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„China hat keine Gnade gezeigt“: Eine Uigurin berichtet von der Folter in chinesischen Lagern

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Von: Emily Erhold

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Mihrigul Tursun
Die Uigurin Mihrigul Tursun spricht seit Jahren über ihre Erfahrungen in den chinesischen „Umerziehungslagern“. Nun hat sie ein Buch verfasst. © Kuzzat Altay

Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass etwa eine Million Angehörige muslimischer Minderheiten in chinesischen Lagern inhaftiert sind. Die Uigurin Mihrigul Tursun war eine von ihnen.

Ihr gelang jedoch die Flucht ins Ausland. Nun hat sie es zu ihrer Mission gemacht, der Welt von den Grausamkeiten in den Lagern zu berichten. In ihrem Buch „Ort ohne Wiederkehr“ erzählt sie von Folter, Überwachung, überfüllten Gefängniszellen, körperlicher und sexueller Gewalt. Sie fordert die westlichen Länder dazu auf, die Olympischen Spiele in Peking zu boykottieren.

Zwangsarbeit und Zwangssterilisation

Mihrigul Tursun hält einen Schlüsselanhänger, auf dem die amerikanische Flagge abgebildet ist, in die Kamera ihres Computers. „Ich hab auf fast all meinen Sachen die amerikanische Flagge drauf. Auch auf meinen Stiefeln. Ich habe sogar eine Flagge in meinem Wohnzimmer aufgehängt“, erklärt sie mir während unserem Skype-Interview. Ihre Kinder sollen wissen, in welchem Land sie jetzt leben. Sie sollen aber auch wissen, woher sie kommen: „Ich zeige ihnen auch immer die blaue Flagge mit Mond und Stern und sage ihnen, dass das unser Land ist: Ostturkestan.“ Ostturkestan ist vielen besser bekannt als Xinjiang, denn so bezeichnet die Regierung der chinesischen Volksrepublik die autonome Region der Uiguren, einem turksprachigen Volk, das in China eine muslimische Minderheit stellt.

Mihrigul Tursun wurde hier 1989 geboren. Zwischen 2015 und 2018 wurde sie hier dreimal in sogenannten Umerziehungslagern gefangen gehalten. China bezeichnet die Camps offiziell als Berufsbildungseinrichtungen, die freiwillig besucht werden. Sie seien dazu da, um Extremismus und Terrorismus zu bekämpfen. Menschenrechtsorganisationen hingegen zeichnen ein ganz anderes Bild und sprechen von systematischen Menschenrechtsverbrechen, die in diesen Lagern stattfinden. So soll es beispielsweise zu Zwangssterilisationen, Abtreibungen und Zwangsarbeit kommen.

Demonstrant:innen halten die Flagge Ostturkestans in die Höhe.
Demonstrant:innen protestieren in Washington DC gegen den Genozid an den Uigur:innen und halten die Flagge Ostturkestans in die Luft. © Alex Brandon/AP/APA-PictureDesk

Auch Mihrigul Tursun berichtet von grauenhaften Erlebnissen. Weil sie Muslimin ist, in Ägypten studiert hat und einen Araber geheiratet hat, wurde sie von der chinesischen Regierung verhaftet. Während ihrer ersten Haft kamen ihre Drillinge in die Obhut des chinesischen Staates. Nach ihrer Entlassung konnte sie nur die zwei jüngeren Kinder wieder lebend im Arm halten. Ihr ältester Sohn Mohammed starb auf der Intensivstation im Krankenhaus - woran, wollten ihr die Ärzt:innen nicht sagen. In ihrem Buch berichtet sie von psychischer, körperlicher Folter und überfüllten Gefängniszellen, in denen die Inhaftierten in Schichten auf dem Boden schlafen müssen. Sie erzählt von Wachen, die Gefangene vergewaltigen. Und sie schreibt von kommunistischen Liedern und Ansprachen, die von den Insassen tagtäglich auswendig gelernt werden müssen.

„Es muss mehr passieren“: Mihrigul Tursun fühlt sich nicht von jedem gehört

Mihrigul Tursun, die mit einem Ägypter verheiratet ist und deren Kinder ägyptische Staatsbürger sind, wurde schließlich aus der Haft entlassen. Ihrer Familie gelang es unzählige Hürden zu überwinden und nach Ägypten auszureisen. Später bot ihr die amerikanische Regierung, im Gegenzug zu ihrer Zeugenaussage vor dem Kongress, Asyl an. Die USA sowie auch Kanada und Großbritannien stufen das Vorgehen Chinas gegen die Uiguren als Genozid ein. Doch nicht alle Länder beziehen ebenso eindeutig Stellung. Innerhalb der Europäischen Union gibt es keine einheitliche Stellungnahme zur Situation der Uiguren in China. Tschechien, die Niederlande, Litauen und seit Kurzem auch Frankreich bezeichnen die Gewalttaten der chinesischen Behörden gegenüber der uigurischen Bevölkerung ebenfalls als Völkermord.

Doch weder die deutsche noch die österreichische Regierung spricht offiziell von Genozid. Für die uigurisch-amerikanische Aktivistin Dr. Rushan Abbas, deren Schwester in China gefangen gehalten wird, ist es aber die Pflicht von Politiker:innen, das Problem anzusprechen: „Wenn Politiker:innen vorangehen, indem sie das, was den Uiguren widerfährt, zum Völkermord erklären, Zwangsarbeit einschränken und Menschenrechtsorganisationen unterstützen, dann wird ein Klima geschaffen, in dem es endlich akzeptabel ist, über diese Probleme zu berichten. Die Vereinigten Staaten haben in den letzten zwei Jahren eine Flut von Berichten über die Uiguren-Frage erlebt, insbesondere nach der Einstufung des Völkermords durch das Außenministerium. Es ist wichtig, dass Politiker das Gespräch über diese Themen führen und als Führungspersönlichkeiten für ihre Gemeinschaften fungieren.“

Mihrigul Tursun beantwortet seit ihrer Flucht in die USA fast täglich die Fragen von Vertreter:innen der internationalen Presse. Sie fühlt sich aber noch lange nicht von allen gehört. „Es muss noch viel mehr passieren, um den Völkermord an den Uiguren zu stoppen“, erklärt sie. Vor allem muss viel mehr Bewusstsein für die Situation der Uiguren geschaffen werden. Dr. Abbas sieht hier vor allem die Medienberichterstattung in der Pflicht: „Die Medien hören nicht zu. Denn ständig kommen neue Geschichten von Menschen aus Ostturkestan ans Licht. Alleine dieses Jahr haben dutzende Augenzeug:innen vor einem unabhängigen Tribunal in London über die Gräueltaten in den Camps ausgesagt.“

Unternehmen profitieren vom Völkermord

Im Dezember 2021 verabschiedete die amerikanische Regierung ein Importverbot von Produkten aus der chinesischen Region Xinjiang. Für Mihrigul Tursun ist das ein wichtiger Schritt. Etwa 20 Prozent der weltweiten Baumwolle kommen aus Xinjiang. Die wirtschaftlichen Beziehungen Chinas führen dazu, dass viele internationale Unternehmen von der Zwangsarbeit in den Lagern Xinjiangs profitieren. Das Australian Strategic Policy Institute veröffentlichte 2020 einen Bericht, der Firmen wie Adidas, Nike, Apple, Calvin Klein, Zara, Lacoste, Microsoft, BMW, Bosch und Siemens als Nutznießer der chinesischen Arbeitslager auflistet. Die Firmen verlassen sich hier oft auf Erklärungen, in denen die Produzenten bestätigen, dass die Produkte nicht durch Zwangsarbeit entstanden seien, schreibt die Journalistin Andrea Hoffmann, die gemeinsam mit Mihrigul Tursun das Buch „Ort ohne Wiederkehr“ verfasst hat.

Die Aktivistin Dr. Rushan Abbas ist der Meinung, dass die Unternehmen zur Verantwortung gezogen werden müssen: „Zwangsarbeit ist der Profitmotor, der den Genozid in Gang hält. Es ist nun einmal die Realität, dass viele Firmen ihren Gewinn über das Leben der Uigur:innen stellen.“ Sie fordert daher Länder wie Österreich dazu auf, es den USA gleichzutun und die rechtliche Grundlage zu schaffen, um die Unternehmen mehr in die Pflicht zu nehmen. „Regierungen müssen Waren regulieren, die durch Zwangsarbeit entstanden sind, und zwar mit Gesetzen, die dem im vergangenen Jahr in den Vereinigten Staaten verabschiedeten Gesetz zur Verhinderung von uigurischer Zwangsarbeit ähneln. Alle anderen Nationen, die Menschenrechte als Priorität betrachten, sollten ähnliche Gesetze und Vorschriften für die Unternehmen erlassen.“

Mihrigul Tursun sieht hier nicht nur die Politik und die Wirtschaft, sondern auch die Konsument:innen in der Pflicht. „Ich denke, dass jeder einzelne Bürger und jede einzelne Bürgerin entscheiden kann, keine Produkte, auf denen ‚Made in China‘ steht, zu kaufen. Ich glaube, dass die Bevölkerung so auch genug Druck auf die Politik ausüben kann, damit diese endlich handelt.“

Aufforderung zum Boykott der Olympischen Spiele

Von 4. bis 20. Februar 2022 finden in Peking die Olympischen Winterspiele statt. Länder wie die USA, Neuseeland, Kanada und Großbritannien haben bereits angekündigt, die Spiele zu boykottieren und keine Regierungsvertreter:innen in die chinesische Hauptstadt zu entsenden. Auch die österreichische Regierung kündigte an, dass keine Politiker:innen nach China reisen würden. Allerdings gab Bundeskanzler Karl Nehammer an, dass dies lediglich aufgrund der Corona-Pandemie der Fall sein würde. Er betonte in einem Interview im Dezember: „Das ist aber kein diplomatischer Protest oder Boykott, sondern einzig der Tatsache geschuldet, dass die Covid-Auflagen in China zu Recht sehr hoch sind.“ Keine klare Stellung also von einem Land, auf dessen Boden vor gerade einmal 77 Jahren ein Völkermord begangen wurde. Am 27. Jänner ist der Internationale Gedenktag an die Opfer des Holocaust. „Was ist Erinnerung, wenn wir nicht daraus lernen?“, fragt Rushan Abbas im Hinblick auf die Situation der Uiguren.

Heute können wir Reue vermeiden, indem wir in der Gegenwart im Namen der Uiguren handeln und einen Völkermord in der Gegenwart stoppen. Wir müssen uns nur an die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin erinnern, die dazu beigetragen haben, die Regierung des Dritten Reiches zu legitimieren. Damals wurde angesichts dieser internationalen Feier sehr wenig getan. Heute können wir aus diesem Fehler lernen und einen anderen Kurs einschlagen. Erinnern ist gut, aber wir beschämen die Erinnerung an vergangene Opfer, wenn wir dann nichts aus unseren Fehlern lernen.“

Dr. Rushan Abbas, 2022

Auch Mihrigul Tursun fordert dazu auf, die Olympischen Spiele zu boykottieren: „Länder wie Österreich müssen jetzt handeln, damit anderen Uigur:innen in Zukunft erspart bleibt, was mir widerfahren ist. China hat keine Gnade gezeigt. Das habe ich am persönlichen Leib erfahren.“ Die junge Mutter befindet sich nun mit ihren zwei Kindern in Sicherheit und bezeichnet die USA als ihre „zweite Heimat“.

Dennoch lässt sie die Erinnerung an das Geschehene nicht mehr los. Auch ihre Kinder, die heute 6 Jahre alt sind, haben immer noch Angst davor, dass ihnen ihre Mutter eines Tages wieder weggenommen wird. „Sie kommen in der Nacht noch oft in mein Zimmer, um zu sehen, ob ich noch da bin. Außerdem versuchen sie die Tür mit ihren Spielsachen zu verbarrikadieren. Das tut mir weh, denn ich wünsche mir, dass die zwei ein sorgloses Leben führen können, wie andere Kinder in ihrem Alter“, erklärt mir Mihrigul im Interview.

Auch für das uigurische Volk wünscht sie sich eine bessere Zukunft und ein Leben in ihrem eigenen, freien Land. Bis das erreicht ist, wird sie weiterhin ihrer Mission nachgehen und die Welt über die Situation in den chinesischen Umerziehungslagern aufklären. „Bis alle Uiguren freigelassen werden“, verspricht Mihrigul Tursun.

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