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Den Fiaker-Pferden wird wieder zu heiß, die Mehrheit wünscht sich hitzefrei für die Tiere

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Von: Christian Kisler

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Fiakerpferde werden bei Hitze mit Wasser abgespritzt und mit Wasser getränkt
Fiakerpferde sollten zumindest bei Temperaturen ab 30 Grad hitzefrei bekommen. © Georg Hochmuth/APA/Alex Halada/AFP/APA-PictureDesk/BuzzFeed Austria

Die ewige Frage: Sollen Fiaker im Sommer noch fahren dürfen? Einer Umfrage zufolge wünschen sich 76 Prozent, dass die Pferde ab 30 Grad hitzefrei bekommen.

Ich kenne niemanden, wirklich niemanden, der sich schon einmal mit einem Fiaker durch Wien kutschieren hat lassen. Schon gar keine Menschen, die hier geboren sind oder ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt haben. Im besten Fall sorgen die Pferdegespanne dafür, dass der mitunter ohnehin schon zähe Verkehr in der Innenstadt endgültig verstopft wird, im schlimmsten Fall werden wir Zeug:innen von staatlich geduldeter Tierquälerei. Nämlich dann, wenn die Tiere bei 30 Grad und mehr in der Hitze ausharren müssen. Da helfen auch keine „Cooling Zones“. Der Asphalt heizt sich auf mindestens 60 Grad auf, was auch dann unerträglich ist, wenn das Pferd wie üblich mit Hufeisen beschlagen ist. Wenn das Tier wegen Hitzekollaps oder Kreislaufversagen umfällt, bekommst du es auch nicht mehr so schnell wieder auf die Beine. Eine lebensbedrohliche Situation.

Johannes Rauch ist für ein komplettes Fiaker-Aus

Immerhin achten die meisten Fiakerfahrer:innen darauf, dass der Flüssigkeitshaushalt stimmt und ihre Pferde mit ausreichend Wasser versorgt sind. Was bei hohen Temperaturen, wie sie ja immer häufiger vorkommen, oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Diskussionen über Sinn und Unsinn dieser traditionellen Touristenattraktion werden seit Jahren geführt. Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) hat gegenüber der ORF-Sendung „Wien heute“ die Frage in den Raum gestellt, ob Fiaker in einer Großstadt, und das ist Wien nun einmal, überhaupt noch zeitgemäß sind. „Man sollte sich Gedanken darüber machen, nämlich wirklich aus Gründen des Tierschutzes, ob man ein Pferd diesem Stress aussetzen sollte“, erklärte er und sprach sich bei der Gelegenheit für ein komplettes Verbot aus. Zumindest sollten die Tiere ab einer Temperatur von 30 Grad hitzefrei bekommen.

Das sorgt auch für Zustimmung seitens des Vereins gegen Tierfabriken (VGT). Dieser hat ja bereits darauf hingewiesen, dass es sowohl wissenschaftlich als auch verfassungsrechtlich gedeckt sei, die Pferden bei 30 Grad und mehr quasi vom Dienst freizustellen. Dazu gibt es auch internationale Vorbilder. Die italienische Hauptstadt Rom etwa hat Ende 2020 nach umfassenden Hitzefrei-Regelungen während der Sommermonate ein komplettes Fiaker-Verbot erlassen. Und der VGT wirft noch etwas anderes zugunsten eines zumindest zeitlich begrenzten Kutschenverbots in die Waagschale. Laut einer aktuellen Umfrage des Gallup-Instituts befürworten 76 Prozent der Befragten die Forderung für hitzefrei ab 30 Grad. Lediglich zehn Prozent halten hitzefrei ab 35 Grad für ausreichend. Und weitere zehn Prozent sind gegen jegliche Regelung. 80 Prozent der an der Umfrage Beteiligten sind außerdem für Einschränkungen für Fiakergespanne im Straßenverkehr, 42 Prozent gar für ein totales Fahrverbot in den Innenstädten.

Die Wirtschaftskammer sieht die Existenz der Fiaker-Branche bedroht

Die Wirtschaftskammer sieht das erwartungsgemäß anders. „Die aktuellen Forderungen um ein Fiakerverbot lassen wissenschaftliche Fakten komplett außer Acht. Populistische Aussagen sind absolut fehl am Platz, wenn es um die Existenz einer ganzen Branche geht. Wir wollen daher einen Runden Tisch mit den politischen Vertreter:innen und Expert:innen organisieren“, so Spartenobmann Davor Sertic. Welche „wissenschaftliche Fakten“ gemeint sind, führt Sertic leider nicht genauer aus. Abgesehen davon ist die Forderung nach einem Runden Tisch überflüssig, kündigte Gesundheitsminister Rauch ohnehin einen für Anfang Juni an, also recht bald und rechtzeitig zu den ersten Hitzewellen.

Ebenfalls ist nicht alles, was hinkt, ein Vergleich: „In Venedig fährt auch nicht jede:r Tourist:in mit einer Gondel. Dennoch erwarten alle Besucher:innen, sie in den Kanälen zu sehen. Wien ohne Fiaker wäre wie Venedig ohne Gondeln“, übt sich Markus Grießler, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer, in unglücklichen Vergleichen. Soweit ich weiß, werden Gondeln allerdings nicht von Tieren gezogen, aber bitte.

„Fiaker gehören zum Stadtbild.“ Wirklich?

Wenig überraschend zeigt sich Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) ebenfalls wenig begeistert von Rauchs Vorstoß. Auch er hat am Rande eine Pressekonferenz von der Wichtigkeit gesprochen, eine Tradition zu erhalten: „Ich persönlich würde es sehr bedauern, wenn es keine Fiaker mehr in Wien gibt, die gehören zum Stadtbild.“ Außerdem seien sie nicht nur für Tourist:innen, sondern auch für viele Wiener:innen ein Symbol für die Stadt. Aber auch Ludwig blieb eine Erklärung schuldig, was ihn zu dieser Behauptung veranlasst.

Ein komplettes Fiakerverbot wird in Wien so schnell nicht eingeführt werden, dazu ist die Stadt gegenüber dem Bund zu mächtig. Und auch die Wirtschaftskammer wird sich nicht so leicht umstimmen lassen, schließlich möchte sie ihre Klientel, die Fiakerfahrer:innen, nicht im Stich lassen. Tatsächlich würde mit einem Verbot so mancher Arbeitsplatz verloren gehen. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Dennoch: An hitzefrei an Tagen, an denen die 30-Grad-Grenze erreicht oder gar überschritten wird, wird man nicht vorbeikommen. Alles andere ist und bleibt Tierquälerei.

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