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„Die landschaftlichen Verhältnisse sprechen gegen den Einsatz“: Die Stadtseilbahn für Wien ist eine gewagte Idee

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Von: Christian Kisler

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Montage: Kirche am Steinhof von Otto Wagner, die Stadtseilbahn in Barcelona
Gehte s nach den NEOS, soll zur Otto-Wagner-Kirche künftig eine Stadtseilbahn führen, wie es sie etwa in Barcelona gibt. © Karl Schöndorfer/Stefan Puchner/dpa/APA-PictureDesk

Eine Fahrt mit einer Seilbahn kennst du wahrscheinlich nur vom Skiurlaub. In manchen Städten wie Köln, Barcelona oder Moskau ist aber längst Realität, was sich die NEOS für Wien wünschen: eine Stadtseilbahn. Wie aussichtsreich ist das?

Zugegeben: Willst du die Kirche am Steinhof von Otto Wagner und das umliegende Areal besuchen - und glaube mir, das willst du -, dann musst du dich in der Regel auf einen weiten Anfahrtsweg gefasst machen. Es sei denn, du wohnst in unmittelbarer Umgebung des Gebiets im 14. Wiener Gemeindebezirks, Penzing. Die Anbindung ist in der Tat nicht die Beste. Fährst du nicht mit dem Auto, wovon ich aus Parkplatz-, aber auch aus Klimaschutzgründen ohnehin abrate, steht dir eine lange, lange Fahrt mit einem Bus bevor, entweder der Linie 47A oder 48A.

An einem Sonntag kann man das ja gerne auf sich nehmen. Wenn sich aber ab 2025 tagtäglich an die 2.000 Student:innen dort tummeln, um die von Favoriten nach Penzing übersiedelte Central European University (CEU) zu besuchen, dann wird es ungemütlich. Da würde auch eine Verlängerung der U4 nach Auhof wenig helfen. Klar ist, dass die Steinhofgründe erhalten bleiben müssen, dafür hat sich auch jene Partei eingesetzt, die seit Herbst 2020 mit der SPÖ in der Wiener Stadtregierung sitzt: die NEOS.

Eine Wiener Stadtseilbahn soll als als Ergänzung zum öffentlichen Verkehr dienen

Der Junior-Partner der rot-pinken Koalition beharrte aber auch darauf, dass Folgendes im SPÖ-NEOS-Koalitionspakt festgehalten wird: die Prüfung einer Stadtseilbahn von Hütteldorf durch das besagte Otto-Wagner-Areal bis nach Ottakring - „als Ergänzung zum öffentlichen Verkehr“, wie es in dem Papier steht. Seilbahnen kennt man in Österreich ja sonst nur aus dem alpinen Raum, um auf einen Berg zu gelangen und dann mit Ski, Snowboards oder anderen Untersetzen wieder talwärts zu sausen. Die Wiener Stadtseilbahn soll aber betont an die Öffis angebunden werden. Dann fährst du zu Uni, Schule oder Arbeitsplatz nicht nur mit Bus, Bim und U-Bahn, sondern auch mit der Seilbahn. Schräg, aber immerhin umweltfreundlich.

Karte mit dem Streckenverlauf der von den NEOS gewünschten Stadtseilbahn
Die Streckenführung für die von den NEOS gewünschten Stadtseilbahn © NEOS Wien

Wären da nicht die Kosten. Die NEOS haben sie in Höhe von 55 bis 70 Millionen Euro errechnet, was immer noch günstiger wäre als die Errichtung einer U-Bahn-Linie. Was dabei außer Acht gelassen wird: Irgendjemand muss eine Seilbahnanlage im Bedarfsfall ja errichten und betreiben. Dazu fehlt den Wiener Linien sowohl das Know-how als auch das Personal. Und das ist in den Berechnungen der NEOS nicht enthalten.

Seilbahnen eigenen sich am besten als direkte Punkt-zu-Punkt-Verbindung, weiß der Experte

Michael Schwendinger vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) ist ebenfalls skeptisch: „Seilbahnen als urbane Verkehrsmittel sind dann eine sinnvolle Ergänzung, wenn Hindernisse wie Hügel, Täler oder Flüsse zu überwinden sind“, so Schwendinger. „Gut eignen sich Seilbahnen als direkte Punkt-zu-Punkt-Verbindung. Generell sprechen die landschaftlichen und städtebaulichen Verhältnisse in Österreich aber nicht für einen großflächigen Einsatz von Seilbahnen im Öffentlichen Verkehr.“ Die Themen Flexibilität und zukünftige Entwicklung einer Stadt spielen auch eine Rolle. „Zumal bei Straßenbahnen und Bussen Haltestellen einfacher an den wechselnden Bedarf angepasst werden können“, erklärt Schwendinger. Gegen eine Prüfung spricht sich der VCÖ freilich nicht aus.

Fans der Lösung mögen einwerfen, dass es auch in anderen Städten Europas Seilbahnen gibt, etwa Köln, Barcelona, Lissabon, London oder demnächst Moskau. Allerdings wurden die meisten zu Anlässen wie Olympischen Spielen, Weltausstellungen oder Gartenschauen gebaut, verbinden nur kurze Strecken oder führen auf einen Berg und werden so gut wie nie durch Wohngebiet geführt. Oft dienen sie als Tourist:innenattraktionen und sind nicht ins restliche öffentliche Verkehrsnetz eingegliedert.

Die Machbarkeitsstudie für Wien wird noch heuer in Auftrag gegeben

Anders die Situation in einigen mittel- und südamerikanischen Ländern. Hier wurden Stadtseilbahnen errichtet, weil die dicht an Berghängen angelegten Favelas, die Elendsviertel, keine andere Transportmöglichkeiten zulassen, etwa in Rio de Janeiro oder Mexiko-Stadt.

Die Machbarkeitsstudie für Wien soll jedenfalls heuer noch in Auftrag gegeben werden. Nicht untersucht wird dabei allerdings der im Herbst eingebrachte Vorschlag von NEOS-Verkehrssprecherin Bettina Emmerling, statt des Lobautunnels mittels Seilbahn die Donau zu queren. Auch in anderen österreichischen Städten liebäugelt man mit Stadtseilbahnen, in Graz, Linz und neuerdings in Innsbruck. Aber das ist tatsächlich Zukunftsmusik.

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