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Ein Mega-Bauprojekt in Ungarn setzt dem Neusiedler See immer mehr zu

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Von: Christian Kisler

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Montage: Eine Greenpeace-Aktivistin vor dem Haus der Europäischen Union, die Mega-Baustelle im ungarischen Ort  Fertőrákos am Neusiedler See in Ungarn
Greenpeace fordert den sofortigen Baustopp am Neusiedler See im ungarischen Ort Fertőrákos. © Mitja Kobal/Greenpeace/BuzzFeed Austria

Auf der ungarischen Seite des Neusiedler Sees wird an einem Mega-Bauprojekt gearbeitet. Mitten im Naturschutzgebiet soll eine Luxus-Anlage entstehen.

Als wäre es nicht genug, dass Österreichs Seen das Wasser ausgeht. Als wäre es nicht genug, dass kleine Teiche eigene Wasserleitungen benötigen, weil sie sonst austrocknen würden. Als wäre es nicht genug, dass es wahlweise zu warm oder zu kalt für die jeweilige Jahreszeit ist und der Niederschlag überdies auch noch ausbleibt. All dem zum Trotz werden in Fertőrákos, einem kleinen Ort auf der ungarischen Seite des Neusiedler Sees, mitten im Naturschutzgebiet, aller Voraussicht nach 60 Hektar, rund 80 Fußballplatzfelder, wertvollen Bodens versiegelt. Und zwar, weil dort eine Luxus-Anlage entstehen soll. Die Pfahlbauten, die sich in dem Ferienort am Ufer befunden haben, wurden mittlerweile alle abgerissen, für die dafür anfallenden Kosten mussten die Besitzer:innen jeweils selbst aufkommen. Vordergründig soll das dortige Strandbad erneuert werden, bei der Preislage werden aber eher nur noch betuchtere Besucher:innen Zugang zum betonierten Seeufer haben.

Der Nationalpark Neusiedler See ist massiv gefährdet

Den Auftrag dafür eingesackt hat ein enger Freund Viktor Orbáns, des ungarischen Ministerpräsidenten. Dabei hat der Neusiedler See einen historischen Tiefststand erreicht, seit 1965 gab es nicht mehr so wenig Wasser im größten Steppensee des Landes, in Europa ohnehin nur einer der wenigen seiner Art. Bedenke: Der bisherige Tiefststand 1991 war immer noch höher als jetzt, und zwar um 10 Zentimeter. Das klingt jetzt nicht nach besonders viel, ist aber eine ganze Menge für einen See, dessen Wasserstand ohnehin stets niedrig ist. Gerade jetzt ein Vier-Sterne-Hotel mit 100 Zimmern, ein Parkhaus mit 880 Stellplätzen und einen Yachthafen mit 850 Bootsliegeplätzen in den eigentlich geschützten Uferbereich zu stellen, zeugt von besonderer Unverschämtheit, ausgeprägter Profitgier und Missachtung der Natur. Massiv gefährdet sind so der Nationalpark Neusiedler See, die Naturschutzgebiete rund um die ewige Badewanne der Wiener:innen und das UNESCO-Welterbe vor Ort.

Auch die Bewohner:innen von Fertőrákos, dem betroffenen Ort am Neusiedler See, sprechen sich gegen das Bauprojekt aus, bisher erfolglos. In einer Umfrage des ungarischen Závecz-Instituts im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace wurden 1.000 Ungar:innen dazu befragt. Dabei sprachen sich 91 Prozent für den Schutz des Neusiedler Sees aus und lehnten prinzipiell umweltzerstörende Investitionen an ungarischen Seen ab, neben dem Plattensee eben auch dem kleinen Anteil am Neusiedlersee. Nicht zuletzt wegen der Bedrohung bereits gefährdeter und EU-rechtlich besonders geschützter Tier- und Pflanzenarten hat Greenpeace eine Petition ins Leben gerufen, gerichtet an Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) und den ungarischen Botschafter in Österreich, Andor Nagy. Darin wird ein sofortiger Baustopp des Megaprojekts und ein Ende der schrittweisen Verbauung des Ufers des Neusiedler Sees gefordert. Ein löbliches Anliegen, das auch schon von mehreren Protestaktionen begleitet wurde, sowohl direkt in Fertőrákos als auch in Wien vor dem Haus der Europäischen Union.

Auch in Österreich wurde das Ufer des Neusiedler Sees verbaut

Wofür Greenpeace nun nichts kann, was aber die Verbauung des Uferbereichs mit seinem wertvollen Schilfgürtel anbelangt: Österreich sollte den Ball ein bisschen flach halten. Nicht nur, dass in Fertőrákos natürlich auch heimische Baufirmen Geschäfte machen, und zwar gute. Man muss sich nur ansehen, was im Laufe der letzten Jahrzehnte an Hotels, Campingplätzen, Yachtclubs, Tennis- und Parkplätze errichtet wurden und noch immer gebaut werden. Ein Blick nach Podersdorf, Illmitz, Rust, Neusiedl am See und die Operettenhochburg Mörbisch genügt. Das heißt freilich noch lange nicht, dass man die Entwicklung in Ungarn gutheißen soll. Schließlich verstößt das Projekt gegen mehrere Naturschutzbestimmungen, darunter die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und die Vogelschutzrichtlinie der EU. Aber: Von den 320 Quadratkilometern Wasserfläche liegen 230 in Österreich und lediglich 90 in Ungarn. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten.

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