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Um Tiere vor dem Krieg zu retten, riskieren Menschen in der Ukraine ihr Leben

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Valentina Stoyanov mit einigen der Hunde, die sie und ihr Mann gerettet haben.
Valentina Stoyanov mit einigen der Hunde, die sie und ihr Mann gerettet haben. © Valentina Stoyanov

In Rettungsaktionen konnten zahlreiche Haus- und Zootiere gerettet werden, die im Kriegschaos des Ukraine-Kriegs zurückgelassen wurden.

Mit Säcken voller Hunde- und Katzenfutter auf dem Rücksitz ihres Lieferwagens und ihrem zierlichen Körper, gehüllt in eine übergroße kugelsichere Weste, macht sich Valentina Stoyanov auf den Weg, Hunderte von Tieren zu füttern – oder erschossen zu werden. "Ein sehr schwieriger Tag für uns", sagt Valentina in einem Video auf ihrem Instagram-Account, den sie mit ihrem Mann Leonid, ebenfalls ein ukrainischer Tierarzt, gemeinsam führt.

Die beiden verbrachten die letzten 41 Tage damit, Hunderte von Tieren zu retten: Casper, einen blinden Husky, dessen Besitzer an die Front der russischen Invasion gezogen war; Vogelschwärme, die einen Bombenangriff auf den Markt überlebten, in dem sie gehalten wurden; Schildkröten, Schlangen, Geckos, Ratten, Chinchillas, Kaninchen und Igel.

Viele Ukrainer:innen haben ihre Tiere im Chaos des Krieges zurückgelassen

Einige Tiere fanden Valentina und Leonid in verschlossenen Wohnungen vor, die sie zusammen mit der Polizei aufsuchten. Die Besitzer:innen hätten keine Zeit mehr gehabt, für die Einreise ihrer Haustiere in die Nachbarländer alle erforderlichen Papiere zu besorgen. Andere Tiere fanden die beiden auf der Straße. Einige, so Valentina, wurden in Odessa, einer ukrainischen Hafenstadt am Schwarzen Meer, „vor die Türen unserer Klinik geworfen“.

Die russische Invasion in der Ukraine tötete 1.417 Zivilist:innen und vertrieb mehr als 4,2 Millionen Menschen aus dem Land. Ein paar Zivilist:innen tragen in der Ukraine derzeit Armbinden – ein Militärexperte erklärt in diesem Text, was sie bedeuten könnten. Aber nicht nur das: Der Krieg zog auch geliebte Haustiere und andere Tiere in Mitleidenschaft, die nicht verstehen, warum der Nachthimmel nun von hellen Explosionen durchzogen ist, warum auf laute Knallgeräusche das Donnern einstürzender Gebäude folgt und warum ihre menschlichen Gefährten verschwunden sind.

Mit dem immer schlimmer werdenden Krieg nehmen auch die Bemühungen um die Rettung der Tiere zu. Die Stoyanovs sind Teil eines wachsenden Netzwerks, das Futter an beschossene Unterkünfte liefert und komplexe Tiertransporte innerhalb und außerhalb des Landes mobilisiert. Freiwillige aus der ganzen Ukraine bleiben regelmäßig in Kontakt und nutzen meist die sozialen Medien, um entweder um Hilfe zu bitten oder diese anzubieten. In vielen Fällen kommen die Antworten von weit her, sogar aus Spanien.

Einige Rettungskräfte bezahlten für ihren Einsatz für Tiere mit ihrem Leben

Der freiwillige Einsatz hat seinen Preis: Zu den ersten Opfern des Krieges gehörten Anastasiia Yalanskaya und zwei weitere freiwillige Helfer:innen, die starben, als sie unterwegs waren, um Futter an ein Tierheim zu liefern. Im Feldman Ecopark, einem Zoo in Charkiw im Nordosten der Ukraine, wurden drei Mitarbeiter:innen getötet, eine:r wurde verletzt, zwei sind verschwunden.

In Valentinas Videos wirkt die Autobahn, auf der sie fahren, leer. Valentina zwingt sich zu einem kleinen Lächeln und blickt in die Kamera. "Wünscht uns Glück!", schreibt sie im Video-Clip.

Hund Bike überlebt die Invasion nicht: „Ruhe in Frieden, mein schöner Engel“

Als im vergangenen Monat russische Panzer in Stoyanka-2, einer kleinen Siedlung außerhalb der Hauptstadt Kiew, einmarschierten, musste Iryna Lapatina aus ihrem Haus fliehen und ihre drei Hunde zurücklassen. Einige ihrer Nachbar:innen beschlossen, im Dorf zu bleiben und versprachen ihr, so oft wie möglich mit Lebensmitteln vorbeizukommen. Kurz vor der Invasion wurde bei Hund Bike, ihrem 9-jährigen Bordeaux-Mastiff, Krebs diagnostiziert. Der Tierarzt hatte ihm eine Behandlung mit Schmerzmitteln verschrieben, die ihn wahrscheinlich mehrere Monate am Leben erhalten würde.

Iryna Lapatinas Hund Bike.
Iryna Lapatinas Hund Bike. © Iryna Lapatina

Anastasiia Lapatina, die Tochter von Iryna, wartete in Lemberg, einer Stadt in der Westukraine, besorgt über die schlimmen Berichte aus ihrer Heimatstadt. Als die russischen Truppen zurückgedrängt wurden und eine Person 20 Tage später nach den Hunden sehen konnte, war Bike so schwach, dass er nicht mal mehr aufstehen konnte. Die beiden anderen waren gesund. Ihr:e Nachbar:in teilte Iryna die gute Nachricht sofort mit.

Doch die Freude währte nur ein paar Stunden: Bike starb, bevor sie nach Hause zurückkehren konnte. "Ruhe in Frieden, mein schöner Engel", schrieb Anastasiia, eine Reporterin des Kyiv Independent, auf Twitter.

„In allen Kulturen sind Begleittiere ein fester Bestandteil unseres Lebens“

Wie viele andere Ukrainer:innen, die ihre Haustiere verloren haben, wird Anastasiia ohne die Unterstützung eines Tieres weitermachen müssen. Expert:innen zufolge sind Tier gerade in Situationen wie dem Ukraine-Krieg jedoch eine große emotionale Hilfe. "In allen Kulturen sind Begleittiere ein fester Bestandteil unseres Lebens, in guten und – vielleicht noch mehr – in schlechten Zeiten", erklärte José Arce, Präsident der American Veterinary Medical Association, in einer E-Mail an BuzzFeed News US. Als russische Bomben seine ganze Familie töteten, blieb diesem Ukrainer nur seine geliebte Katze.

Anastasiia sagte, Bike wäre zusammen mit den verstorbenen Hunden der Familie im Wald in der Nähe ihres Hauses begraben worden. Die Russen hätten dort jedoch überall Minen gelegt. Stattdessen sei er jetzt in einem schwarzen Leichensack begraben worden, weit weg von seiner Familie, „mitten im Nirgendwo“.

Feldman Ecopark: Für viele Zoo-Tiere kam jede Hilfe zu spät

Zuerst waren da die acht Kängurus, deren Gehege wiederholt beschossen worden waren. Dann die drei Tapire – Dalma, Pinto und Dolly – die auf dem Rücksitz eines Lieferwagens im Eiltempo weggebracht wurden. Tage später waren es Löwen, die unruhig in ihren Käfigen zappelten, bevor sie in Holzkisten auf einen Lastwagen verfrachtet wurden.

Für viele der 5.000 Tiere des Feldman Ecoparks kamen die Rettungsmaßnahmen zu spät. Mehr als 100 wurden für tot erklärt, darunter ein erwachsener Schimpanse, zwei junge weibliche Orang-Utans, ein männlicher Mandrill, ein paar Bisons, Hirsche, Alpakas, Strauße und mehrere Kängurus, so Alexander Feldman, der Gründer des Parks gegenüber BuzzFeed News US.

Todesursache: Munitionsexplosion oder Stress

Einige starben durch Munitionsexplosionen, andere durch den enormen Stress. Primaten erlitten tödliche Herzinfarkte, Reptilien erfroren nach Stromausfällen, und mehrere Tiere krachten in ihrer Panik in die Zäune der Gehege, so Feldman. Der Park, der laut seiner Website "sozialpsychologische Hilfe für Kinder mit besonderen Bedürfnissen" anbietet, war seit Beginn des Krieges am 24. Februar an vorderster Front von russischen Angriffen betroffen. "Kugeln, Minen, Granaten, Bomben und Raketen - alles kam", so Feldman in seiner E-Mail.

Und doch besuchten die freiwilligen Helfer:innen den Park fast täglich, um die Tiere zu füttern, zu wärmen und zu evakuieren. Mindestens sechs Mitarbeiter:innen wurden getötet, verletzt oder sind verschwunden. Der Park, so Feldman, sei praktisch zerstört worden. Und die Tiere, die noch gefangen seien, bräuchten Futter. Die Zeit drängt. "Wir brauchen einen grünen Korridor für die Tiere", schrieb er.

Die russische Invasion hat Valentinas und Leonids Leben komplett verändert

In der Vet Crew, der Klinik der Stoyanovs, gibt es nicht viele Momente der Ruhe. Zwitschern, Krächzen, Bellen und Miauen erfüllen die sieben Räume bei Tageslicht. Nachts durchdringen Explosionen die Räume.

So hatten sich Valentina und Leonid, 28 und 34 Jahre alt, das Jahr 2022 nicht vorgestellt. Vor der Invasion waren sie mitten im Aufbau der "Wild Area", einem Projekt, bei dem aus Streichelzoos und Zirkussen gerettete Tiere in Gehegen untergebracht werden, die den Bedingungen in freier Wildbahn so ähnlich wie möglich sind. Jetzt verbringen sie ihre Tage damit, ihre 250 geretteten Tiere zu füttern, ihre Käfige zu säubern und mehr als 20 privaten Tierheimen für Katzen und Hunde zu helfen, so Valentina, die mit BuzzFeed US über WhatsApp sprach.

Vor einigen Wochen bekam Tosya, ein Bergeraffenbaby, schweren Durchfall. Das Tierbaby wurde durch Videos, die ihn und Valentina beim gemeinsamen Knabbern von Obst zeigen, zu einer wahren Instagram-Berühmtheit. Seine chronischen Krankheiten – Gastritis, Bauchspeicheldrüsenentzündung und Probleme mit der Leber – wurden durch den Stress der Explosionen noch verschlimmert, so Valentina. Tosya hörte auf zu essen und begann zu schlafen, wenn keine Bomben fielen. „Tosya, oder besser gesagt, sein Körper, ist sehr müde davon“, schreibt sie auf Instagram. „Genau wie wir.“

Die Erschöpfung der Stoyanovs ist deutlich sichtbar

Fast jede Nacht posten die Stoyanovs eine Nachricht auf ihren Social Media Kanälen, um ihre besorgten Anhänger:innen wissen zu lassen, dass sie in Sicherheit sind: „Wir sind hier und bei uns ist alles in Ordnung!“ Doch die Erschöpfung ist in ihren Gesichtern sichtbar geworden. „Wenn ein solcher Krieg seit mehr als einem Monat andauert und man seine Arbeit rund um die Uhr fortsetzen muss, dann wird es schwierig“, sagt Valentina.

Trotz der Bemühungen, die Tiere zu schützen, ist es in einigen Regionen aufgrund des Beschusses unmöglich, sie rechtzeitig zu erreichen. In dieser Woche wurden im Tierheim Borodyanka außerhalb von Kiew die Kadaver von mehr als 300 Hunden entdeckt – zusammengekauert, einige mit sichtbar hervorstehenden Rippen, andere mit Heu bedeckt. Nach Angaben der Tierschutzorganisation UAnimals waren sie an Hunger und Durst gestorben.

„Tosya [der Affe] ist das beste Antidepressivum. Das Allerbeste.“

Die Arbeit des Netzwerks geht weiter. Während ihrer Mission, Lebensmittel in die umkämpfte Region zu liefern, hielten die Stoyanovs an, um zwei Hunden am Straßenrand Futter und Wasser zu geben. Die Landschaft beschrieben sie als „apokalyptisch“. An einem Tag explodierte ein Geschoss in der Nähe ihres Autos, hinterließ ein Loch in einer der Türen und zerstörte die Häuser um sie herum.

Später in dieser Nacht legte sich Valentina zu Hause hin und kuschelte mit Tosya. Der kleine Affe streichelte sanft ihren Hals, während er an ihrer Halskette spielte. Endlich Stille. „Macht euch keine Sorgen“, schrieb Valentina im letzten Video dieses Tages. „Tosya ist das beste Antidepressivum. Das Allerbeste.“

Um Tiere geht es auch in diesem Artikel – aber nicht um echte, sondern um süße Tier-Videos auf TikTok: Küken statt Bomben: TikTok verhindert, dass Menschen in Russland Bilder vom Krieg sehen.

Autorin ist Karla Zabludovsky . Dieser Artikel erschien zuerst am 08. April 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Aranza Maier.

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