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Russin Anna und Ukrainer Yegor sind ein Paar - in Zeiten des Ukraine-Kriegs: „Er hat unsere Beziehung verändert“

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Von: Jana Stäbener

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Anna und Yegor sind ein Paar. Sie kommt aus Russland, er aus der Ukraine. Im Ukraine-Krieg beweisen sie, dass Liebe grenzen überwinden kann und man nie vergessen darf, andere Perspektiven einzunehmen.
Anna ist auf Russland, Yegor aus der Ukraine. Die beiden sind ein Paar und setzen ein Zeichen für die Liebe – und gegen den Krieg (Symbolbild). © Panthermedia/IMAGO, Rodrigo Abd/dpa (Collage)

Anna aus Russland und Yegor aus der Ukraine sind frisch verliebt – und das im Ukraine-Krieg. Eine Story, die zeigt, dass Liebe keine Grenzen kennt.

Es ist Herbst 2021. Anna* ist auf Bumble unterwegs und macht das, was jede 24-Jährige tut, die sich die Dating-App installiert hat. Sie sucht die Liebe fürs Leben oder zumindest einen kleinen Flirt für die kommenden Wintermonate. Als sie Yegor* sieht, swipt sie sofort nach rechts. Der Hauptgrund: Yegor kommt aus der Ukraine. Für Anna aus Russland fühlt sich das ein bisschen nach Heimat an und löst sofort ein wohlig-warmes Gefühl in ihr aus. Die beiden kommen zusammen und sind seitdem wie jedes andere frisch-verliebte Paar – nur, dass seit dem 24. Februar der Ukraine-Krieg ihr Leben bestimmt. Wir von BuzzFeed News Deutschland haben mit Anna über die Beziehung, ihre Gedanken und Ängste gesprochen.

Ukraine-Krieg: „Schade, dass ich nie mit dir nach Russland kann, bevor Putin weg ist“

Als Anna Yegor kennenlernt, wurde die Situation in der Ukraine bereits schlimmer. Die 24-jährige Studentin erinnert sich an eines der ersten Gespräche, die die beiden hatten. Sie hatte Yegor von Russland erzählt und von St. Petersburg vorgeschwärmt. „Schade, dass ich nie mit dir nach Russland kann, bevor Putin weg ist“, habe der 28-Jährige da zu ihr gesagt. Da habe Anna das erste Mal schlucken müssen. Sie bewunderte schon immer ukrainische Künstler:innen wie den ukrainischen Rockstar, der als Soldat im Krieg gegen Russland kämpft. Auch die Stadt Kiew hatte es ihr, gerade aufgrund der westlichen Werte, angetan.

Vor der Annexion der Krim hätten beide nie darüber nachgedacht, ob sie ihr jeweiliges Nachbarland, das so vielen Ähnlichkeiten in Kultur und Sprache hat, besuchen könnten. „Erst 2014 begann Yegor, sich von Russland zu distanzieren“, erzählt Anna. Zu dieser Zeit wanderte er auch nach Deutschland aus und begann dort sein Studium im Bereich VR Development. Anna kam 2020 nach Deutschland, um dort ihren Master in Medienkultur zu machen. „Ich fühle mich nicht sehr verbunden mit Russland, aber ich hätte trotzdem nie gedacht, dass ich irgendwann nicht mehr zurückkann.“

„In meinem Kopf war die Welt irgendwie immer offen“

Anna wuchs in Krasnador und Kaliningrad auf und zog für ihr Studium nach Moskau. Sie ist wohl das Paradebeispiel für junge Russ:innen, die gegen Putins Regime sind. Als sie neun Jahre alt war, begann sie Deutsch zu lernen. „Mein Vater sagte mir, ich solle so viele Sprachen wie möglich lernen“, erzählt die 24-Jährige. Ihre Familie lebte ihr demokratische und liberale Werte vor. Weil Anna diese auch im Studium überall begegneten, war ihr nie bewusst, dass ein Großteil der Menschen in Russland anders denkt. „In meinem Kopf war die Welt irgendwie immer offen“, sagt Anna.

Erst jetzt, wenn sie die Bilder von der Jahresfeier der Annexion der Krim sieht, erkenne sie, dass sie in einer großen Filter-Bubble lebte und immer noch lebt. „Die Menschen die Putin gut finden, glauben wirklich, dass er gegen etwas Schlechtes kämpft.“ Die Bilder von der Feier seien für sie wie aus einem anderen Universum, sagt sie. Für Anna steht die Welt, wie sie sie kennt, Kopf. „Ich wusste nicht, wie die russische Propaganda funktioniert, auch wenn ich Medien studiert habe.“ Erst jetzt während des Krieges, wo die Russische Medienaufsicht zum Beispiel eine Zeichentrickserie verbietet, realisiere sie das.

Mehr Empathie: „Was mich am meisten schmerzt ist, dass der Krieg die Menschen spaltet“

Manchmal ist Anna einfach nur traurig. „Was mich am meisten schmerzt ist, dass der Krieg die Menschen spaltet.“ Auch dass beide Länder für immer ruiniert sein werden, tut ihr weh. „Es hat sich für immer etwas verändert“, sagt Anna. Sie und ihre Familie seien alle super frustriert. Ihr Vater könne so nicht mehr seiner Arbeit nachgehen, weil keine Visen mehr für die EU ausgestellt werden. Sie könne als Studentin in Deutschland ihre Kreditkarte nicht mehr benutzen. „Aber ich weiß, dass das NICHTS ist gegen Yegors Situation“, betont Anna. Yegors Familie ist in der Ukraine mitten im Krieg, nur seine Mutter konnte in den ersten Kriegswochen nach Deutschland flüchten.

„Wir sind dankbar, uns zu haben, weil wir so immer das ganze Bild sehen. Wir sehen, was der Krieg mit der Ukraine macht, aber auch, was er mit Russland macht.“ Sie verstehe total, wenn Ukrainer:innen Leute aus Russland nun hassen würden. Aber auf Dauer sei genau dies, was Putin wolle: Dass ein Keil zwischen Russ:innen und Ukrainer:innen getrieben wird. „Seit Yegor mich kennt, weiß er, dass auch viele Menschen in Russland in ihrer Situation gefangen sind.“ Die beiden würden sich immer wieder an gegenseitige Empathie erinnern.

„Ich habe das Gefühl, wir müssen uns auch lieben, damit der Krieg irgendwann endet“

Deswegen ist die Beziehung zu Yegor für sie mittlerweile mehr als ein heißer Bumble-Flirt: „Ich weiß, unsere Beziehung hat nichts mit dummer Politik zu tun, aber ich habe das Gefühl, wir müssen uns auch lieben, damit der Krieg irgendwann endet.“ Die noch frische, erst fünf Monate alte Beziehung sei so eine Art Symbol dafür, dass man nie aufhören sollte, andere Perspektiven zu sehen.

„Der Krieg hat unsere Beziehung verändert“, sagt Anna. Da hätte es keine klassische Flitterwochen-Phase gegeben, in denen beide unbeschwert sind. Es ging gleich los mit den Dingen, die Beziehungen ganz schön auf die Probe stelle: Verlust, Leid und Schicksalsschläge. Diese Bilder zeigen, was ein Monat Krieg in der Ukraine angerichtet hat. Sie sei trotzdem unheimlich froh, dass sie Yegor kennengelernt hat. Manchmal, so sagt es Anna, habe man nämlich die Tendenz, sich bei Leid vor allem zu verschließen. Es sei aber unheimlich wichtig, Leid gemeinsam durchzustehen und Meinungen zu teilen.

Das gelte nicht nur für sie und Yegor, sondern auch für die gesamte Welt in Bezug auf den Ukraine-Krieg. Sie sehe weiterhin in der Zusammenarbeit und nicht in der Spaltung die Zukunft. „Ich möchte als Kulturschaffende dafür einstehen, dass wir als Welt zueinander finden, anstatt gegeneinander zu kämpfen“, sagt Anna. Fürs Erste macht sie das gemeinsam mit Yegor von München aus. Wo das Leben sie danach hinführt, weiß sie nicht. Eins steht fest: nach Russland geht sie erst zurück, wenn Putin nicht mehr an der Macht ist.

*Um Anna und Yegor zu schützen, nennen wir in diesem Text nicht ihre richtigen Namen. Annas voller Name ist der Redaktion bekannt.

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