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Immer mehr Geschichten von ukrainischen Heldentaten tauchen auf - und geben dem Land Hoffnung

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Von: Sophie Marie Unger

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Ein Soldat starb, als er eine Brücke sprengte. Zivilist:innen blockieren russische Panzer. Die starken Videos von Präsident Selenskyj. Der „Geist von Kiew“. Ob gut dokumentiert oder urbane Legende, viele Geschichten stärken den Widerstand der Ukraine.

Der Unterkörper einer Person, der eine Waffe trägt, in der Ukraine
Alexander, der in Russland geboren wurde und vor 2014 in Donezk gelebt hat und jetzt für die Ukraine kämpft, steht an einem improvisierten Kontrollpunkt außerhalb von Kiew. Alexander sagt, er sei „ukrainisch geworden“, nachdem Putin angegriffen hat. © Pete Kiehhart für BuzzFeed News US

Taten unvorstellbarer Tapferkeit ukrainischer Bürger:innen sind bereits im ganzen Land zu Legenden geworden, haben die Moral gestärkt und einen landesweiten Widerstand entfacht, der sich angesichts des massiven und erfahrenen russischen Militärs bereits als beeindruckend effektiv erwiesen hat.

Wladimir Putins groß angelegte Invasion in der Ukraine ist erst wenige Tage her, aber bereits jetzt häufen sich Beispiele für inspirierenden Widerstand. Da war etwa eine Gruppe von Grenzschutzbeamt:innen, die sich einem Befehl eines russischen Kriegsschiffs widersetzt haben und gefangen genommen oder getötet worden sind. Eine Militäreinheit, die es während eines Kampfes um einen wichtigen Flughafen mit 34 russischen Kampfhubschraubern und Dutzenden von Fallschirmjägern aufnehmen konnte. Ein ukrainischer Soldat, der eine Brücke sprengte, um einen russischen Vormarsch auf Kiew zu stoppen, und sein Leben opferte, um sicherzustellen, dass die Explosion erfolgreich war. Zivilist:innen, die sich vor rollende russische Panzer legen und den Besatzungstruppen ins Gesicht schimpfen. Zehntausende zivile Freiwillige greifen zu den Waffen und gehen an die Front.

BuzzFeed News US hat ein Team vor Ort in der Ukraine. Verfolgen Sie die Berichterstattung von Chris MillerIsobel Koshiw und Pete Kiehart auf Twitter und lesen Sie hier ihre gesamte Arbeit.

Obwohl viele Beispiele von Heldentaten durch Videos und Fotos dokumentiert worden sind, sind einige schwer zu überprüfen, und einige scheinen bereits urbane Mythen zu sein. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist die virale Geschichte von „The Ghost of Kyiv“, einem einzelnen Piloten, von dem gesagt wird, dass er im Alleingang sechs russische Kampfflugzeuge abgeschossen hat.

Aber all diese Geschichten, kombiniert mit den populären und trotzenden Videos von Präsident Wolodymyr Selenskyj, in denen er in Kiew steht und alle seine Mitbürger:innen aufruft, den Kampf aufzunehmen, summieren sich zu einer nationalen Erzählung der Tapferkeit für ein Volk, das weniger Soldat:innen und weniger Waffen hat, als Putins Truppen. „Wenn man das alles sieht, hat man das Gefühl, dass die ganze Nation gegen diese Aggression ist. Und es ist wirklich schwer, gegen eine ganze Nation zu kämpfen“, sagt Maria Popova, eine ukrainische Kommunikationsexpertin in Kiew, gegenüber BuzzFeed News US. „Das allgemeine Gefühl ist, dass wir bereit sind zu kämpfen, und wir sind wirklich wütend.“

Ukrainische Männer zählen am 26. Februar Brotlaibe auf einem Parkplatz außerhalb von Kiew.
Ukrainische Männer zählen Brotlaibe auf einem Parkplatz außerhalb von Kiew. © Pete Kiehart für BuzzFeed News

Ein hochrangiger Beamter der US-Regierung sagte Reporter:innen bei einem Briefing, dass Russland nur etwa die Hälfte der Truppen eingesetzt habe, die es um die Ukraine versammelt hat, was darauf hindeute, dass der Kreml mit seiner kriegerischen Kampagne noch lange nicht fertig ist. Aber wenn der ursprüngliche russische Plan eine Blitzkriegsoperation war, um sofort wichtige Städte zu übernehmen und die Zentralregierung in Kiew zur Kapitulation oder zum Sturz zu zwingen, ist dieser weitgehend gescheitert.

Das ukrainische Militär, das auf mehr als 220.000 Soldat:innen im aktiven Dienst angewachsen ist, plus Zehntausende weitere Nationalgarde-Truppen, Polizist:innen, Reservist:innen und Territorialverteidigungsbrigaden aus zivilen Freiwilligen – immer noch in den Schatten gestellt von Russlands millionenstarkem Militär – hat bisher 27 russische Flugzeuge und 26 Hubschrauber abgeschossen, dazu 146 Panzer und 706 gepanzerte Kampffahrzeuge und Dutzende anderer militärischer Ausrüstung zerstört, nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums.

Ukraine-Krieg: Ukrainische Soldaten drängen russische Streitkräfte zurück

Damit haben die Ukrainer:innen russische Streitkräfte zurückgeschlagen, die versucht haben, den Regierungssitz und das Büro von Selenskyj zu erreichen, der sich selbst als Russlands „Ziel Nr. 1“ bezeichnet. „Es ist der dritte Tag, an dem wir uns alle erneut vor Augen geführt haben, wie mächtig und unzerbrechlich der ukrainische Geist ist!“ schrieb der Vorsitzende des ukrainischen Parlaments, Ruslan Stefanchuk, am Samstag.

An diesem Abend bis zum frühen Sonntagmorgen haben die Ukrainer:innen im ganzen Land gekämpft, während die russischen Streitkräfte Kiew, Charkiw und andere Städte weiterhin mit Luftangriffen und Artilleriefeuer bombardiert haben. Selenskyj, auf dessen Führung und Widerstand viele Ukrainer:innen in diesem entscheidenden Moment geschaut haben, sagt, dass das Schicksal der ukrainischen Nation „jetzt entschieden wird“.

Unter denen, die über das Schicksal des Landes entscheiden, ist Alexander, ein 50-Jähriger, der mit einer in Amerika hergestellten Remington-Schrotflinte bewaffnet ist und einen aus Sandsäcken und Betonblöcken gebauten Kontrollpunkt am Stadtrand von Kiew bewacht. Der gebürtige Russe ist mit acht Jahren nach Donezk in die Ostukraine gezogen und hat dort bis 2014 gelebt. „Ich habe mich immer wie ein Russe gefühlt, aber 2014 habe ich gesagt, dass ich ein Ukrainer bin, weil ich [Russlands] Aggression gesehen habe, weil ich gesehen habe, was Russland mit der Ukraine vorhat, und ich habe zu mir gesagt: ‚Nein, das ist genug. Ich bin kein Russe‘“, sagt er gegenüber BuzzFeed News US und bezieht sich dabei auf Putins Invasion in die ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk. „An diesem Tag bin ich Ukrainer geworden.“ Als „Jäger russischer Besetzer:innen“ bezeichnet der ehemalige Inhaber eines Damenmodegeschäfts seinen neuen Beruf.

Alexander hat vor dieser Woche noch nie in einem Krieg gekämpft oder eine Waffe abgefeuert, aber er sagt, er ist bereit, die Ukraine gegen sein Geburtsland zu verteidigen. „Wenn es sich um einen Panzer handelt, können wir in diesem Gelände natürlich nichts tun und müssen rennen. Aber wenn es weniger als ein Panzer ist, werden wir kämpfen.“

Ein ukrainischer Jet fliegt eine scharfe Kurve außerhalb von Kiew.
Ein ukrainischer Jet fliegt eine scharfe Kurve in der Nähe von Kiew. © Pete Kiehart für BuzzFeed News US

Die Ukrainer:innen sind es gewohnt, als Underdog zu gelten, haben sie doch jahrzehntelang mit einer deutlich kleineren Armee im Schatten Moskaus gelebt. Aber während sie gegen ihren ehemaligen imperialen Herrscher um ihre Existenz kämpfen, schlagen sie sich weit besser, als viele ihnen zugetraut haben.

„Es gibt eindeutig einen großen moralischen und spirituellen Geist, der die Ukrainer:innen gegen die Invasion vereint. Natürlich reicht diese Idee Jahrhunderte zurück. Es gibt so viele Beispiele für den Widerstand der Ukrainer:innen in ihrem Kampf für die Unabhängigkeit“, sagt Volodymyr Yermolenko, ein ukrainischer Philosoph und Chefredakteur der Nachrichtenseite Ukraine World, gegenüber BuzzFeed News US. Als Beispiele nennt Yermolenko den Unabhängigkeitskampf der Ukrainer:innen gegen die Bolschewiki in den frühen 1920er Jahren und den Guerillakrieg der ukrainischen nationalistischen Kräfte gegen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Die Ukrainer:innen bieten auch neuere Beispiele: Der Euromaidan 2014 und die russische Invasion auf der Krim und in der Ostukraine haben ebenfalls Heldentaten hervorgebracht, die im ganzen Land und darüber hinaus Anklang gefunden haben.

Ukraine-Krieg: Matrose sprengt sich mit Brücke in die Luft, um russische Truppen aufzuhalten

Als russische Truppen letzte Woche in der Südukraine eingetroffen sind, soll sich ein ukrainischer Matrose, Witali Skakun, mit einer Brücke in die Luft gesprengt haben, um zu verhindern, dass die russischen Truppen weiter vordringen können. Der 25-jährige Seemann meldete sich am 24. Februar freiwillig, um Minen auf der Brücke zu platzieren, hatte aber laut Aussage seiner Brigade keine Zeit mehr gehabt, die Brücke zu verlassen. In der Erklärung heißt es, dass er erheblich dazu beigetragen hat, die russischen Streitkräfte zu verlangsamen, was es der Einheit ermöglicht hat, sich zu formieren und ihre Verteidigung neu zu organisieren.

Skakun war einer der ersten landesweiten Helden des ukrainischen Kampfes gegen die russische Invasion. Selenskyi verlieh Skakun am Freitag posthum den Titel „Held der Ukraine“, und über seine Tat wird in den sozialen Medien im ganzen Land berichtet.

Der nächste Tag hat dann eine weitere sensationelle Geschichte ukrainischer militärischer Tapferkeit gebracht. Ukrainische Grenzschutzbeamte, die eine strategisch wichtige Insel vor der Schwarzmeerküste verteidigt haben, forderten ein sich näherndes russisches Kriegsschiff auf, sich zu „f*cken“, bevor es bombardiert wurde. Ein Video des Austauschs ging viral, nachdem es von der beliebtesten ukrainischen Website Ukrainska Pravda veröffentlicht worden war. Das russische Kriegsschiff forderte die ukrainischen Grenzsoldaten auf, sich zu ergeben. Man hört die Soldat:innen kurz miteinander diskutieren, bevor einer sagt: „Russisches Kriegsschiff, f*ck dich selbst.“

Ob dies das letzte ist, was sie gesagt haben, bevor sie für ihr Land starben, ist unklar: Der ukrainische Grenzschutzdienst hat gemeldet, dass die Wachen möglicherweise noch am Leben sind, nachdem die Insel von russischen Truppen eingenommen worden ist.

Molotow-Cocktails stehen außerhalb von Kiew in einer Kiste an einem improvisierten Kontrollpunkt bereit.
Molotow-Cocktails stehen in einer Kiste an einem improvisierten Kontrollpunkt außerhalb von Kiew bereit. © Pete Kiehart für BuzzFeed News

Mehrere Videos von Ukrainer:innen, die Panzer stoppen, sind auf der ganzen Welt geteilt worden, während die Verteidigungsmoral an Fahrt gewonnen hat. Ein Video zeigt einen Mann, der vor einem herannahenden russischen Panzer steht, was an die Widerstandsbewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China erinnert. Der Mann ist vor einem russischen APC-Panzer zu sehen, wie er gestikuliert und das Fahrzeug zwingt, auszuweichen. Ein weiteres Video zeigt einen Mann, der versucht, einen Panzer zurückzudrängen, und eine Frau mittleren Alters, die sich in der Region Tschernihiw nördlich von Kiew auf einen Panzer stürzt.

Ein drittes Video zeigt Dutzende unbewaffnete ukrainische Freiwillige in Puffermänteln, die in derselben Region nahe der russischen Grenze auf einen russischen Panzer zumarschieren:

In einem weiteren Video ist ein ukrainischer Mann zu sehen, der mit bloßen Händen eine Mine trägt – Berichten zufolge soll er sie von einer Brücke in der Südukraine entfernt haben – und dabei eine Zigarette raucht.

Die ukrainischen Flughäfen sind eines der Hauptziele Russlands. Um den Flughafen Antonov in Hostomel, nordwestlich von Kiew, tobt noch immer ein Kampf. Kurz vor Sonnenaufgang am ersten Tag der Invasion bombardierten die Russen den Frachtflugplatz des berühmten ukrainischen Flugzeugherstellers Antonov. Dutzende russische Militärhubschrauber, die Berichten zufolge Personal an Bord hatten, wurden gefilmt, als sie tief über Wohnhäusern flogen und versucht haben, auf dem Flugplatz zu landen. Tausende entsetzte Ukrainer:innen haben das Video gesehen. Es war eines der ersten, das ihnen das Ausmaß und die schockierende Geschwindigkeit der russischen Invasion gezeigt hat:

Obwohl die russische Kontrolle über den Flugplatz wie eine sichere Sache schien, starteten die ukrainischen Streitkräfte einen Gegenangriff und behaupteten, drei der Hubschrauber abgeschossen zu haben. Laut Timur Olevsky, einem russischen Journalisten von Insider, der Zeuge des Vorfalls war, mussten einige russische Spezialeinheiten in einem Wald den Rückzug antreten, in welchem sie von der ukrainischen Nationalgarde gejagt worden sind.

Eine:r der Berater:innen des ukrainischen Präsidenten hatte behauptet, die Ukraine habe am ersten Tag des Angriffs um 22 Uhr die Kontrolle über den Flughafen wiedererlangt, den Post aber später wieder gelöscht. Der Kampf dauert seit drei Tagen an. Kurz nach der Invasion haben sich Gerüchte über den sogenannten „Ghost of Kyiv“ verbreitet, einen ukrainischen Kampfpiloten, der mehrere russische Flugzeuge abgeschossen hat. Der Pressedienst des ukrainischen Parlaments hat angeblich ein Bild des Piloten in seiner MiG-29 nach einem 30-stündigen Flug veröffentlicht, zu dem behauptet wird, er habe sechs russische Falcon-Kampfflugzeuge abgeschossen. Das Verteidigungsministerium der Ukraine hat nur auf den Piloten angespielt und seine Identität nicht preisgegeben, was viele zu der Annahme veranlasst, dass er ein fiktiver Held oder eine urbane Legende sein könnte.

Zivilisten tragen Waffen in Kiew.
Zivilisten mit Waffen auf den Straßen von Kiew. © Pete Kiehart für BuzzFeed News

Inzwischen hat Selenskyj sein Image im In- und Ausland von einem unerfahrenen politischen Akteur zu einem Anführer im Krieg gewandelt. Seit Beginn der Invasion hat Selenskyj regelmäßig Videos von sich auf dem Platz vor der zentral gelegenen Präsidialverwaltung gepostet, um zu beweisen, dass er immer noch in Kiew ist und die Ukrainer:innen auffordert, nicht aufzugeben.

Laut einem Tweet der ukrainischen Botschaft in Großbritannien haben die USA angeboten, Selenskyj zu evakuieren, was dieser ablehnte, mit den Worten: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“

„Das ist alles in der ukrainischen DNA“, sagt Yermolenko. „Die Ukrainer:innen sind sehr gut darin, sich einer autoritären Herrschaft, einer tyrannischen Herrschaft zu widersetzen.“

Als er neben etwa 20 anderen zivilen Freiwilligen steht, die mit Pistolen mit der Aufschrift „Made in Russia“, Hämmern und Molotow-Cocktails bewaffnet sind, sagt Alexander, der 50-jährige Zivilist, der sich zum Kampf gemeldet hat, dass sie für nichts weniger als für ihre Freiheit kämpfen.

„Ich kann nicht an einem Ort wie Russland leben, wo es keine Freiheit und so viel Böses in den Menschen gibt“, sagt er. „Sie haben das Böse [in die Ostukraine] gebracht. Und ich möchte nicht, dass sie es hierher bringen.“

Autor:innen des Textes sind Christopher Miller, Isobel Koshiw und Pete Kiehart . Der Artikel erschien am 27. Februar 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Max Kienast.

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