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„Mitglieder besitzen und gestalten einen Supermarkt gemeinsam“: MILA könnte ein Konzept für die Zukunft sein

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Von: Christian Kisler

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Montage: Ein Stoffsackerl mit dem Aufdruck „MILA Mitmach Supermarkt“, Mitglieder vor dem Supermarkt in Wien-Ottakring
Der MILA-Mitmach-Supermarkt gehört seinen Mitgliedern. © Michaela Stankovsky/Victor Kössl/BuzzFeed Austria

In Wien-Ottakring entsteht mit dem MILA-Mitmach-Supermarkt ein kleiner Laden nach internationalem Vorbild. Er gehört seinen Mitgliedern und bietet qualitativ hochwertige Lebensmittel zu fairen Preisen.

Ökologisch nachhaltige und sozial faire Lebensmittel zu guten Preisen wie auf dem Bauernmarkt, dazu aber die Auswahl und die Öffnungszeiten eines modernen Supermarkts. Klingt wie die Quadratur des Kreises? Ein bisschen, ist aber machbar. Die Lösung steckt in Mitmach-Supermärkten nach internationalem Vorbild, Genossenschaften, deren Mitglieder selbst in geringem Maß anpacken, aber dafür qualitativ hochwertige Lebensmittel zu fairen Preisen erstehen können. Es ist eben kein Konzern, dessen einziges Ziel es ist, Gewinn zu machen. Was mit einem Bürger:innen-Solarkraftwerk am Zentralfriedhof funktioniert, kann auch auf Supermärkte umgelegt werden, nämlich sich an etwas beteiligen. Dort, wo seit 1903 ein Greißler, eröffnet am 13. Mai 2022 in der Haberlgasse in Wien-Ottakring mit MILA zunächst ein Mini-Supermarkt, dem in den nächsten Jahren ein großer folgen soll.

BuzzFeed Austria hat MILA-Mitbegründerin Brigitte Reisenberger zum Interview gebeten und gefragt, wie der MILA-Mitmach-Supermarkt in der Praxis über die Bühne gehen soll.

Frau Reisenberger, was genau ist MILA? Was ist überhaupt ein partizipativer Supermarkt? Wie funktioniert das im Detail?

Der Mitmach-Supermarkt MILA wird Lebensmittel in hoher Qualität und zu fairen Preisen für Mitglieder anbieten. Der genossenschaftliche Supermarkt wird im Vollsortiment mehrere tausend Artikel - Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs - verkaufen. Als Genossenschaft wird MILA seinen Mitgliedern gehören und diese werden ihn mitgestalten und mitarbeiten. Um hochwertige Produkte zu leistbaren Preise anbieten zu können, werden alle Mitglieder alle vier Wochen jeweils drei Stunden im Supermarkt mitarbeiten. Mitarbeiten heißt: Regale einräumen, Waren ins Lager bringen, Preisschilder anbringen, kassieren, aufräumen und vieles mehr. Arbeitsstunden können nicht abbezahlt oder übertragen werden. Als Testversion im Kleinformat und Zwischenstopp zum großen Supermarkt eröffnet bereits am 13. Mai 2022 der Minimarkt in Wien-Ottakring. Mitmachen lohnt sich bereits jetzt.

Welche Vorteile ergeben sich gegenüber einem „herkömmlichen“ Supermarkt oder Wochenmarkt? Wie kann MILA zum Thema Nachhaltigkeit beitragen?

Bei MILA soll es ein Vollsortiment mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs geben. Es wird möglich sein, ohne Sonderrabatte und unglaubwürdigen Werbeversprechen einzukaufen. Verkauft werden neben biologisch, regional, saisonal und von Hand produzierten Lebensmitteln auch Produkte, die man in klassischen Supermärkten findet, sowie besondere Produkte, die von Mitgliedern gewünscht werden. Die Mitglieder bestimmen das Sortiment mit - anhand von Kriterien wie Regionalität, Saisonalität, Umweltschutz, Verpackungsvermeidung und Tierwohl. Viele Produkte werden regional und bio sein, aber nicht zwingend alle. Bei einer Reihe von Produkten gibt es kein regionales oder Bio-Angebot, oder nur zu Preisen, die Teile der Mitglieder ausschließen würde. 

Welche Produkte sind besonders?

MILA wird bei kleinen Produzent:innen und Produktionsgenossenschaften, aber auch beim Großhandel einkaufen. Eine gute Partnerschaft mit den Produzent:innen - fair, auf Augenhöhe, ohne Preisdrückerei – ist dabei zentral. Erste Lieferant:innen im Minimarkt sind Gemüse/Obst aus dem Wiener Umland von Gemüsehof Artenvielfalt und Biohof Mader, Brot/Gebäck von der Bäckerei Schrott, Bio-Käse aus Kärnten von der Milch-Genossenschaft Kaslabn und Bio-Schafkäse von Milchmäderl. Dazu Getränke von Weinhof Bauer-Pöltl und dem Biohof Klampfer aus dem Burgenland und Pedacola, natürliche Cola aus dem Mühlviertel, feinste Spezialitäten aus der Balkan-Region direkt von Produzent:innen von BioBalkan, mafia-freie Tomatensoße aus Italien von der Associazione NoCap, feinste Pilzwürste und Aufstriche von der Wiener Pilzproduktion Hut&Stiel.

Wie und wann kam die Idee dazu auf?

Vor etwa zwei Jahren hat Tom Boothe, der Mitbegründer des genossenschaftlichen Supermarkts La Louve in Paris, Österreich besucht und hat die zukünftigen MILA-Gründer:innen inspiriert. Es war schnell klar, dass ein partizipativer Supermarkt in Wien schon längst überfällig war. Hauptsächlich während der Corona-Pandemie entstand so mithilfe unzähliger Online-Meetings das handfeste Supermarktprojekt MILA.

Ein ähnliches Modell gibt es mit der Park Slope Food Coop seit 1973 in Brooklyn. War das ein dezidiertes Vorbild? Was ist bei MILA anders?

Der partizipative Supermarkt MILA entsteht nach erfolgreichen internationalen Vorbildern: Allen voran dem genossenschaftlichen Supermarkt Park Slope Food Coop in NYC. Er ist mit 17.000 Mitgliedern einer der erfolgreichsten Supermärkte der USA und verkauft jährlich Waren im Wert von 47 Millionen US-Dollar und ist wirtschaftlich erfolgreich. Der Großteil der Produkte stammt aus biologischem Anbau und aus regionaler Produktion. Weiteres Vorbild ist der Supermarkt La Louve in Paris, die seit 2017 existiert, 4.300 Mitgliedern hat und auf 550 Quadratmetern circa 6.500 Produkte verkauft - bei einem Jahresumsatz von acht Millionen Euro. MILA ist Teil eines wachsenden Netzwerks an Mitmach-Supermärkten in vielen anderen europäischen Städten wie Berlin, Lille oder Brüssel. Jede Stadt ist unterschiedlich und verlangt nach einer leicht adaptierten Variante  - das Grundmodell: Mitglieder besitzen und gestalten einen Supermarkt gemeinsam und arbeiten mit  - ist bei allen gleich.

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