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Das größte Kreuzfahrtschiff der Welt wird vom Stapel gelassen - zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt

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Von: Christian Kisler

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„Wonder of the Seas“, das größte Kreuzfahrtschiff der Welt
Die „Wonder of the Seas“ ist das größte Kreuzfahrtschiff der Welt und macht entsprechend viel Dreck. © Denis Thaust/ZUMA Wire/IMAGO/BuzzFeed Austria

Mit der „Wonder of the Seas“ sticht 2022 das größte Kreuzfahrtschiff der Welt in See, inklusive Wasserpark, eigenem Garten mit mehreren Bäumen und Platz für fast 7.000 Passagiere. In Anbetracht der Klimakrise stellt sich nur die Frage: wozu das alles? Hier sind meine 2Cents dazu:

Allein der Rumpf ist 64 Meter breit. In dessen Mitte befindet sich der „Central Park“, eine nach dem Park in New York City benannte Grünanlage mit 20.000 Pflanzen und Bäumen. Insgesamt gibt es acht Grätzl, wie in einer Kleinstadt, dazu ein Freilufttheater Aqua Theater, eine zehnstöckige Wasserrutsche, eine Kletterwand und Surf-Simulatoren. Wovon rede ich? Tatsächlich von einem Boot, dem größten Kreuzfahrtschiff der Welt, der „Wonder of the Seas“. Ein Ungetüm mit Platz für fast 7.000 Passagier:innen, das zu einer Zeit vom Stapel gelassen wird, in der Schiffe dieser Art weltweit als Dreckschleudern in der Kritik stehen.

Dabei gehört es zu den größten Freuden des irdischen Daseins, andere Länder zu bereisen, neue Kulturen, Bauten, Landschaften, Menschen kennenzulernen. Oftmals ist der Weg bereits das Ziel, die Reise an sich ein großes Abenteuer, etwas, das man für sich selbst nie wieder vergisst und wovon man erzählen kann. Die Wahl des Transportmittels ist allerdings mittlerweile eine Gewissensfrage, willst du zur Klimakrise nicht noch mehr beitragen und damit dazu, dass etwa Afrika komplett austrocknet.

Reisen erfordert Zeit und Planung

Mit der Bahn fahren ist eine feine Sache, wenn du nicht etwa Südamerika oder Asien besuchen willst. Neuseeland und Australien scheiden derzeit ohnehin aus, hier kommt COVID-19 sei Dank kaum wer rein oder raus. Aber auch hier müsstest du wohl in ein Flugzeug steigen. Du könntest zwar die Reise mit Bahn und Segelschiff antreten, das ist aber an drei Dinge gebunden: jahrelanger Planung im Vorfeld, Unmengen an Geld sowie unfassbar viel Zeit. Sonst geht dein Jahresurlaub allein für An- und Abreise drauf.

Etwas, dessen Reiz sich mir noch nie erschlossen hat, und hier schließt sich der Kreis zum Einstieg: Kreuzfahrten. Ich liebe das Meer und ich werde auch nicht seekrank. Aber auf einem schwimmenden Hotel von einer Hafenstadt zur nächsten kutschiert zu werden, dort innerhalb weniger Stunden möglichst viele Fotos zu schießen und überteuerten für Tourist:innen gedachten Kram zu erwerben, das ist nicht meine Vorstellung von Spaß. Speisen immer nur an Bord, sich freuen wie ein Schnitzel, wenn der schicke Kapitän wie im „Traumschiff“ vorbeischaut und in einer Koje mit Bullauge zu übernachten? Nein danke. Und da hab ich mit den klima- und umweltfeindlichen Aspekten der Unternehmung gar nicht angefangen.

Kreuzfahrtschiffe sind schwimmende Kleinstädte und machen entsprechend viel Dreck

Kreuzfahrtschiffe sind schwimmende Hotels, nein, Kleinstädte. So hoch ist auch ihr Energieverbrauch, vor allem in Sachen CO2. Betrieben werden sie vor allem mit billigem und damit besonders günstigem Treibstoff, sei es Flüssigerdgas oder Schweröl, das am häufigsten eingesetzt wird. Kreuzfahrtschiffe fahren mehrheitlich mit Schweröl und verbrauchen davon täglich im Schnitt 150 Tonnen. Dieses ist Gift für Gesundheit und Umwelt, an Land ist es tatsächlich verboten. Es enthält 3.500-mal mehr Schwefel als in auf Europas Straßen für PKW zugelassenen Treibstoffen erlaubt wäre.

Allgemein stößt ein einziges durchschnittliches Kreuzfahrtschiff pro Tag etwa so viel CO2 wie fast 84.000 Autos, so viel Stickoxide wie etwa 421.00 Autos, so viel Feinstaub wie etwa über 1 Million Autos und so viel Schwefeldioxid wie gut 376 Millionen Auto aus. Dabei verbringen sie 40 Prozent der Zeit in Häfen, müssen dabei aber am Laufen gehalten werden: Motor, Klimaanlage, Restaurants, Kühlanlagen, Kinderspielplätzen, Kinos, weiß der Geier was. Und verbrauchen in Summe eben soviel Energie wie eine Kleinstadt.

Eine Kreuzfahrt rechnet sich nur für die Betreiber:innen

Auch wirtschaftlich zahlt sich eine Kreuzfahrt nur für die jeweiligen Betreiber:innen aus. Bei einem herkömmlichen Städtebesuch isst und übernachtet man in der jeweiligen Stadt. Fährt man mit einem Schiff in der Größe eines mehr als zehnstöckigen Hotels ein, ist das nicht nur für den dortigen Hafen und die umliegende Bausubstanz ein Graus. Auch die örtliche Wirtschaft hat mehr Schaden als Nutzen von dem Besuch. Die Tourist:innen fallen zwar in die Orte ein, konsumieren aber in der Regel nichts. Gespeist und geschlafen wird ja am Schiff.

Die Reederei Royal Caribbean International hat ankündigt, dass ihre „Wonders of the Sea“ pandemiebedingt zwar doch nicht den asiatischen Seeraum unsicher machen wird, sondern von Florida aus in der Karibik herumkrebsen wird. Wenn dann verlautbart wird, dass das größte Kreuzfahrtschiff der Welt danach sein Fahrtgebiet wechseln wird, um im Mittelmeer sein Unwesen zu treiben, dann klingt das wie eine Drohung. Da mach ich lieber Urlaub daheim und fahr mit Zug und Rad an den Neusiedlersee oder so. Wenn der im Sommer 2022 noch nicht gänzlich ausgetrocknet ist.

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