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Eine Forschungsanlage in Simmering kann Müll in Treibstoff verwandeln

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Von: Christian Kisler

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Montage: Die Forschungsanlage in Wien-Simmering aus zwei Blickwinkeln
In der Forschungsanlage in Wien-Simmering wird aus Abfall grüner Treibstoff gewonnen. © Michael Horak/Wien Energie/BuzzFeed Austria

Ein bisschen klingt es nach Zukunftsmusik, nach Science-Fiction. In Simmering werden aus Industrieabfall hochwertiger grüner Diesel und Kerosin hergestellt.

Am Ende des ersten Teils der Science-Fiction-Komödie „Zurück in die Zukunft“ kehrt Emmett „Doc“ Brown, der verrückte Wissenschafter, aus der Zukunft in die Gegenwart zurück. Dabei zeigt er dem erstaunten Marty McFly so nebenbei, dass sein fliegendes Auto lediglich ein bisschen Müll als Treibstoff benötigt. Die damalige Gegenwart: 1985. Die damalige Zukunft: 2015. Ich muss da was verpasst haben, denn Autos können mit wenigen Ausnahmen immer noch nicht fliegen und mit Abfall lassen sie sich noch immer nicht betreiben. Könnte eher weniger gut für dein Auto und den Motor ausgehen, wenn du eine Bananenschale und einen leeren Joghurtbecher in den Tank stopfst.

In Simmering wird Biodiesel aus Holzabfällen und Klärschlamm hergestellt

Nah dran ist nun eine Forschungsanlage in Wien-Simmering, gleich bei der dortigen Müllverbrennungsanlage. Nein, hier werden keine fliegenden Fahrzeuge im großen Stil gebaut. Und nein, auch kein Mist verarbeitender Motor wird hier hergestellt. Wir sind ganz nah, Vorsicht, heiß! Tatsächlich wird hier an der Produktion von grünen Treibstoffen gearbeitet. Weltweit ist es die erste Anlage, bei der aus Abfällen und Reststoffen Synthesegas hergestellt wird, zumindest die erste Anlage dieser Art. Verarbeitet werden etwa Holzabfälle, Klärschlamm oder Rückstände der Papierindustrie. Das besagte, dabei entstandene Gas wird gleich hier weiterverwertet. Unter anderem wird erneuerbarer und CO2-neutraler Diesel hergestellt, außerdem grünes Kerosin. Die Forschungsanlage wurde bereits in Betrieb genommen.

Dabei ist die Anlage mit einer Leistung von einem Megawatt schon in industrienahem Maßstab gebaut. Das bedeutet, sie befindet sich im letzten Stadium vor einer solchen im Realbetrieb. „Diese Anlage ist ein Meilenstein für die Kreislaufwirtschaft“, übt sich Wien-Energie-Geschäftsführer Karl Gruber in Superlativen. „Wir machen hier aus Abfällen und Reststoffen grüne Treibstoffe und vergleichbare Industrierohstoffe und treiben damit den Klimaschutz in der Stadt voran. Die hier eingesetzte Technologie ist vielversprechend: Künftig könnte eine solche Anlage im Industriemaßstab bis zu 10 Millionen Liter grünen Treibstoff pro Jahr erzeugen und damit bis zu 30.000 Tonnen fossiles CO2 einsparen.“ Umgerechnet könnte damit die ganze Öffi-Busflotte ein Jahr lang Wiens betankt werden, und zwar klimaneutral. Im Rahmen des Forschungsprojekts wird in der Tat auch ein Bus mit dem hier erzeugten grünen Treibstoff eine Probefahrt absolvieren.

Holz, Klärschlamm, Synthesegas, Rohöl, Biotreibstoff

Um den Treibstoff herstellen zu können, werden mehrere technische Verfahren gleichzeitig eingesetzt, das ist ja auch das Bemerkenswerte an der Anlage. Und das geht so: Die angelieferten Reststoffe, zum Beispiel wie schon erwähnt Holzabfälle, Klärschlamm oder Rückstände der Papierindustrie, werden zunächst in Synthesegas umgewandelt. Dieses wird dann gereinigt und in einem weiteren Schritt wird daraus Rohöl erzeugt - fragt mich nicht, wie das im Detail funktioniert, es ist Zauberei. Jedenfalls kann aus diesem Rohöl in weiterer Folge der gewünschte grüne Treibstoff hergestellt werden.

Zwei Varianten sind möglich: Entweder der eingesetzte Abfall, eben jene Ausgangsstoffe sind erneuerbaren Ursprungs, wie eben etwa Holz, Holzabfälle, Klärschlamm, sonstige biogene Abfälle. Dann sind auch die Endprodukte, also Diesel oder Kerosin, gänzlich erneuerbar. Oder andere, nicht erneuerbare Reststoffe werden verwendet, wie etwa Plastikreste, die nicht recycelt werden. Damit können die fossilen Ausgangsstoffe mehrfach genutzt werden. Das wird beispielsweise auch beim Papierrecycling so gehandhabt.

An der Forschungsanlage sind viele Partner:innen beteiligt

Vielseitigkeit wird hier also großgeschrieben, ist ja auch ein Hauptwort - kleiner Scherz am Rande. Übrigens hört das Projekt auf den Namen „Waste2Value“. An der Herstellung von grünem Treibstoff wird von einem Team aus ganz unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen geforscht. Geleitet wird das Projekt von BEST. Beteiligt sind Wien Energie, die Wiener Linien, die Wiener Netze, die Österreichischen Bundesforste, die Laakirchen Papier AG und SMS group Process Technologies. Auf wissenschaftlicher Seite sind die TU Wien und die schwedische Luleå University of Technology Partner. Gefördert wird das Projekt von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) gefördert. Hoffentlich gilt hier nicht: Zu viele Köch:innen verderben den Brei. Sondern das Gegenteil, dass in Sachen Klimaneutralität ordentlich was weiter geht. Und wie die größte Wärmepumpe Österreichs in Linz ist die Forschungsanlage zusätzlich ein weiterer Schritt in Richtung Energieunabhängigkeit.

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