1. BuzzFeed.at
  2. News
  3. Umwelt

„Früher hot ma deitlich weniger beschneid“: Das richtet die Klimakrise in Österreichs Skigebieten an

Erstellt:

Von: Sophie Marie Unger

Kommentare

Tourismusverbands-Chef des Skigebiets Obertauern, Mario Siedler und eine Schneekanone
So macht sich die Klimakrise in Österreichs Alpen bemerkbar. © Unger/APA Picturedesk

Zahlreiche eigentlich als schneesicher geltende Gebiete in Österreich sind plötzlich nicht mehr ganz so schneesicher. Wie sich die Klimakrise im Skigebiet Obertauern auswirkt und mit welchen Maßnahmen man entgegensteuert, erfährt ihr hier.

Ein gestreiftes Geschirrtuch ist es, welches über die grüne Farbe der noch nicht in Betrieb genommenen Schneekanone gleitet. „Brauchen tua mas jetzt zwor net, in Stond hoit‘n mias mas ober – die muas jeder Zeit bereit sein“, sagt der Mann mit dem gestreiften Geschirrtuch in der Hand. Sein Name ist Andreas und er ist Liftwart des Plattenkarlifts in der Salzburger Skiregion Obertauern. Er scheint routiniert bei dem was er tut – so als wäre es ein täglicher Prozess. Und der Schein trügt nicht: „Seit zwa Johr mias ma des regelmäßig mochn“, sagt er und deutet auf die Kanone. Obwohl Obertauern in einer Höhe von bis zu 2.313 Metern als äußert schneereiches Gebiet gilt, ist auch hierzulande eine Veränderung in Richtung Erderhitzung ganz spürbar. „I bin jetzt 55 Johr‘ und früher hot ma deitlich weniger beschneid“, so der gebürtige Salzburger.

Eis schmilzt in gigatonnenweise ab

Dass vor allem der Einstieg in die Saison ein Problem ist, zeigen die letzten Jahre, wo man auch in Obertauern ohne Kunstschnee nicht starten konnte. Grund dafür: Die Schneefallgrenze steigt, die Gletscher schmelzen ab. So hat Landeis, also Eisschollen plus Gletscher, seit 2002 um 286 Gigatonnen pro Jahr abgenommen. Der Alpenforscher Werner Bätzing geht sogar davon aus, dass in den kommenden 15 Jahren Skifahren, so wie wir es kennen, nur noch oberhalb von 2.000 Metern möglich sein wird. Obertauern hätte damit gerade noch Glück gehabt, aber für viele andere Skigebiete wäre dies der Todesstoß. Ein von Spiegel online durchgeführter Vergleich von 988 Skigebieten im Alpenraum zeigt, dass 20 Prozent der Gebiete von dieser Problematik betroffen wären, da sie nur knapp über 1.000 Meter liegen.

Hotellerie und Gastro merken eindeutig Unterschiede

Rezeptionistin Veronika vom St. Georg-Hotel beschreibt den Dezember und den Jänner auch in Obertauern als „schwierige Monate“. „Die Saison verschiebt sich da ein bisschen – im Dezember und Jänner gibt es hier weniger Schnee als früher, dafür kann man hier aber meistens bis in den April hinein Skifahren“. Wie lange das Oster-Skifahren jedoch noch möglich sein wird, ist natürlich fraglich. Denn sieht man sich die ZAMG-Daten der letzten Jahre konkret für Obertauern an, kann man temperaturtechnisch höchstens auf Wasserski umsteigen. Seit 1990 sind die Temperaturen im Durchschnitt um 1,6 Grad Celsius gestiegen. Vor allem die Wintermonate zeigten sich 2020 mit durchschnittlich -2 Grad Celsius von ihrer milden Seite.

Auch in den Bergen dominiert nun das Extremwetter

Dass es in den letzten Jahren deutlich wärmer war, bestätigen nicht nur Studien - diese Tatsache wird auch in Obertauern subjektiv wahrgenommen. Kellnerin Maria von der Lürzer Alm berichtet davon, dass viele Gäste trotz sonnenloser Tage viel häufiger draußen sitzen. „Den Leuten ist nicht mehr so kalt, da muss nicht amal die Sonne scheinen!“. Laut Obertauern Tourismus-Chef Mario Siedler sind es aber vor allem die „extremen Einzelereignisse“, die dem Wintersportort zusetzen. Während sich früher moderater Schneefall auf einen relativ langen Zeitraum verteilt hat, zeichneten sich in den letzten Jahren immer häufiger extremere Wetterbedingungen ab. „Sehr viel Schnee kommt jetzt in nur wenigen Tagen“, hält Siedler fest.

Tourismus setzt auf Aufklärungsarbeit und Kooperationen

Doch was tut ein solch großes Skigebiet, um die Berge zu schützen und den Betrieb aufrechtzuerhalten? Siedler zeigt sich optimistisch und hat bereits einige Lösungsansätze parat. Die „Flucht nach oben“, also die Erschließung höher gelegener Gebiete als Reaktion auf die fortschreitende Klimakrise wird grundsätzlich ausgeschlossen.

Viel mehr will man etwa mit Projekten wie „POW – Protect Our Winters – Schütze Was Du liebst“ das Bewusstsein zum nachhaltigen Umgang mit der Bergwelt schärfen. „Wir versuchen da mit Vorträgen an Schulen Jugendliche darauf hinzuweisen, dass es nicht immer die PET-Flasche sein muss, die in den Ski- und Snowboard-Rucksack gepackt wird“. Auch die Tatsache, dass das Wasser aus der Leitung in Österreich trinkbar ist, ist zu vielen - vor allem ausländischen Touristen - noch nicht durchgedrungen. „Wir zeigen, dass man das stille Mineral nicht ins Apartment schleppen muss – reinstes Trinkwasser ist ja hier überall verfügbar, das ist eine klare WIN-WIN-Situation“.

In einem weiteren Projekt mit den ÖBB animiert man Reisende dazu, das Auto zu Hause zu lassen und mit dem Zug ins Skigebiet zu fahren – Verbindungen gibt es genug. Die mutigen Zugbenutzer:innen erhalten als Belohnung eine Alu-Trinkflasche, die natürlich darauf wartet, mit dem trinkbaren Gletscherwasser befüllt zu werden. Das Linksliegenlassen der PET-Flaschen ist zumindest schon mal ein guter Anfang, um ins Nachhaltigkeits-Game einzusteigen. Wenn wir alle dann noch tolle Organisationen wie POW oder Fridays For Future unterstützen und uns engagieren, kann möglicherweise Liftwart Andreas sein Geschirrtuch in seiner Pensionen ausschließlich in der Küche benutzen, als damit die Schneekanonen für ihren nächsten Einsatz zu wappnen. 

Auch interessant

Kommentare