich der ukrainischen Armee keine Waffen zur Verfügung stellt und ob es bald zu einem Ende der Auseinandersetzungen kommen könnte.

Herr Feichtinger, wir schreiben heute den achten Tag seit der Invasion Russlands in die Ukraine. Wie würden Sie die erste Woche des Krieges zusammenfassen?

Es war eine doppelte Überraschung. In Kiew hatte man nicht damit gerechnet, dass die Hauptstadt angegriffen und es einen so umfassenden Angriff aus verschiedenen Richtungen geben wird. Auf der anderen Seite war Russland überrascht, wie stark der Abwehrwille von ukrainischer Seite ist.

Welche militärische Absicht verfolgt Russland im Moment?

Es gibt den Versuch, die Hauptstadt Kiew in Besitz zu nehmen. Das ist bisher gescheitert, aber es werden jetzt immer mehr Militärkräfte nachgezogen, damit man in den nächsten Tagen einen neuen Versuch in Richtung Angriff auf Kiew starten kann. Im Osten und Nordosten des Lands bis zur Krim gibt es drei militärische Stöße russischer Truppen in die Ukraine hinein, wobei wir im Norden immer wieder die Bilder bei Charkiw sehen, wo heftige Kämpfe im Gange sind. Als zweites Gebiet haben wir die Region der russischen Separatisten, wo sich ja schon vor dem Krieg russische Kräfte befanden, und wo auch eine heftige ukrainische Abwehr stattfindet. Dann gibt es noch den Stoß aus dem Süden von der Halbinsel Krim, der einerseits Richtung Nordosten der Küste entlang geht, um hier das Gebiet mit den Separatisten zu vereinen. Auf der anderen Seite geht der Stoß aber auch Richtung Westen zur Mündung des Dnepr-Stroms. Hier ist die Stadt Cherson, die heftig umkämpft ist und jetzt auch schon in den Händen der Russen sein soll. Das sind die Entwicklungen der letzten Woche.

Steht nun die Einnahme der ukrainischen Hauptstadt Kiew bevor?

So weit würde ich noch nicht gehen. Wir erwarten allerdings einen heftigen Angriff in den nächsten Tagen, weil hier so viel zusätzliches russisches Militär herangeführt wurde und die Stadt aus Westen, Norden und Osten angegriffen werden könnte. Das ist aber noch immer keine Garantie, dass die russischen Truppen erfolgreich sein werden, weil die ukrainischen Kräfte in der Hauptstadt jetzt tagelang Zeit hatten, sich auf diesen Angriff vorzubereiten und sicherlich auch schon einiges an modernen Waffen bekommen haben. Daher erwarte ich hier zumindest in der Anfangsphase einen heftigen Abwehrkampf. 

Sollte es zu einer erfolgreichen Einnahme der Hauptstadt kommen, was würde das für den gesamten Krieg in der Ukraine bedeuten?

Aus heutiger Perspektive würde ich sagen, dass damit der Krieg noch nicht entschieden wäre. Es gibt eine äußerst professionelle ukrainische Regierung, die hier entschlossen und stark auftritt. Selbst wenn die Hauptstadt fällt, wäre es möglich, dass die Regierung in eine sichere Stadt im Westen ausweicht und von dort aus die Verteidigung der Ukraine weiterführt. 

Markus Reisner, Oberst beim österreichischen Bundesheer, sagte vor wenigen Tagen, dass die russischen Streitkräfte langsam, aber konstant von einer „moderaten“ zu einer „Volles Spektrum“-Kriegsführung übergehen würden. Was bedeutet das genau?

Das bedeutet, dass der Krieg brutaler wird und man weniger Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. Russland setzt Waffen ein, die zur Zerstörung von Gebäuden dienen und damit natürlich auch Menschen gefährden, die sich in diesen Gebäuden befinden. Dafür nimmt man Artillerie, Raketen, Kampfhubschrauber, Flugzeuge. Also alles, was eine moderne Armee zur Verfügung hat. Eine weitere Eskalation und eine weitere Brutalisierung dieses Krieges ist zu befürchten. 

Am Montag (28. Februar) gab Bundeskanzler Nehammer bekannt, dass Österreich Helme und Schutzausrüstungen für zivile Einsatzkräfte in die Ukraine entsenden wird. Welche weiteren Maßnahmen trifft das österreichische Bundesheer laut Ihren Informationen derzeit bzw. zu welchen Maßnahmen wäre das Heer überhaupt noch imstande? 

Das Bundesheer ist hier in direkter Form überhaupt nicht im Treffen, sondern das ist eine rein politische und humanitäre Angelegenheit. Wenn das österreichische Bundesheer hier Helme zur Verfügung stellt, dann ist das im Rahmen der österreichischen Unterstützung. Das ist aber eigentlich keine militärische Aufgabe und ich sehe auch keine militärische Involvierung des österreichischen Bundesheeres. Außer dass natürlich die Expert:innen ganz genau darauf schauen, was sich in dieser Gegend tut, damit man auch die Bundesregierung bestmöglich beraten kann.

Bundeskanzler Karl Nehammer spricht auf einer Pressekonferenz.
Bundeskanzler Nehammer (ÖVP) sagte, dass man Wladimir Putin für seine Kriegsverbrechen „voll verantwortlich machen“ würde. © Bendeikt Löbell/APA-PictureDesk

Länder wie Deutschland haben sich bereits dazu entschieden, Waffen der ukrainischen Armee zur Verfügung zu stellen. Warum tut Österreich das nicht?

Es ist ein großer Unterschied zwischen Österreich und Deutschland. Deutschland ist ein NATO-Mitglied und als großes Land innerhalb der NATO hier sehr gefordert, sich entsprechend solidarisch zu verhalten. Österreich ist kein NATO-Mitglied, sondern nur in der Partnerschaft für den Frieden. Österreich ist aber EU-Mitglied, daher tragen wir alle Maßnahmen der EU in vollem Umfang mit. Unsere Neutralität verbietet es uns, hier direkt Waffen an Krieg führende Kräfte, also die Ukraine, zu schicken. Daher ist das in Österreich kein Thema. In Deutschland gab es darüber eine heftige Debatte, weil man von Deutschland einfach mehr erwartet. Es hat hier ein Umdenken in Deutschland gegeben. Diese Veränderung, dass Deutschland jetzt bereit ist, diese Waffen zu liefern, ist schon gewaltig. 

Was ist Ihrer Meinung nach derzeit das realistischste Szenario, wie dieser Krieg in der Ukraine ausgehen könnte?

Momentan gibt es keine Anzeichen, dass der Krieg zum Halt kommen würde. Es sieht danach es, dass die russischen Truppen im Osten des Landes immer mehr Gelände unter Kontrolle bringen. Einzelne Städte vielleicht nicht, aber im Großen und Ganzen sieht es danach aus, dass sie in diesen Landesteilen das Sagen haben werden. Wie ein Angriff auf die Hauptstadt erfolgt und wie erfolgreich er sein kann, das werden die nächsten Tage zeigen. Hier wage ich überhaupt keine Prognose. Für mich ist aber klar, dass der Widerstandswille der ukrainischen Bevölkerung bis auf Weiteres aufrecht bleiben wird. Selbst, wenn man hier gewisse Geländeteile nicht mehr unter Kontrolle hat.

Wenn du den Menschen in der Ukraine helfen möchtest, aber nicht weißt, an wen du dich dabei wenden kannst: Wir haben für dich eine Liste mit Anlaufstellen zusammengestellt, die Hilfsgüter für die Opfer des Krieges in der Ukraine sammeln.

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