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Schwarze Geflüchtete berichten von Rassismus an der ukrainischen Grenze: „Sie haben uns wie Tiere behandelt“

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Von: Robert Wagner

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Ein nigerianischer Student aus Kiew berichtet einem Reporter vom Rassismus, den er auf seiner Flucht erdulden musste.
Sichtlich erschüttert: Ein nigerianischer Student aus Kiew berichtet einem Reporter vom Rassismus, den er auf seiner Flucht erdulden musste. © Twitter Screenshot

Dunkelhäutige Kriegsgeflüchtete erfahren an der ukrainischen Grenze offenbar Rassismus und werden an der Ausreise gehindert. 

Aus aller Welt erfährt die vom russischen Despoten attackierte Ukraine eine Welle der Solidarität. Die Nachbarländer nehmen Hunderttausende Kriegsflüchtlinge auf, insbesondere Polen ist zu einem wichtigen Zufluchtsort für die vor Tod und Zerstörung fliehenden Menschen geworden. Das ist gut so und in jeder nur erdenklichen Form zu unterstützen. Was darüber aber nicht übersehen werden darf, ist die Ungleichbehandlung, die nicht-weiße Kriegsgeflüchtete offenbar durch ukrainische Sicherheitskräfte erleiden. Im Netz mehren sich unter den Hashtags #AfricansinUkraine und #BlackinUkraine die Berichte geschockter Betroffener, hauptsächlich Student:innen aus Afrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten, von denen es in der Ukraine Tausende gibt.

Die Opfer berichten davon, dass sie auf dem Weg zur polnisch-ukrainischen Grenze gezielt schikaniert und teils sogar mit vorgehaltener Waffe aus Zügen geworfen worden seien. An der Grenze seien sie in einer Art Zweiklassengesellschaft angekommen: Die einheimischen ukrainischen Kriegsflüchtlinge seien bevorzugt und großzügig mit Essen und Decken versorgt worden, während die dunkelhäutigen Schutzsuchenden keine Unterstützung erhalten hätten und nur durchgewunken worden seien. Vielfach sei auch nackte Gewalt eingesetzt worden. Das berichtete gegenüber der ARD-Journalistin Isabel Schayani etwa ein Medizin-Student aus Pakistan, dem der Schock über diese offene Diskriminierung deutlich anzusehen ist.

Ukraine-Krieg: Offener Hass gegenüber schwarzen Menschen an der Grenze?

Noch schlechter scheinen Menschen aus Afrika zum Teil behandelt zu werden. Der nigerianische Student Gabriel erzählte gegenüber der BBC, wie unmenschlich das ukrainische Militär mit ihm und anderen Schwarzen in der westukrainischen Grenzstadt Lwiw umgegangen sei. Sie seien daran gehindert worden, den Zug nach Polen zu nehmen und mussten die Strecke zu Fuß zurücklegen. Nach einem Zwölf-Stunden-Marsch ohne Proviant von Lwiw an die Grenze erfuhren er und seine Leidensgenossen aber noch mehr Rassismus: Am Grenzübergang seien sie von den ukrainischen Ordnungskräften „wie Tiere“ behandelt und sogar geschlagen worden. Es sei eine seiner „schlimmsten Erfahrungen“ gewesen, sagte auch er sichtlich schockiert über diese unverblümte Menschenverachtung.

Ein anderer Nigerianer sprach in der polnischen Grenzstadt Przemyśl gegenüber einem Reporter der Welt von offener „Feindschaft“, die er im Zug nach Polen von anderen Flüchtenden erfahren habe. Besonders weiße, ukrainische Frauen sollen sich an seiner bloßen Anwesenheit gestört haben. „Die behandeln Haustiere besser als uns“, sagt er. Man habe ihn und andere Schwarze schließlich aus dem Zug geworfen, weil sie „keine Ukrainer“ seien und dort nichts verloren hätten.

Ähnliches erfuhren viele andere Afrikaner:innen. Schwarze Frauen wurden von ukrainischen Sicherheitskräften und auch Zivilisten aktiv daran gehindert, den rettenden Zug zu betreten - auch als sie gemäß der Losung „Frauen und Kinder zuerst“ an der Reihe gewesen wären. Sogar mit Tritten wurden sie traktiert. „Wenn sie von Frauen und Kindern sprechen, meinen sie ukrainische Frauen und Kinder“, sagte eine Betroffene gegenüber Zeit online. Sie haben betteln und schreien müssen, bevor man sie hineingelassen habe, und seien hinterher von weißen Mitflüchtenden noch schikaniert und belogen worden. Eine Erfahrung, die auch viele andere Nicht-Weiße machen mussten.

Durften schwarze Menschen Züge erst als letzte betreten?

Von einer Trennung der dunkelhäutigen Kriegsgeflüchteten von den weißen Ukrainer:innen wird in den sozialen Medien vielfach berichtet. Offenbar begünstigte man auf der ukrainischen Seite vielfach die Ausreise der einheimischen weißen Geflüchteten, während die nicht-weißen Ausländer, wenn überhaupt, die Züge nur als letzte betreten durften. Es wirkt wie eine spontan entstandene Rassentrennung. Vielfach mussten vor allem Afrikaner:innen stunden- oder gar tagelang in einer eigenen Schlange an der Grenze ausharren, bevor sie vorgelassen wurden. Weiße hingegen durften ohne Weiteres passieren.

Vereinzelt seien Schwarze sogar mit vorgehaltener Waffe an der weiteren Flucht gehindert worden, wie die Kolleg:innen von Buzzfeed News USA ausführlich dokumentieren. Ihnen gegenüber berichteten Betroffene auch davon, von ukrainischen Zivilisten als „Affen“ beschimpft worden zu sein, die „nach Afrika“ zurückzugehen hätten. Einer der vielen nigerianischen Student:innen vor Ort postete ein Video, das ukrainische Polizei- und Armeekräfte zeigt, wie sie Geflüchtete mit der Waffe bedrohen - offenbar nur, weil sie dunkelhäutig waren.

Rassismus gibt es überall - auch im Krieg

Dieser offen ausbrechende Rassismus mitten in einem Kriegsgebiet macht deutlich, wie tief verankert noch immer die Geringschätzung dunkelhäutiger Menschen in weißen Gesellschaften ist. Und wie notwendig die Aufklärung darüber ist. Nicht einmal in einer so krassen Notlage werden nicht-weiße Menschen überall gleich behandelt, sondern allein wegen ihres Aussehens massiv benachteiligt. Indem man diesen Missstand benennt, relativiert man nicht das Leid der weißen Kriegsgeflüchteten, wie vielfach kritisiert wird. Man sensibilisiert Menschen, die eine solche Erfahrung nie machen werden, für den Rassismus, den andere ihr Leben lang erdulden müssen.

Dass diese Sensibilisierung nötig ist, wird in dieser Debatte deutlich. Eine noch zu häufige Reaktion weißer Menschen auf die Rassismus-Erfahrungen nicht-weißer Menschen ist Ignoranz. Die mag der Naivität geschuldet oder wie beim ehemaligen AfD-Politiker Marcus Pretzell ideologisch begründet sein. (Das Bild vom „Paulanergarten“, in dem nur Märchen erzählt werden, ist ein unter Rechtsradikalen typisches Totschlagargument gegen unbequeme Wahrheiten.)

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