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„Mein Leben bricht auseinander“: Junge Ukrainerin berichtet von dramatischer Flucht aus Kiew

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Von: Pia Seitler, Anna-Katharina Ahnefeld

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Feuer in einer Stadt in der Ukraine und die Ukrainerin Valeria
Die Ukrainerin Valeria flieht von Kiew in den Westen des Landes. © Screenshot/@teatrodnogoactora/Instagram/Collage

Die 20-jährige Ukrainerin Valeria lebt in Kiew. Doch aktuell ist sie auf der Flucht. Sie berichtet, wie sich der Beginn des Ukraine-Kriegs anfühlt.

Es herrscht Krieg in der Ukraine. In der Nacht zum Donnerstag griff Russland das Land an. Seitdem befinden sich Tausende Ukrainer:innen auf der Flucht. Valeria* ist eine von ihnen. Sie ist 20 Jahre alt, arbeitet als Journalistin und lebte bis vergangene Woche mit ihrer Familie in Kiew.

Doch mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine ist alles anders: Valeria flieht nach Lwiw, einer Stadt im Westen der Ukraine. Auf Instagram postet sie dazu ein Foto und schreibt:

„Als ich klein und dumm war, dachte ich mir: ‚Oh, wie unglücklich ich bin, hier geboren zu sein, ich könnte jetzt irgendwo in Schweden leben.‘ Jetzt bin ich mir sicher, dass ich hier richtig bin. Keine Nation der Welt wird so erfolgreich sein wie die Ukraine heute. Ich bin stolz auf die ukrainische Armee – unsere Verteidiger, unsere Schutzengel. Ich bin stolz auf jeden Zivilisten, der zu den Waffen gegriffen und das Land gegen die Besatzer verteidigt hat, auf jeden Bewohner der Regionen, der Panzer mit bloßen Händen gestoppt hat, auf jeden, der jetzt der Armee hilft, Blut spendet, sich freiwillig meldet, Flüchtlinge aufnimmt. Ich bin stolz auf jeden Ukrainer. Ich bin stolz darauf, Ukrainerin zu sein.“

Seitdem Russland die Ukraine angegriffen hat, verbreiten sich immer neue Schreckensmeldungen im Netz. Darunter befinden sich auch zahlreiche Falschinformationen. BuzzFeed News Deutschland führt deswegen einen fortlaufenden Fake-News-Ticker zu irreführenden Informationen und Gerüchten.

Gegenüber Buzzfeed News Deutschland berichtet Valeria von der Angst um ihre Familie in Kiew, ihren zerstörten Träumen, und was sie jetzt im Ukraine-Krieg von der NATO fordert.

„Mein Name ist Valeria, ich bin Journalistin und lebe in Kiew in der Ukraine. In der Nacht, in der Putin mit der Invasion begann, konnte ich nicht schlafen. Ich verfolgte die Eskalation im Osten der Ukraine in Mariupol. Ich schlief erst gegen 4:30 Uhr ein und wurde um sechs Uhr von einem Anruf meines Freunds geweckt. Er rief an, um mir zu sagen, dass Russland den Krieg begonnen hatte. Er wusste bereits eine Stunde vorher von der Invasion, rief mich aber erst an, als Russland anfing, Kiew zu bombardieren. Um mich nicht zu erschrecken, sagte er nur: ‚Wach auf und lies die Nachrichten, pass auf dich auf.‘

Ich dachte, das sei ein Witz

Nachdem ich die Nachrichten gelesen hatte, war ich schockiert. Ich dachte ehrlich gesagt, das sei ein Witz. Ich konnte es nicht glauben und fragte mich, wer zum Teufel fängt im 21. Jahrhundert einen Krieg an? Ich verstand den Ernst der Lage, als ich eine Explosion hörte und spürte, wie die Wände meines Hauses zitterten.

Es war ein harter Tag für mich und meine Familie und für alle in der Ukraine, besonders für unsere Soldat:innen. Ich lebe in Kiew. Im Moment gibt es dort viele aktive Kämpfe und Luftangriffe. Ich beschloss, Kiew vorerst zu verlassen und nach Lwiw zu fliehen, wo es noch einigermaßen sicher ist. Meine Familie ist in der Stadt geblieben und ich mache mir weiter Sorgen um sie.

Innerhalb weniger Stunden waren alle meine Träume zerstört

Die ersten Stunden der Invasion waren extrem hart für mich. Es fühlte sich an, als würde mein Leben auseinanderbrechen. Ich hatte gerade erst meine Karriere begonnen und plante, mit meinem Freund in Kiew zusammenzuziehen. Innerhalb weniger Stunden waren alle meine Träume zerstört. Sogar die kleinen Träume: Ein paar Tage vor der Invasion hatte ich eine Decke im Second-Hand-Shop gekauft, die ich zum Picknick mitnehmen wollte, wenn es etwas wärmer wird.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht und was mich als nächstes erwartet. Ich weiß, dass es auf beiden Seiten des Konflikts weitere Tote und Verletzte geben wird. Wir verlieren Zivilisten, was schrecklich ist. Aber ich weiß nicht, was politisch passieren wird. Putin ist verrückt und ich weiß nicht, was ich von ihm erwarten soll. Er hat bereits befohlen, die Nuklearstreitkräfte in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen. Mir bleibt nur, das Beste zu hoffen.

Die meisten meiner Informationen bekomme ich von offiziellen Telegramm-Kanälen der ukrainischen Regierung, von Facebook und ukrainischen Medien. Ich bekomme auch Informationen von militärischen Bewegungen über WhatsApp-Chats und inoffizielle Telegramm-Kanälen, die man sich wie Amateurmedien vorstellen kann. Aber die Informationen sind teilweise unverifiziert, der Nachrichtenfluss ist gerade sehr schnell. Die Situation ist wegen Falschinformationen ziemlich schlecht. Wir haben jede Menge gezielte Fälschungen aus Russland.

Die Situation ist jetzt noch schlimmer

In den ersten Stunden des Krieges veröffentlichte zum Beispiel eine offizielle ukrainische Regierungsstelle Informationen über ein bombardiertes Haus. Es wurde zerstört und ein kleines Kind starb. Russische Bots griffen Social-Media-Beiträge über dieses Haus an und sagten, das sei gefälscht. Ich glaubte den Kommentaren tatsächlich und dachte, dass die Dinge zum Glück, doch nicht so schlimm seien. Aber sie waren es und die Situation ist jetzt noch schlimmer.

Im Moment sind die Ukrainer:innen sehr geschlossen. Viele Zivilist:innen nehmen Waffen in die Hand, melden sich freiwillig, spenden Geld oder verbreiten Informationen, um unserer Armee beim Kampf gegen unsere Besatzer zu helfen. Ich glaube an die Ukrainer:innen, unsere Armee und verlasse mich auf meine Nation. Und ich hoffe, wir werden die Angreifer zurückschlagen, um unser Land zu schützen.

Krieg führt nur zu Zerstörung und Tod

Ich wünschte, die EU-Länder wären so einig wie die Ukrainer:innen. Es gibt viele Länder, die aufgrund ihrer Unentschlossenheit wichtige Entscheidungen blockieren. Aber ich möchte alle daran erinnern, dass es so etwas wie das eigene Interesse oder die eigene Politik nicht gibt, während wir im Krieg sind. Krieg führt nur zu Zerstörung und Tod.

Die EU-Länder müssen alles tun, um die russische Aggression zu stoppen. Ich bin wirklich froh, dass Deutschland endlich beschlossen hat, uns Waffen zu liefern. Die anderen Länder sollten verstehen, dass die Ukraine ihre Stimmen und starke Entscheidungen braucht. Dies ist kein ethnischer Konflikt, unsere Armee schützt unser Land seit 2014 vor Besatzern und die ganze westliche Welt lässt Russland diese Invasion im Jahr 2022 durchführen. Wir brauchen eine entschlossenere NATO. Wir brauchen sie, um den Luftraum für alle russischen Flieger zu sperren.“

*Um Valeria zu schützen, nennen wir in diesem Text nur ihren Vornamen. Ihr voller Name ist der Redaktion bekannt.

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