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„Eine Art großes Nordkorea“: Die westlichen Sanktionen treffen auch die russische Bevölkerung

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Von: Emily Erhold

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Russische Demonstrant:innen und Philipp Lioznov
Psychotherapeut Philipp Lioznov sieht in den Sanktionen gegen Russland auch eine Gefahr. © ZUMA Wire/Imago/Philipp Lioznov

Um den Krieg in der Ukraine zu beenden, verhängen westliche Staaten Strafmaßnahmen gegen Russland. Das bringt die russische Bevölkerung in eine schwierige Lage.

Seit der Invasion russischer Truppen am 24. Februar wird auf ukrainischen Boden gekämpft. Mehr als 2,8 Millionen Menschen sind bereits aus ihrem Land geflüchtet. Medien berichten von Angriffen auf Wohngebiete. Der Beschuss einer Geburtsklinik in Mariupol sorgte vor einigen Tagen für Entsetzen.

Unterdessen versuchen westliche Staaten, wie die USA und die Mitglieder der Europäischen Union, mit Sanktionen, also Strafmaßnahmen, Russlands Handlungsfähigkeit einzuschränken und Präsident Putin unter Druck zu setzen. Sanktionen gibt es mittlerweile in den Bereichen von Finanzmärkten und Banken, im Verkehrssektor und IT-Business bis hin zu direkten Strafen gegen den russischen Präsidenten, seinen Außenminister Sergej Lawrow und anderen Personen aus dem Umfeld Putins.

Zudem ziehen sich immer mehr westliche Unternehmen aus Russland zurück, wie etwa AirBnB, Coca Cola, H&M, Ikea oder McDonald’s. Die Folgen sind im russischen Alltag bereits zu spüren. Geschäfte schließen, Kreditkarten funktionieren nicht mehr und tausende von Menschen verlieren ihre Jobs. Der Druck auf Putin steigt also tatsächlich, gleichzeitig aber auch der Unmut der Russ:innen. Der in Wien lebende Psychotherapeut Philipp Lioznov ist in Sankt Petersburg geboren. Er sieht eine große Gefahr im Verhalten des Westens gegenüber Russland.

Zwischen Zensur und Sanktionen

Die EU will bei der Auferlegung der Strafmaßnahmen laut Europäischem Rat und Rat der Europäischen Union, Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung vor Ort auf ein Mindestmaß beschränken. Die Sanktionen sollen also hauptsächlich Verantwortliche treffen. In Russland sieht die Lage aber etwas anders aus, wie Lioznov beobachtet. Die Bevölkerung ist gefangen zwischen der Zensur Putins auf der einen und der Ausgrenzung durch den Westen auf der anderen Seite.

Die russische Regierung hat die Pressefreiheit mittlerweile stark eingeschränkt. Durch ein neu verabschiedetes Mediengesetz wird die unabhängige Berichterstattung stark beschnitten. Bis zu 15 Jahre Haft drohen für die Verbreitung von angeblichen „Falschinformationen“ über die russischen Streitkräfte. Strafen drohen auch jenen, die öffentlich die Armee „verunglimpfen“. Das Wort „Krieg“ ist im Zusammenhang mit der Ukraine verboten, stattdessen wird von einer Militäroperation gesprochen. Unabhängige russische Medien mussten ihren Betrieb einstellen. Immer mehr internationale Sender und Zeitungen ziehen sich aus dem Land zurück. Facebook, Twitter und Instagram sind in Russland mittlerweile blockiert.

„Das Leben in Russland ist für den Durchschnittsbürger tendenziell schon schwieriger als in Westeuropa. Jetzt stelle man sich vor, man hat seinen Job verloren, weil man vielleicht für ein westliches Unternehmen gearbeitet hat, kommt nach Hause, schaltet den Fernseher an, kann nur das empfangen, was von der Regierung vorgegeben ist und hört, dass der Westen daran Schuld hat”, schildert Psychotherapeut Philipp Lioznov die Situation der Russ:innen gegenüber BuzzFeed Austria. Vor dieser Ohnmacht der Bevölkerung möchte er warnen: “Ich sehe sehr wohl die Gefahr, dass sich die Menschen durch diese Dynamik weg vom Westen und hin zu dem diktatorischen System Putins bewegen.” Viele Russ:innen seien der Ansicht, dass sie hier für etwas bestraft werden, für das sie nicht verantwortlich sind.

Unterschiedlicher Zugang zu Politik

Wer in Russland gegen den Krieg demonstriert, wird niedergeknüppelt, verhaftet, verurteilt. Es drohen hohe Geldstrafen und im schlimmsten Fall bis zu 15 Jahre Haft. Das hält aber Tausende Menschen im Land nicht davon ab, auf die Straße zu gehen. Nach Angaben von Aktivist:innen gab es seit dem 24. Februar in Russland mehr als 14.800 Festnahmen. Erst vor Kurzem unterbrach eine Mitarbeiterin des Staatsfernsehens die Nachrichtensendung „Wremja“. Sie war hinter die Moderatorin getreten und hatte ein Plakat gegen den Krieg in der Ukraine in die Kamera gehalten. Darauf war auch „Nein zum Krieg“ und „Ihr werdet belogen“ zu lesen. Dazu rief sie mehrmals laut: „Nein zum Krieg, Nein zum Krieg, Nein zum Krieg!” Die unabhängige Zeitung „Nowaja Gaseta“ berichtete, die Journalistin sei von Polizisten festgenommen worden. 

Die Frau wird international für ihren Mut gefeiert. Es ist ein weiterer Fall, der zeigt, in welche Atmosphäre die russische Bevölkerung lebt. Philipp Lioznov betont aber, dass die Aktivist:innen gegen den Krieg nur einen Teil der russischen Bevölkerung ausmachen: „Viele Menschen im Land sind unpolitisch. Diese Einstellung geht noch auf die Zeit der UDSSR zurück: Man hat keine Selbstwirksamkeit, wenn es um Politik geht. Viele Russ:innen kennen nur die Ansicht der Staatsmedien.“ Lioznov erklärt, dass nur etwa 20 Prozent der Russ:innen schon einmal im Ausland waren. Er sieht einen großen Unterschied zwischen den Generationen: „Vor allem die jüngeren, die zumindest bis vor Kurzem noch Zugang zu unabhängigen oder auch westlichen Medien hatten, die vielleicht auch im Ausland gelebt haben, sind gegen den Krieg. Die neue Generation ist besser vernetzt und hat eine andere Einstellung gegenüber dem Westen. Jetzt muss man sich die Frage stellen: In welche Beziehung möchten die westlichen Staaten mit diesen Menschen treten?” 

Russ:innen bereiten sich auf “großes Nordkorea“ vor

Lioznov beobachtet auch ein verändertes Verhalten bei seinen Freund:innen in Russland. Viele von ihnen schicken ihm ihre letzten Dollar. „Sie stellen sich darauf ein, dass die Welt für sie zu Ende geht und, dass sie zu einer Art großem Nordkorea werden”, erzählt der Psychotherapeut. Er selbst schreibt mit seinen Bekannten nur noch in Codes. Viele wollen das Land verlassen, aber das ist nicht einfach: “Die Menschen sind quasi eingesperrt.”

„Vor allem die liberal eingestellten Russ:innen fühlen sich gerade sehr alleingelassen und abgeschnitten”, erklärt Lioznov. Er appelliert an die westlichen Staaten, den Dialog aufrecht zu halten.

„Wir Russ:innen sind nicht böse“, erzählte uns vor wenigen Wochen eine junge Russin im Interview.

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