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„Der sozialsten Form von Mobilität wird am wenigsten Platz eingeräumt“: In Wien sind viele Gehsteige zu schmal

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Von: Christian Kisler

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Montage: Ein sehr schmaler Gehsteig mit Auto, ein Fußgänger mit zwei Hunden
In Wien sind viele Gehsteige zu schmal. Dabei sollten sie mindestens zwei Meter breit sein. © VCÖ/Alex HaladaAPA-PictureDesk/BuzzFeed Austria

Nicht nur in Wien sind in manchen Bezirken mehr als die Hälfte der Gehsteige viel zu schmal. Das ist für Menschen mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl ein Riesenproblem, beeinträchtigt aber auch dich und mich.

In die Situation bist bestimmt auch du schon einmal gekommen. Du spazierst einen Fußgänger:innenweg entlang, dir kommt eine Person mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl entgegen. Willst du nicht frontal mit ihr zusammenkrachen, bleibt dir nichts anderes übrig, als auf die Straße zu hüpfen. Oder, anderes Beispiel, du bist mit einem großen Koffer zum Bahnhof unterwegs. Allerdings versperrt dir ein - wohlgemerkt rechtmäßig - auf dem Gehsteig geparktes Auto den Weg. Was musst du machen? Genau? Auf die Straße ausweichen. In einer Großstadt wie Wien kein ungefährliches Unterfangen.

Gehsteige müssen eigentlich mindestens zwei Meter breit sein

Was haben diese tendenziell für Leib und Leben gefährlichen Situationen gemein? Sie entstehen, weil Gehsteige zu schmal sind. Das bedeutet, dass sie die gesetzlich eigentlich vorgeschriebene Breite von zwei Metern Breite zum Teil deutlich unterschreiten. Man sollte meinen, das ist eigentlich kein großes Ding. Ist es doch. Weil es zu den oben genannten Situationen kommen kann und nicht nur du, sondern auch besagte Menschen mit Menschen, die mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl unterwegs sind, mitunter auf die Straße ausweichen müssen. Oder dass Kinder auf dem Weg in die Schule und zurück nicht nebeneinander gehen können. Vielmehr müssen sie hintereinander trotten.

Wie konnte es dazu kommen? „Gehsteige sind zu schmal, weil viele Jahrzehnte lang die ‚autogerechte Stadt‘ im Fokus der Verkehrsplanung stand“, erklärt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) gegenüber BuzzFeed Austria. „Das Ergebnis: Auf vielen Straßen wird selbst abgestellten Autos mehr Platz gegeben als den Menschen, die zu Fuß unterwegs sind. Ausgerechnet der gesündesten, klimafreundlichsten, kostengünstigsten und sozialsten Form der Mobilität wird am wenigsten Platz eingeräumt.“ Zusätzlich erschwert wird das Vorwärtskommen auf zwei Beinen durch Mistkübel oder Verkehrsschilder, die zwar den Auto-Verkehr betreffen und nicht die Fußgänger:innen, aber trotzdem am Gehsteig stehen. Und durch auf dem Gehweg geparkte Fahrzeuge, das hatten wir schon eingangs.

Im 23. Bezirk sind mehr als 60 Prozent der Gehsteige zu schmal

In Summe ist ein Drittel der Gehsteige in Wien zu schmal. Spitzenreiter sind der 23. Bezirk mit mehr als 60 Prozent, der 13. Bezirk mit über 50 Prozent und der 14. Bezirk rund die Hälfte. Aber nicht nur der Westen Wiens ist besonders fußgänger:innenfeindlich, im 18. und im 22. Bezirk sind über 40 Prozent der Gehwege zu eng. Einzig im 20. Bezirk sind weniger als zehn Prozent der Fußgänger:innenwege zu schmal. „Aber auch außerhalb Wiens ist das Problem ein großes. Auch in den Regionen, wo vielerorts beispielsweise sichere Gehwege von Siedlungen zum nächstgelegenen Ort fehlen, oder auch zu Bushaltestellen“, so Gratzer. Zu so mancher Busstation im ländlichen Raum gibt es bestenfalls Trampelpfade. Ansonsten muss man mitten auf der Landstraße auf den nächsten Bus warten.

Abgesehen, dass es gesund ist, zu Fuß zu gehen, darf der soziale Faktor nicht außer Acht gelassen werden. Wo sonst läuft man sich buchstäblich über den Weg als auf dem Gehsteig? Eben. Dazu kommt noch die Klimakrise, die es erfordert, Gassen und Straßen mit Schatten spendenden Bäumen, Sitzgelegenheiten und Trinkgelegenheiten zu versehen. Das soll in den sogenannten Supergrätzln, etwa im 10. Bezirk, bald Standard sein. Bis dahin gibt es aber noch einiges zu tun. „In vielen Straßen gibt es keine Bäume, sondern parkende Autos“, sagt VCÖ-Experte Gratzer. „An heißen Tagen entsteht hier ein Hitzestau, neben dem Asphalt und den Hausfassaden erhitzt sich auch das Blech der Autos extrem. Ältere Menschen oder Menschen mit Gesundheitsproblemen können auf solchen Straßen dann nicht gehen, sie werden in ihrer Mobilität eingeschränkt.“

Wiener Fußgänger:innen legen mehr Alltagswege zu Fuß zurück als mit dem Auto

Dabei sind die Wiener:innen sehr fleißige Fußgänger:innen, so Gratzer: „Kinder und ältere Menschen sind jene Bevölkerungsgruppen, die am häufigsten ihre Alltagswege zu Fuß zurücklegen. Und: Die Wiener Bevölkerung legt mehr Alltagswege zu Fuß zurück als mit dem Auto.“ 2020 lag der Anteil mit Autos zurückgelegter Strecken im Alltag bei 27 Prozent, Fußgänger:innen kamen auf 37 Prozent. Übrigens: In Wien gibt es über 470.000 Pkw-Abstellplätze im öffentlichen Straßenraum. Zum Vergleich: In der 2,2 Millionen Einwohner:innenstadt Paris sind es lediglich 134.000. Und die sollen bis zum Jahr 2025 um fast 70.000 auf die Hälfte reduziert werden.

Wie kann man die Lage nun in den Griff bekommen? Der VCÖ hofft über die mit März 2022 neu aufgestellte öffentliche Parkraumbewirtschaftung, aufgrund derer für jedes Auto in jedem Bezirk ein Parkpickerl benötigt wird. „Durch die flächendeckende Parkraumbewirtschaftung braucht es weniger Pkw-Parkplätze“ sagt Christian Gratzer voraus. „Zudem gibt es auch in Garagen noch viele freie Plätze. Damit wird Platz frei, der für breitere Gehsteige, aber auch für mehr Bäume, mehr Grünflächen im Straßenraum und mehr Platz zum Radfahren zu nutzen ist. Ohne Parkraumbewirtschaftung stehen Autos gratis auf öffentlichen Flächen, gleichzeitig sind Garagen leer.“ Beides ist letztlich verschenkter Raum, den du und ich und alle, die zu Fuß unterwegs sind, gut gebrauchen können.

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