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„Das ist meine Heimat“: Ukrainischer Rockstar kämpft als Soldat im Krieg gegen Russland

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Andriy Khlyvnyuk  und weitere Männer in einem Raum, im Hintergrund sieht man die ukrainische Flagge.
Andriy Khlyvnyuk (Mitte) hört sich in einer Pizzeria, die am 11. März in Kiew zum Aufenthaltsort umfunktioniert wurde, ein Briefing von Leonid Ostaltsev an. © Pete Kiehart / for BuzzFeed News

Ein ukrainischer Soldat kämpft im Ukraine-Krieg und verteidigt sein Land. Reportern von Buzzfeed News US hat er berichtet, wie es ihm ergeht.

Andriy Khlyvnyuk ist einer der größten Rockstars der Ukraine. Als Frontmann von BoomBox, einer der größten ukrainischen Bands, hatte er eigentlich einen stressigen März vor sich, in dem er in 25 Tagen zehn Konzerte in vier Ländern spielen sollte. „Ich habe ein Wochenende in Miami. Am Tag davor war ich in L.A. und einige Tage zuvor in San Francisco. Ich bin gerade auf Tournee in den USA und Kanada“, sagte Khlyvnyuk vergangene Woche an einem Morgen in Kiew, während er die Orte aufzählte, an denen er hätte auftreten sollen. Stattdessen tauschte Chlywnjuk sein Mikrofon gegen ein leistungsstarkes Sturmgewehr und seine Lederjacke gegen eine gepanzerte Weste und kämpft nun Seite an Seite mit seinen ukrainischen Landsleuten gegen die eindringenden russischen Streitkräfte, die das Land mit Luftangriffen und schwerer Artillerie bombardieren.

„Das ist meine Pflicht. Die Ukraine ist meine Heimat“

Viele andere ukrainische Berühmtheiten, darunter Pop-Ikonen, Tennisstars, Balletttänzer:innen, Theaterschriftsteller:innen und Kochprofis gaben ebenfalls ihr altes Leben auf, um sich dem Freiheitskampf ihres Landes anzuschließen. Einige greifen zu Waffen, andere helfen bei humanitären Aktionen und Spendenaufrufen. Aber auf die eine oder andere Weise spielen sie alle jetzt eine wichtige Rolle an der Front des größten Krieges in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. „Früher waren es Schläger und Saiten, jetzt ist es das“, twitterte der 33-jährige pensionierte ukrainische Tennisspieler Alexandr Dolgopolow, neben sich ein Foto, das ein sowjetisches AK-74-Sturmgewehr, ein Magazin, ein großes Messer, eine Panzerweste und einen Helm zeigt.

„Wir sind keine Geschäftsleute, Barbesitzer:innen, Rockstars mehr für die nächsten, ich weiß nicht, wie viele Tage.“

Ein prominenter Filmschauspieler und Fernsehmoderator bezahlte die Verteidigung der Ukraine bereits mit seinem Leben. Pasha Li, 33, wurde am 6. März während eines russischen Artilleriebeschusses getötet, nur wenige Tage nachdem er den territorialen Verteidigungskräften beigetreten war. Li, der aus Irpin, einer schwer beschädigten Stadt westlich von Kiew, in der auch viele Zivilist:innen und vier Journalist:innen getötet wurden, kam, spielte die Hauptrolle in mehreren Filmen und war Sprecher in den ukrainischen Synchronfassungen von Der König der Löwen und Der Hobbit.

Eine zerstörte Brücke in Irpin, Ukraine.
Die Evakuierungsmaßnahmen werden am 8. März über eine zerstörte Brücke in Irpin, Ukraine, fortgesetzt. © Pete Kiehart/for BuzzFeed News

Chljwnjuk - groß, mit einer Glatze und einen einzigen Ohrring an seinem linken Ohr - sagt, er sei schockiert gewesen, als der russische Präsident Wladimir Putin am 24. Februar eine groß angelegte Invasion startete. „Nach ein oder zwei Tagen akzeptiert man die Realität“, so Chljwnjuk. Für ihn bedeutet das, sich dem Kampf anzuschließen. Chlywnjuk, der ursprünglich aus der zentralukrainischen Stadt Tscherkassy stammt, jetzt aber in Kiew lebt, schickte seine Frau und seine Tochter an einen sicheren Ort im Westen und blieb zurück, um die Hauptstadt zu verteidigen.

Nachdem er sich ein Sturmgewehr gekauft hatte, schloss er sich mit Leonid Ostalzew zusammen, einem ukrainischen Militärveteranen, der eine landesweite Pizzakette besitzt und andere Kriegsveteranen im Osten des Landes beschäftigt. Ihre Einheit ist jetzt Teil der Kiewer Patrouillenpolizei, die bei humanitären Einsätzen hilft, aber auch auf der Jagd nach russischen Saboteur:innen die Straßen patrouilliert und die Soldat:innen an der Front mit Panzerabwehrwaffen unterstützt.

Eine ehemalige Pizzeria, die nun als Waffenlagerort dient.
Britische NLAWs, leichte Panzerabwehrwaffen der nächsten Generation, werden in einem Küchenfenster einer Pizzeria gelagert, die am 11. März in Kiew zum Sammelpunkt umfunktioniert wurde. © Pete Kiehart/for Buzzfeed News

Musiker Khlyvnyuk lacht über die Tatsache, dass er jetzt ein offizieller Polizeibeamter ist, der eine Dienstmarke trägt, wenn er an einige frühere Zusammenstöße zurückdenkt. Nachdem er und ein Freund vor vielen Jahren beim Urinieren auf ein Denkmal des Führers der Sowjetunion, Wladimir Lenin, erwischt worden waren, wurden sie von der Polizei festgenommen, woraufhin er einen Song schrieb, in dem über die Polizei herzog. „Ich habe ein sarkastisches Remake von ‚I Shot the Sheriff‘ gemacht und es hieß ‚I Shit in a Police Car‘“, sagt er.

„Und jetzt bin ich selber ein Sheriff, der ein Polizeiauto fährt.“

Khlyvnyuk scherzt auch darüber, dass der Stützpunkt seiner Einheit in Ostaltsevs Kiewer Pizzeria untergebracht ist. Die Pizzen sind weg - vorerst. „Wir haben hier NLAWs“ (Next generation Light Anti-tank Weapons, Anm. d. R.), sagt Ostaltsev stolz, während er in seinem Lagerraum, der sich in ein Büro und eine Koje verwandelt hat, eine Zigarette raucht. Draußen im Flur und in der Küche stapeln sich weder Pizzateig noch Lieferkartons, sondern mehrere leichte Panzerabwehrwaffen, die die britische Regierung kürzlich an die Ukraine geliefert hatte. Khlyvnyuk möchte nicht über seine Kampfeinsätze reden, freut sich aber, über seine Musik zu sprechen, für die er, wie er sagt, immer noch etwas Zeit findet.

Bei seinem bisher einzigen Auftritt seit Beginn der Invasion sang Chljwnjuk eine Kampfhymne über die ukrainische Freiheit an dem Ort, an dem sie seiner Aussage nach ein ukrainischer Freiheitskämpfer:innen vor einem Jahrhundert gesungen hatte. Ein Video von Khlyvnyuks eindringlicher Darbietung zeigt ihn in seiner neuen Kampfuniform, das Gewehr über die Schulter gehängt und mit einer New York Yankees Cap. Er steht neben der alten St. Sofia-Kathedrale und ruft die Ukraine auf, sich zu erheben. Die Zeilen sind den Sich Riflemen gewidmet, ukrainischen Streitkräften der österreichisch-ungarischen Armee, die im ukrainischen Unabhängigkeitskrieg von 1917 bis 1921 kämpften.

„Sie waren Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und des Kampfes um die Unabhängigkeit vor 100 Jahren. Jetzt haben wir also die gleiche Situation.“

Andriy Khlyvnyuk
Andriy Khlyvnyuk posiert für ein Portät in einer Pizzeria in Kiew, die am 11. März zum Aufenthaltsort umfunktioniert wurde. © Pete Kiehart /for Buzzfeed News

Am 27. Februar, dem dritten Tag des Krieges und seinem ersten Tag als Soldat, postete Khlyvnyuk das Video auf Instagram, wo es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels mehr als 400.000 Aufrufe hatte. Die ukrainischen Streitkräfte teilten das Video am nächsten Tag auf Twitter, wo es viral ging. Khlyvnyuk hörte auf, in Russland zu performen, und sang nur noch auf Ukrainisch und Englisch, nachdem Putin 2014 seine erste Invasion gestartet hatte, die Krim gewaltsam annektierte und einen Gebietsstreifen in der Größe von New Jersey in den ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk besetzte.

"Ich war eine der besten Live-Musiker in Russland. Ich habe zwei der drei wichtigsten russischen Musikpreise gewonnen und hatte ein Platin-Album in Russland. [Die russische Bevölkerung hat meine Lieder im ganzen Land gesungen", so Chljwnjuk. "Jetzt behaupten sie, ich sei ein Nazi" und bezieht sich dabei auf Putins Falschbehauptung, der Grund für seinen Einmarsch in die Ukraine sei die "Entnazifizierung" gewesen.

„Einige russische Bewohner:innen haben sich gemeldet, um ihre Unterstützung zu zeigen. Einige sagen, dass sie sich schämen“, sagte Chljwnjuk. „Aber ich brauche dieses Gefühl der Scham nicht. Ich will, dass sich die Dinge ändern. Scham bringt keine Kinder und Schulen zurück...“, bricht er ab und reibt sich die Augen, als er auf die mehr als 100 Kinder verweist, die in Russlands Krieg getötet wurden, und auf die Dutzenden von Schulgebäuden, die durch Raketen zerstört wurden. Khlyvnyuk hofft, dass der Krieg zu einem Ende kommt und er bald wieder Musik machen kann. „Wenn der Krieg rechtzeitig zu Ende geht, habe ich diesen Monat eine Show in London“, sagt er. „Ich werde euch Backstage-Pässe geben.“

Autor ist Christopher Miller. Der Artikel erschien am 19. März 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Aranza Maier.

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