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„Bahnbrechendes Ergebnis“: Forscher:innen entdecken erstmals Mikroplastik in unserem Blut

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Von: Emily Erhold

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Frau nimmt Blut ab und Mikroplastik auf Finger.
Symbolbild: Forscher:innen haben erstmals Mikroplastik in unserem Blut nachgewiesen und sind besorgt. © McPhoto/Shotshop/Imago/BuzzFeed Austria

Eine neue Studie der Freien Universität Amsterdam hat erstmals Mikroplastik im Blut von Menschen nachgewiesen. Was das für unsere Gesundheit bedeutet, muss erst erforscht werden.

„Unsere Studie ist der erste Hinweis darauf, dass wir Polymerpartikel in unserem Blut haben – das ist ein bahnbrechendes Ergebnis“, erklärte Studienautor Dick Vethaak gegenüber „The Guardian“. Polymer ist eine chemische Verbindung, die Bestandteil von Kunststoffen ist. Um herauszufinden, wie sich das auf unseren Körper auswirkt, wollen die Forscher:innen die Probenanzahl vergrößern.

Denn für die nun veröffentlichte Studie haben die Wissenschafter:innen Blutproben von nur 22 anonymen Spender:innen analysiert. In 17 davon waren Rückstände von Plastik zu finden. In der Hälfte der Proben war PET-Kunststoff vorhanden. PET steht für Polyethylenterephthalat. Der Kunststoff wird häufig für Verpackungsmaterial verwendet. Wir kennen ihn vor allem in Form von Getränkeflaschen. In einem Drittel der Blutproben fanden die Forscher:innen Polystyrol, ein Kunststoff, der beispielsweise in wiederverwendbaren Essensbehältern, Fahrradhelmen oder Kleiderbügeln vorkommt. In einem Viertel der Proben waren Spuren von Polyethylen. Aus diesem Kunststoff werden zum Beispiel Plastiksackerl hergestellt. Aber wie viel Plastik war insgesamt im Blut zu finden? Die Gesamtkonzentration entsprach etwa einem Teelöffel Kunststoff in 1.000 Litern Wasser - also ungefähr zehn großen Badewannen.

Mikroplastik schädigt menschliche Zellen

Das Forscherteam um Dick Vethaak befürchtet, dass das Mikroplastik im Blut negative Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben könnte. So könnten die Partikel im Blut laut den Wissenschafter:innen durch den Körper wandern und sich möglicherweise in Organen festsetzen. Zudem sei in Laborversuchen bereits nachgewiesen worden, dass Mikroplastik menschliche Zellen schädigt.

Um mehr zu erfahren, sind aber weitere Untersuchungen erforderlich. Studienautorin Marja Lamoree erklärt in einer Aussendung: „Dieser Datensatz ist der erste seiner Art und muss erweitert werden, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie weit verbreitet die Plastikverschmutzung im Körper des Menschen ist und wie schädlich sie sein kann. Mit diesen Erkenntnissen können wir feststellen, ob die Exposition gegenüber Plastikpartikeln eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellt.“

Dick Vethaak erläutert gegenüber dem „Guardian“: „Die große Frage ist: Was passiert in unserem Körper? Bleiben die Partikel dort? Werden sie zu bestimmten Organen transportiert oder passieren sie etwa die Blut-Hirn-Schranke? Und sind die Mengen hoch genug, um Krankheiten auszulösen?“

Mögliche Gefahr für Babys

Das Forscherteam drückt auch seine Sorge um Kleinkinder und Säuglinge aus. „Es ist sicher vernünftig, besorgt zu sein. Die Partikel sind da und werden durch den Körper transportiert“, warnt Vethaak. Frühere Arbeiten hätten gezeigt, dass der Anteil von Mikroplastik in den Fäkalien von Säuglingen zehnmal höher sei als bei Erwachsenen und dass Säuglinge, die mit Plastikflaschen gefüttert werden, täglich Millionen von Mikroplastikpartikeln verschlucken. „Wir wissen auch, dass Babys anfälliger für Chemikalien und Partikel sind. Das macht mir große Sorgen“, so der Wissenschafter.

Wir essen eine Kreditkarte Plastik pro Woche

Plastik befindet sich übrigens nicht nur in unserem Blut. Laut einem Forscherteam der MedUni Wien, nehmen wir pro Woche fünf Gramm an winzigen Plastikteilchen über unseren Magen-Darm-Trakt auf. Überspitzt gesagt verschlingen wir also wöchentlich eine Kreditkarte an Kunststoff. Ob von den aufgenommenen Mikro- und Nanokunststoffen ein Gesundheitsrisiko ausgeht, wird in zahlreichen Studien untersucht, ist aber bisher weitgehend unbekannt, hieß es am 24. März in einer Aussendung der MedUni Wien. Die Forscher:innen der MedUni haben den aktuellen Stand der Wissenschaft zusammengefasst.

So würden beispielsweise experimentelle Studien darauf hinweisen, dass Mikro- und Nanoplastikpartikel, die über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden, die Zusammensetzung des Darmmikrobioms verändern. Das Mikrobiom des Darms bezeichnet alle Mikroorganismen, die den menschlichen Darm besiedeln. Die Veränderungen des Mikrobioms werden mit der Entstehung von Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, Fettleibigkeit oder chronischen Lebererkrankungen in Verbindung gebracht.

Unser Umgang mit der Umwelt führt zu Plastik im Körper

Wesentlicher Grund, wieso wir Plastik in unserem Körper haben, ist nicht zuletzt unser Umgang mit der Umwelt. Die Vereinten Nationen schätzen, dass jährlich 400 Millionen Tonnen Plastikmüll weltweit produziert werden. Nur neun Prozent davon würden recycelt werden. Der Rest landet auf Deponien, wird verbrannt oder gelangt über Flüsse in die Weltmeere. Das hat Auswirkungen auf die Tierwelt. In Nordsee-Fischen und Langusten wurde bereits Mikroplastik nachgewiesen.

Mikroplastik findet sich immer häufiger in Produkten, die von Menschen konsumiert werden. Auch im Wasser oder in Lebensmittel wie Honig oder Milch wurden bereits Plastikpartikel festgestellt. Bei der Herstellung von Kosmetika wird zudem Mikroplastik verwendet. In Zahnpasta, Shampoo, Seifen oder Cremes sind also oft winzig kleine Teilchen Kunststoff enthalten, die dann über den Abfluss in die Kanalisation geraten. Auch in anderen Alltagssituation gerät Plastik in die Umwelt: Beim Autofahren beispielsweise wird das Plastik der Autoreifen abgerieben. In Zigarettenstummel ist ebenfalls Plastik enthalten. Zigarettenfilter bestehen aus dem Kunststoff Celluloseacetat. Expert:innen schätzen, dass jährlich 20 Tonnen unterschiedlichster Arten von Plastik in unser Erdreich gelangen.

Um die Plastikvermüllung unserer Erde aufzuhalten, hat sich die UN-Umweltversammlung Anfang März in Nairobi darauf geeinigt, ein entsprechendes Abkommen auszuhandeln. Die Vereinbarung soll spätestens Ende 2024 rechtsverbindlich werden. Ein Verbot von Plastikverschmutzung soll ausgehandelt werden.

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