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7 Situationen, die du nur kennst, wenn du in der Krankenpflege arbeitest

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Von: Sophie Marie Unger

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Ein Meme über den Schichtdienst in der Pflege und ein Krankenpfleger
Wie ist es im Pflegebereich zu arbeiten? © Unsplash/Instagram

Heute ist Tag der Pflege. Ein Krankenpfleger erzählt, welche Situationen den Arbeitsalltag prägen und den Beruf erst so richtig ausmachen.

Wie essenziell der Pflegebereich ist, hat die Corona-Pandemie zuletzt deutlicher denn je gezeigt. Doch das Aufschieben der Pflegereform, die seit Jahren von der Regierung angekündigt wurde, sorgte für enormen Unmut beim Pflegepersonal. Das könnte sich nun ändern. Am Tag der Pflege stellte die Regierung das langersehnte Reformpaket in Höhe von einer Milliarde Euro vor. Die Einführung eines Ausbildungszuschusses könnte ein neuer Anreiz für junge Menschen sein, diesen Beruf zu erlernen. Doch wie sieht der Arbeitsalltag wirklich aus? Philip arbeitet seit 2018 als diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger. Derzeit ist er mit 35 Stunden in der Onkologie eines Krankenhauses in Wien tätig. Mit BuzzFeed Austria hat er über seine Arbeit gesprochen und erzählt, in welchen Momenten er seinen Beruf liebt und wann es schwierig wird.

1. „Wenn mich ältere Herrschaften in der Früh ohne Prothese anlachen - da geht mir das Herz auf“

Fangen wir mit einem Punkt an, der „einfach unbezahlbar ist“. Für Philipp ist die Tatsache, dass er Menschen und Familien helfen kann, eindeutig jenes Kriterium, warum er diesen Beruf überhaupt ausübt. „Der Job gibt mir sehr viel Positives zurück, was man mit Geld nicht aufwiegen kann - ich muss selbst immer wieder lachen, wenn mich ältere Herrschaften in der Früh ohne Prothese und ungewaschen anlachen - da geht dir wirklich das Herz auf. Und egal, ob mit oder ohne Zähnen, das Beste daran ist, dass es ein ehrliches Lächeln ist.“

2. „Mich wundert‘s, dass ich bei all den Schichten Tag und Nacht noch unterscheiden kann“

Das Schichtsystem zeichnet den Beruf ganz besonders aus. Im stationären Bereich der Pflege gilt vorwiegend das klassische Dreischichtensystem: Frühdienst, Spätdienst und Nachtdienst. „Gerade die Wechselschichten können den Biorhythmus echt durcheinander bringen“, erklärt Philip. Oft könne er dann einfach nicht einschlafen und nicht selten werden dann aus sieben Stunden plötzlich nur noch zwei Stunden Schlaf. „Wenn die Uhr dann schon 3:00 anzeigt und du weißt, dass du in einer Stunde aufstehen musst, stresst das manchmal echt.“

3. „Du hörst Geschichten, die ein ganzes Grimm-Buch füllen könnten“

„Die Aussage ‚Der hat ma jetzt seine gesamte Lebensgschicht erzählt‘ erreicht in unserem Beruf halt ein ganz neues Level.“ Es sei unfassbar, was manche Menschen erleben, welche Berufe sie ausüben und mit wem sie teilweise verwandt sind. „Ich hatte mal einen Patienten, der war Schlangenmelker.“ Besonders faszinierend seien ältere Menschen, die oft tolle Weisheiten parat haben, manchmal ergeben sich sogar Freundschaften, die über die Entlassung hinaus andauern. „Du hörst auf jeden Fall Geschichten, die ein ganzes Grimm-Buch füllen könnten.“ Dass es manche Patient:innen halt auch manchmal übertreiben, sei in einigen Situation natürlich anstrengend, weil man echt etwas leisten muss. „Man lernt aber schnell, damit umzugehen.“

4. „Auch ich ertappe mich dabei, wie ich mich manchmal schäme“

Schamgefühle kommen im Pflegebereich regelmäßig vor. Man dringt in die Intimsphäre einer anderen Person ein, welche sich von einer sehr verletzlichen Seite zeigt. Dass das für die Gepflegten eine Belastung ist, ist offensichtlich. Die wenigsten bedenken aber, dass sich auch viele Pflegenden schämen. „Vor allem am Anfang hat mich das Schamgefühl oft begleitet. Man weiß, dass es der anderen Person unangenehm ist - sie so machtlos zu sehen, ist nicht immer schön.“ Ein offenes Patient:innen-Gespräch über Scham ist daher ganz wichtig. „Trotzdem ertappe ich mich immer mal wieder dabei, wie ich mich schäme - das ist aber normal, denn Scham entwickelt man in der Kindheit - ein Ablegen ist daher fast unmöglich“, erklärt Philip.

5. „Während Corona munkelten wir, wen es von uns wohl als nächstes erwischt“

Die Corona-Pandemie hat Pflegekräfte wirklich einiges abverlangt. Auch wenn er nicht auf der Corona-Intensivstation tätig war, war die Anspannung extrem groß. „Natürlich ging es vorwiegend darum, für Erkrankte da zu sein, aber man hat sich schon auch Gedanken über die eigene Gesundheit gemacht.“ Vor allem zu Beginn der Pandemie, als noch nicht klar war, wie das Virus funktioniert, war die Stimmung oft extrem angespannt. Nach und nach versuchte man die Situation mit Humor zu überspielen. „Wir munkelten dann schon, wen es von uns Kolleg:innen wohl als nächstes erwischt.“ Auch wenn es im Grunde nicht lustig war, konnte man so ein wenig Druck ablassen.

6. „Es kommt schon mal vor, dass an Demenz Erkrankte nachts alleine herumirren“

Auf die Frage, welche Gruppe an Menschen denn am schwersten zu betreuen ist, kann Philip so keine pauschale Antwort geben. „Sicher ist aber, dass demente Personen manchmal große Herausforderungen sind.“ Weil sich demente Personen je nach Krankheitsfortschritt sehr voneinander unterscheiden können, muss man höchst empathisch sein. „Das braucht einfach viel Zeit, zu erkennen, wie Patient:innen in manchen Situationen reagieren - es kommt schon mal vor, dass an Demenz Erkrankte nachts alleine herumirren, auch Aggressivität ist nicht selten.“

7. „Von Balkon-Klatschen können wir uns halt auch nix kaufen“

Wahrscheinlich könnt ihr euch auch an den legendäre Balkon-Applaus während der Pandemie erinnern. Oft wurden vor Krankenhäuser auch Transparente mit der Aufschrift „Ihr seid unsere Helden der Pandemie“ angebracht. Das sei alles schön und gut gewesen. „Vom Balkon-Klatschen können wir uns halt auch nix kaufen“, sagt Philip. Dass man wortwörtlich Tag und Nacht arbeitet und dann ein schlichtes „Danke“ bekommt, sei für Philip nicht akzeptabel. Diesen Unmut bekam die Regierung durch zahlreiche Protestaktionen und dringliche Apelle des Öfteren zu spüren. Ob sich die Reform wirklich so umsetzen lässt, wird sich hoffentlich bald zeigen.

Auch das Wahl- und Kassenarztsystem scheint in Österreich nicht ganz aufzugehen, so sieht es zumindest unsere Redakteurin.

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