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Ukraine-Krieg: Entstehung, Hintergründe und Geschichte

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Von: Jana Stäbener

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Ukraine-Konflikt
Ukrainische Soldaten fahren auf einem gepanzerten Militärfahrzeug in den Außenbezirken von Kiew, Ukraine. © Emilio Morenatti/AP/dpa

Der Ukraine-Krieg hat mit dem Angriff Russlands im Februar 2022 seinen Höhepunkt erreicht. Ursachen und Hintergründe zur Invasion – kurz erklärt.

Kiew – Immer wieder musste sich die Ukraine im Laufe der letzten Jahrhunderte als eigene Nation verteidigen. Das erste Mal eskalierten die zunächst als „Ukraine-Konflikt“ bezeichneten Spannungen dabei im Jahr 2014 mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland. Seitdem herrscht in den ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk Krieg zwischen russischen Separatisten und ukrainischen Soldaten. Am 21. Februar 2022 erkannte der russische Präsident Wladimir Putin diese als eigenständige Republiken an und startete drei Tage später, am 24. Februar 2022, einen groß angelegten Angriffskrieg auf die gesamte Ukraine. Doch wie entstand der Ukraine-Krieg? Wir haben die Hintergründe und Geschichte zusammengefasst.

NameUkraine-Krieg
Offizieller Kriegsbeginn24. Februar 2022
HauptschauplatzUkraine
Wichtige AkteureUkraine, Russland, EU, Nato, UN, OSZE
Wichtige EreignisseAnnexion der Krim 2014, Anerkennung der Separatisten-Gebiete 21. Februar 2022, Einmarsch russischer Truppen 24. Februar 2022

Ukraine-Krieg: Warum kam es zum Konflikt mit Russland?

Im Jahr 2014 ließ Putin russische Soldaten auf die Halbinsel Krim einmarschieren und erwirkte dort mit einem Referendum, dass die Halbinsel Teil der Russischen Föderation wurde. Sowohl die Annexion, als auch das Referendum werden von vielen Ländern als völkerrechtswidrig eingestuft. Deswegen bestraften die westlichen Staaten Russland zum damaligen Zeitpunkt mit diversen Sanktionen, wie beispielsweise Einreiseverboten und Kontensperrungen.

Nach der Annexion der Krim kam es in den Gebieten Donezk und Luhansk zur militärischen Auseinandersetzung. Der Grund: Die Separatisten in Donezk forderten mehr Eigenständigkeit und den vollständigen Anschluss an Russland. Trotz vereinbarter Waffenruhen 2014 und 2015 spitzte sich die Situation in der Ostukraine jedoch immer weiter zu: Im Frühjahr 2021 flammte der Konflikt erneut auf und erreichte mit der Anerkennung der Separatisten-Gebiete Luhansk und Donezk im Februar 2022 einen weiteren Höhepunkt.

Mit der Begründung eines angeblichen Genozids an der russischen Minderheit in diesen Separatisten-Gebieten erteilte Putin kurz darauf den Befehl, mehrere Städte in der Ukraine anzugreifen. Die Behauptung wurde bisher jedoch weder von der Organization for „Security and Co-operation in Europe“ (OSZE) noch von den Vereinten Nationen (UN) bestätigt. Die EU, die USA und andere Staaten verurteilten den Angriff, erteilten Sanktionen wie den Ausschluss russischer Banken aus dem Finanzsystem SWIFT oder die Einstellung der Gas-Pipeline „Nord-Stream 2“ und einigten sich auf Waffenlieferungen in die Ukraine. Ein Ende der Kampfhandlungen ist bisher nicht abzusehen.

Back to the roots: Wo liegen die Ursprünge des Ukraine-Konflikts?

Seit dem Zerfall der „Kiewer Rus“, der sogenannten Wiege Russlands, im 13. Jahrhundert war die Ukraine bis zu ihrer Unabhängigkeit 1991 immer Teil anderer Staatsgebiete, darunter Litauen, Polen und Russland. Im 17. Jahrhundert unternahmen die ukrainischen Kosaken den ersten Versuch, ein autonomes Staatswesen zu gründen: das Hetmanat. Doch nur wenige Jahrzehnte später, im Jahr 1654, ging auch dieses wieder an einen anderen Staat über: an das damalige Zarenreich. Einige Zeit lange lebten die Kosaken friedlich unter dieser Führung. Doch je mächtiger das Zarenreich wurde, desto weniger Freiheiten hatte die ukrainische Minderheit.

Im 19. Jahrhundert startete sie deswegen die erste ukrainische Nationalbewegung. Zar Alexander II. ließ daraufhin Publikationen auf Ukrainisch verbieten und zwang die Bevölkerung, statt „Ukraine“ den Begriff „Kleinrussland“ zu verwenden. Das Gebiet am Schwarzen Meer, um das sich Russland zu dieser Zeit erweiterte, wurde von ihm „Neurussland“ getauft. Hier siedelten sich vor allem Russen, aber auch Deutsche und Rumänen an. Im Jahr 1871 erschloss der britische Unternehmer John James Hughes in dieser Region Abbaugebiete für Steinkohle und Eisenerz und gründete die Stadt Jusowka, das spätere Donezk, das auch in der Sowjetunion lange als Industriezentrum galt.

Ukraine gehört ab 1922 zur UdSSR

Erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Ukraine für kurze Zeit unabhängig: Im Jahr 1917 wählten die Ukrainer:innen das erste Mal ihr Parlament, die „Zentralna Rada“. Die ukrainische Volksrepublik war geboren. Doch die hart erkämpfte Unabhängigkeit vom Zarenreich währte nicht lange: Sowohl die Rote Armee im Osten als auch die westlichen Nachbarstaaten Polen, Rumänien und die Tschechoslowakei warfen ein Auge auf den strategisch gut positionierten Nachbarn. Im Jahr 1922 wurde die Ukraine unter dem Namen „Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik“ (SSR) in die Sowjetunion (UdSSR) eingegliedert.

Die Zeit in der Sowjetunion war für die Ukraine vor allem durch ein Ereignis geprägt: die große Hungersnot „Holodomor“, die im Jahr 1932 rund 4 Millionen Ukrainer:innen das Leben kostete. Ihre Ursache hatte sie in der damaligen sowjetischen Politik Stalins, der die Landwirtschaft zwang-kollektivierte und wohlhabende Bauern in Arbeitslager stecken ließ. Die ukrainische Regierung spricht sich bis heute dafür aus, den Holodomor und andere stalinistische Verbrechen als Völkermord anzuerkennen.

War die Ukraine Teil der Sowjetunion?

Die Ukraine war von 1922 bis 1991 als „Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik“ (SSR) eine eigene Nation in der Sowjetunion (UdSSR). Seit dem Fall der Sowjetunion 1991 ist die Ukraine wieder ein unabhängiger Staat, der Schwierigkeiten hat, eine gemeinsame Identität zu finden, weil er gleichzeitig westliche und russische Interessen in seiner Politik zusammenbringen muss.

Auch im Zweiten Weltkrieg war die Ukraine Hauptschauplatz für diverse schreckliche Taten: Von 1939 bis 1944 wüteten dort die Truppen der Wehrmacht und der Schutzstaffel (SS). Der ukrainische Botschafter sprach im Mai 2020 von 8 Millionen Kriegsopfern. Mehr als 5 Millionen davon waren Zivilist:innen, 1,6 Millionen Jüd:innen und 2,4 Millionen wurden als sogenannte „Ostarbeiter“ zur Zwangsarbeit verschleppt. Verbrechen dieser Art geraten im Hinblick auf sowjetische Vorfälle wie dem „Holodomor“ oft in Vergessenheit.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 blieb die Ukraine noch mehr als 45 Jahre Teil der Sowjetunion. Im Jahr 1954 bekommt sie von Nikita Chruschtow die Halbinsel Krim geschenkt. Eine Geste, die sich als zweischneidiges Schwert erweisen soll, denn das Territorium, das erst im 18. Jahrhundert Teil des Zarenreiches wurde, wurde den Ukrainer:innen 2014 zum Verhängnis. Als die UdSSR zerfiel, erklärte die Ukraine am 24. August 1991 ihre Unabhängigkeit. Wichtig war zu diesem Zeitpunkt: Rund 90 Prozent der Bevölkerung stimmten in einem Referendum für die Unabhängigkeit, auch die russisch-stämmige Minderheit in Donezk und Luhansk.

Ukraine im Spagat zwischen Westen und Russland

Immer wieder zeigt sich an der politischen Situation der Ukraine in den nächsten Jahre der unterschwellige Konflikt zwischen West und Ost. Einerseits fühlen sich große Teile der Bevölkerung mit dem Westen verbunden, andererseits sehen viele Ukrainer:innen immer noch Bezüge zum Osten und der gemeinsamen russischen Vergangenheit. 1994 kommt es zum „Budapester Memorandum“: Die Ukraine gibt sein Atomwaffenarsenal an Russland ab – im Gegenzug versichern die USA, Großbritannien und Russland der Ukraine die Souveränität ihrer Grenzen.

Die Außenpolitik der Ukraine spiegelt die Zerrissenheit des Landes wider: Sie bleibt nach 1991 weiterhin west- und ostwärts ausgerichtet. Beim Präsidentschaftswahlkampf 2004 offenbart sich der Konflikt ganz konkret innenpolitisch. Die Kandidaten Viktor Yushchenko (pro-Westen) und Viktor Janukowycz (pro-russisch), treten gegeneinander an. Als Janukowycz gewinnt, kommt es zur „Orangenen Revolution“, die Yushchenko-Anhänger gehen auf die Straße und protestieren gegen die, auch international nicht als unabhängig anerkannte Wahl. Als es zu Neuwahlen kommt, gewinnt zwar Yushchenko, die politische Umwälzung bleibt jedoch aus. Fünf Jahre später wird sein Gegner Janukowycz gewählt.

Die Rolle der Europäischen Union und Nato im Ukraine-Krieg

Über Jahre hinweg befand sich die Ukraine mit der Europäischen Union in Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen, das die Zusammenarbeit mit der EU erleichtern sollte. 2013 beendete die ukrainische Regierung die Verhandlungen in letzter Minute. In Kiew kam es zu Protesten und Massenbewegungen auf dem Maidan-Platz, den sogenannten „Maidan-Protesten“. Obwohl die Demonstrationen im Großen und Ganzen friedlich verliefen, kam es auch zu gewaltbereiten Ausschreitungen. Mehr als 100 Menschen starben im Rahmen dieser Proteste.

Die Regierung unter Petro Poroshenko ab 2015 sah die Ukraine als langfristiges Ziel in der EU, ebenso sein Nachfolger Wolodymyr Selenskyj, der seit 2019 Präsident der Ukraine ist. Lange galt dieser als Hoffnungsträger, den Konflikt in der Ostukraine zu beenden. Viele Ukrainer:innen wollen seit Jahren die Nähe zur EU und zur Nato, der sie aufgrund der ungelösten territorialen Konflikte jedoch nicht beitreten können. Davon sind ausländische Player wie Wladimir Putin nicht gerade begeistert: Sie fühlen sich durch die Orientierung der Ukraine zum Westen bedroht und haben schon die bisherige NATO-Osterweiterung von Lettland, Litauen oder Rumänien immer wieder kritisiert.

Diese Angst vor möglicher Aufrüstung des Westens, gepaart mit dem Interesse Russlands, zu einem großen Russischen Reich zurückzukehren, sind die Hauptursachen für den Ukraine-Konflikt. (Jana Stäbener)

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