1. BuzzFeed.at
  2. News
  3. Umwelt

Lebensmittel im Wert von 1,4 Milliarden Euro verbrannt: Wie org kann‘s eigentlich noch werden?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sophie Marie Unger

Kommentare

Eier, Milch, Fleisch, Obst und Gemüse landen im Müll und werden dann verbrannt.
Gute Lebensmittel landen im Müll und werden verbrannt - bravo, weit haben wir‘s gebracht. © Georg Hochmuth/APA Picturedesk

Geschlachtet, verpackt, verbrannt: Diese Wörter bringen den täglichen Wahnsinn der Lebensmittelindustrie ganz gut auf den Punkt. In unserer Reihe „Klimaliebe“ möchten wir uns der letzten Station widmen: der Nahrungsmittelverschwendung.

Von der Produktion von Lebensmittel über ihren Transport, der Kühlung und den Verkauf an Konsument:innen, bis wieder hin zum Acker: Schon allein dieser Prozess belastet natürliche Ressourcen, produziert Treibhausgase und sorgt für massenhaft Müll. Dass dann schlussendlich alles umsonst war, nachdem das Endprodukt weggeschmissen wird und sogar für zusätzliche Umweltbelastungen sorgt, indem es verbrannt wird, ist aber schon org.

Österreich verbrennt Lebensmittel im Wert von 1,4 Milliarden Euro

Die Überproduktion ist ein riesiges Problem. Weltweit landen pro Jahr rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Müll. In Österreich füllt sich jede Sekunde ein Müllsack mit dementsprechenden Inhalt, wodurch jährlich rund eine Million Tonnen an Abfällen entstehen. Wir liegen damit über dem EU-Durchschnitt. Laut neuen Recherchen von Greenpeace wird ein Teil dieser Lebensmittel (geschätzter Wert ca. 1,4 Milliarden Euro) einfach verbrannt. Dabei entstehen wiederum 1,5 Millionen Tonnen CO2 - also ca. die Hälfte der Menge an Treibhausgasen, die der österreichische Flugverkehr vor der Pandemie verursachte.

Ja, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wir stellen Lebensmittel her, transportieren und lagern sie - dabei werden schon tonnenweise Emissionen freigesetzt. Dann landen sie im Müll, um verbrannt zu werden. Das kann nicht normal sein.

Doch nicht nur private Haushalte müllen

Es beginnt ja bereits am Acker selbst. Denn die teilweise absurden Form- und Größenrichtlinien sorgen dafür, dass Gemüse und Obst, das eigentlich genießbar wäre, niemals einen Supermarkt von innen sehen wird. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen werden in industrialisierten Ländern nämlich 40 bis 50 Prozent der Ernte einfach weggeschmissen. Landwirt:innen bleiben oft auf der Ware sitzen. 175.000 Tonnen vermeidbarer Lebensmittelabfälle fallen zudem in der Hotellerie, der Gastronomie, in der Gemeinschaftsverpflegung und in Gesundheitseinrichtungen an.

Tierische Produkte am stärksten betroffen

Vom Wegwerf-Wahnsinn am stärksten betroffen sind tierische Produkte. Das bedeutet, dass einige Tiere vollkommen unnötig getötet werden. Im heimlich gefilmten Video von Greenpeace sieht man Berge von eingeschweißtem Frischfleisch, die sich in der Halle einer Müllverbrennungsanlage angesammelt haben. Nicht nur der ethische Aspekt ist extrem beunruhigend, denn Viehzucht und Massentierhaltung sind für rund 14,5 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Eine kürzlich erschienene Studie, an der auch die WU in Wien beteiligt war, wies nach, dass das 1,5-Grad-Ziel des Klimaabkommens der EU allein dadurch erreicht werden könnte, wenn die Bevölkerung reicher Länder auf vegan umstellt. Doch so leicht ist es nicht.

Warum verhalten wir uns eigentlich so?

Wir sind es gewohnt in großen Supermärkten unsere Einkaufsliste ausnahmslos abzuhacken. Können wir ein Produkt nicht finden, so suchen wir einen anderen großen Supermarkt auf. Damit dieser Kund:innenverlust nicht passiert, sorgen die Märkte dafür, dass es genug und noch mehr gibt. „Die Supermärkte sind aber nur ein Glied in der Kette“, erklärt Greenpeace-Agrarexperte Sebastian Theissig-Matei. Wir müssten uns auch zufrieden damit geben, dass es dann halt mal keine Seelachszunge gibt und eben auch nur das kaufen, was wir in den nächsten Tagen garantiert verarbeiten können.

Mit meist viel zu viel kommen wir dann zu Hause an und stürzen auch schon in den nächsten Umwelt-Fauxpas. Denn oft wird das Mindesthaltbarkeitsdatum missverstanden, wodurch das Leben noch genießbarer Lebensmittel frühzeitig beendet wird. In der EU werden zehn Prozent der Lebensmittel entsorgt, weil man diese Information fehlinterpretiert. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eigentlich nur ein gesetzlich vorgeschriebenes Qualitätsversprechen des Herstellers. Es gibt an, bis wann der Verzehr bei korrekter Lagerung ohne wesentliche Qualitätseinbußen bei Geschmack und Aussehen gewährleistet wird. Man sollte daher auch auf seine eigenen Sinne vertrauen und Geruch und Aussehen checken, bevor man die Produkte überhastet in die Tonne haut.

Politik zieht sich aus der Verantwortung

Obwohl das Problem weitreichend bekannt ist, hat die österreichische Politik viel zu wenig dagegen unternommen. Es gibt nicht einmal eine einheitliche und durchgängige Datenbasis über die heimische Lebensmittelverschwendung in Österreich. Unter dem Deckmantel der EU muss sich das zwangsläufig bis 2030 aber nun ändern. Das EU-Ziel gibt vor, die Lebensmittelverschwendung bis dahin zu halbieren. Laut Klimaschutzministerium habe man bereits mit einem Aktionsplan reagiert, der als „Teil eines umfassenden Abfallvermeidungsprogrammes“ umgesetzt werden soll. Das Ministerium verwies auf eine bestehende Maßnahme, dass bereits mit elf großen Handelsunternehmen eine Vereinbarung zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen getroffen worden sei. 2020 seien so 20.000 Tonnen genussfähiger Lebensmittel gerettet und an soziale Einrichtungen weitergegeben worden, hieß es.

Für Greenpeace sind die Maßnahmen unzureichend

„Schluss mit den zahnlosen freiwilligen Vereinbarungen der letzten Jahre. Die österreichische Bundesregierung darf sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen und muss jetzt rasch einen ambitionierten Aktionsplan mit rechtlich verbindlichen Zielen für alle Branchen vorlegen“, fordert Theissing-Matei. Konkret heißt dies, dass eine rechtlich-verbindliche maximale Wegwerfquote für Verarbeiter:innen und Händler:innen eingeführt werden soll. Eine Transparenz-Offensive wäre der erste Schritt, denn erst einheitliche, durchgängige und für alle zugängliche Daten schaffen auch stärkeres Bewusstsein, und das brauchen wir unbedingt.

Auch interessant

Kommentare