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„Sie lügen euch an“: Redakteurin protestiert in russischer Nachrichtensendung gegen den Krieg - und wird verhaftet

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Eine Kriegsgegnerin crasht mit einem Protestplakat die Nachrichten im russischen Staatsfernsehen.
Eine Kriegsgegnerin crasht mit einem Protestplakat die Nachrichten im russischen Staatsfernsehen. © Screenshot Channel One Russia

Eine Redakteurin protestierte in einer russischen Nachrichtensendung unerwartet gegen den Ukraine-Krieg - und wurde verhaftet.

Die Zuschauer:innen der russischen Abendnachrichten am Montagabend (14. März 2022) haben etwas zu sehen bekommen, das nicht geplant war und das der Kreml verzweifelt versucht hat, zu verbergen: einen Anti-Kriegs-Protest gegen den Krieg in der Ukraine. Die Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewa begann gerade einen Beitrag in der Sendung Wremja (deutsch: „Zeit“) anzumoderieren, als plötzlich eine andere Frau hinter ihr erschien. Die Sendung wird seit Jahrzehnten auf dem staatlichen Kanal Eins Russland ausgestrahlt.

Stoppt den Krieg! Nein zum Krieg!

Marina Ovsyannikova

„Stoppt den Krieg! Nein zum Krieg!“, rief die Frau. Sie hielt ein Pappschild mit der russischen und der ukrainischen Flagge in der Hand und sorgte dafür, dass die Zuschauer:innen die Worte lesen konnten, die auf dem Schild standen: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Sie lügen euch an.“ Die Übertragung brach ab und ein anderer Bericht wurde gezeigt.

Der beeindruckende Protest gegen den Ukraine-Krieg kam von Marina Ovsyannikova, einer Redakteurin bei Channel One, die ihren Job und ihre Freiheit riskierte, um die Russ:innen über die verheerende Zerstörung zu informieren, die der Präsident Wladimir Putin bei ihren Nachbar:innen in der Ukraine anrichtet.

Russische Redakteurin nach Protest gegen Ukraine-Krieg verhaftet

Der russische Menschenrechtsaktivist Pavel Chikov identifizierte Ovsyannikova auf Twitter und sagt, seine Gruppe werde ihre rechtliche Verteidigung finanzieren. Nur wenige Minuten nach ihrem Protest wurde sie bereits auf der örtlichen Polizeistation verhaftet, so Chikov.

Vor ihrem Protest im Radio nahm Ovsyannikova ein Video auf. Darin sprach sie sich gegen den Ukraine-Krieg aus und bedauerte, dass sie „Kreml-Propaganda“ verbreitet hatte. „Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist ein Verbrechen und Russland ist der Aggressor“, sagt Owsjannikowa. „Die Verantwortung für diese Aggression liegt bei einem Mann und dieser Mann ist Wladimir Putin.“

Sie sagt, sie habe einen ukrainischen Vater und eine russische Mutter, die nie Feinde gewesen seien. Ihre Halskette, in den Farben der russischen und ukrainischen Flagge, sei ein Symbol dafür, dass Moskau „diesen Bruderkrieg“ beenden müsse.

„Leider habe ich in den letzten Jahren bei Channel One gearbeitet und mich mit Kreml-Propaganda beschäftigt“, sagt sie. „Dafür schäme ich mich jetzt sehr. Ich schäme mich dafür, dass ich zugelassen habe, dass Menschen vom Fernsehbildschirm aus Lügen erzählen, ich schäme mich dafür, dass ich zugelassen habe, dass das russische Volk zombifiziert wird.“

Russische Kriegsgegnerin fordert zum Protest gegen Ukraine-Krieg auf

Mit Blick auf die russische Invasion der ukrainischen Krim 2014 und der östlichen Gebiete der Ukraine sowie die Vergiftung des Oppositionsführers Alexej Nawalny durch den Kreml 2020 sagt Owsjannikowa: „Wir haben diesem unmenschlichen Regime einfach schweigend zugesehen.“

„Jetzt hat sich die ganze Welt von uns abgewandt“, sagt sie, „und die nächsten zehn Generationen unserer Nachkommen werden die Schande dieses Bruderkriegs nicht abwaschen können.“ „Wir sind Russ:innen, die denken, die klug sind. Es liegt allein in unserer Macht, diesen Wahnsinn zu beenden“, sagt sie abschließend. „Geht zu den Protesten. Habt keine Angst vor irgendetwas. Sie können uns nicht alle einsperren.“

Polizeibeamte nehmen in Russland eine Frau während einer nicht genehmigten Kundgebung gegen den Ukraine-Krieg fest.
Polizeibeamte nehmen in Russland eine Frau während einer nicht genehmigten Kundgebung gegen den Ukraine-Krieg fest. © IMAGO/Peter Kovalev

Owsjannikowas TV-Protest ist einer der aufsehenerregendsten, die in Russland seit dem Einmarsch der Kreml-Truppen in Moskau vor fast drei Wochen stattgefunden haben.

Russische Behörden versuchten, die Nachrichtenmedien streng zu zensieren, bestimmte Social-Media-Plattformen zu verbieten und Kritik am russischen Militär unter Strafe zu stellen – das Verbrechen, für das Owsjannikowa laut Chikov angeklagt werden soll. Die Höchststrafe für dieses Vergehen ist 15 Jahre Gefängnis.

Ukraine-Krieg darf in Russland nur als „spezielle militärische Operation“ bezeichnet werden

Facebook, Instagram und Twitter wurden in Russland gesperrt. Den Nachrichtenmedien ist es verboten, den Krieg anders als mit dem von Putin bevorzugten Begriff zu beschreiben: „spezielle militärische Operation“. Dennoch gibt es in ganz Russland nach wie vor Proteste, auch wenn die schnell niedergeschlagen werden.

Nach Angaben der Protestbeobachtungsgruppe OVD-Info wurden seit Beginn des Krieges im vergangenen Monat mindestens 14653 Menschen in 151 russischen Städten verhaftet. Ein virales Video vom Sonntag (12. März) zeigt, wie Sicherheitskräfte eine Frau festnehmen, nachdem sie ein kleines Schild mit der Aufschrift „Zwei Worte“ hochgehalten hatte.

Autor des Textes ist David Mack. Der Artikel erschien am 14. März 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Pia Seitler.

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