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Die Wiener Nachhilfefirma GoStudent behandelt Tutor:innen „wie Maschinen“: Ein Ex-Nachhilfelehrer packt aus

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Von: Sophie Marie Unger

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Ein Lehrender in einem Zoom-Call und das GoStudent-Logo.
Die Nachhilfeplattform GoStudent ist heftiger Kritik ausgesetzt. © Unsplash/Logo GoStudent

Das jüngst gefeierte Nachhilfe-Start-up GoStudent ist mit Vorwürfen konfrontiert. Zahlreiche Tutor:innen beklagen schlechte Arbeitsbedingungen.

Nach der Puls 4-Sendung „2 Minuten 2 Millionen“ ging es für die Wiener Onlinenachhilfefirma GoStudent steil bergauf. Die von Felix Ohswald und Gregor Müller gegründete Plattform hat weltweit über 19.000 Nachilfelehrer:innen, die freiberuflich arbeiten. Das Start-up sammelte bisher knapp 600 Millionen Euro an Investments und wurde zuletzt mit drei Milliarden Euro bewertet. Auch in die USA ist man vor Kurzem expandiert. Der übermäßige Erfolg soll jedoch vor allem durch schlechte Arbeitsbedingungen und massenhaft Druck auf die Lehrpersonen zustande gekommen sein. BuzzFeed Austria hat mit einem Ex-Tutor von GoStudent gesprochen.

Das sind die Vorwürfe

In einer Onlinepetition macht das (Ex-)Lehrpersonal derzeit auf die schlechten Arbeitsbedingungen der Onlinenachhilfeplattform aufmerksam. Darin bekritteln zahlreiche (Ex-)Tutor:innen etwa, die unfaire und unpünktliche Bezahlung, die extrem schwere Erreichbarkeit des technischen Supports und die nicht fristgerechte Bearbeitung von Kündigungen. 337 Personen haben die Petition bereits unterzeichnet. Ein Punkt, der nicht ganz so stark an die Oberfläche gelangt, wird in direkten Gesprächen mit den Lehrpersonen aber umso deutlich: der massive Druck, der wohl auf Lehrpersonen ausgewirkt wird.

„Ich fühlte mich extrem unter Druck gesetzt“

Ein Ex-Tutor, der aus Sorge vor Konsequenzen nicht genannt werden möchte, beschreibt seine Zeit bei GoStundent als „regelrechte Qual“. Fünf Monate lang war er bei der Online-Plattform als Mathematik-Tutor tätig. „Es waren nicht die Schüler:innen, die mir den Spaß am Unterrichten genommen haben, sondern die Plattform selbst“, berichtet er.

Obwohl es laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) keine rechtliche Verpflichtung dazu gibt, Schüler:innen anzunehmen, wurde mehrmals täglich mit Nachdruck angefragt. „Ich habe bereits öfters abgelehnt, trotzdem wollte man mir ständig neue Schüler:innen andrehen - ich musste die Nummer blockieren, damit ich in Ruhe gelassen werde“, schildert er. Man merke einfach, dass nur Profit im Vordergrund stehen und Lehrpersonen als Mittel zum Zweck gesehen werden würden. „Man wird hier behandelt wie eine Maschine und muss sich rechtfertigen, warum man mehr Zeit mit einem einzigen Schüler braucht - ich fühlte mich extrem unter Druck gesetzt.“

Ähnliche Statements auch von anderen

Diese Vorwürfe werden auch durch andere Statements untermauert. In einem Interview mit der Tageszeitung „Der Standard“ erzählt eine andere Tutorin: „Sie werben dauernd neue Kunden an, obwohl es nicht genügend Tutoren gibt.“ Der Druck sei groß, sage man nein, bekomme man das zu spüren. Zudem hätte man ihr gesagt, sie dürfe nirgends anders Nachhilfe geben. Vertragliche Basis gibt es in den AGB auch dazu keine. Eine andere ehemalige Tutorin bringt ihre Verzweiflung gegenüber dem „Standard“ zum Ausdruck: „Hauptsache, weg, es war unerträglich.“

Gespräche mit GoStudent blieben zunächst erfolglos

Nach Einreichung der Petition im Jänner 2022 hätte das Unternehmen zum ersten Mal zugehört, obwohl schon zuvor versucht wurde, jene Probleme anzusprechen, hieß es vonseiten der Lehrenden. Man hatte gemeinsam in einer WhatsApp-Gruppe beispielsweise Kritik und Verbesserungsvorschläge gesammelt, doch dieser Hilfeschrei wurde sofort „abgewürgt“. Ein aufklärendes Gespräch zur Petition via Zoom brachte bislang nichts.

Stellungnahme von GoStudent

Hinsichtlich der jüngsten Anschuldigungen entgegnete GoStudent gegenüber dem „Standard“, dass Tutor:innen ihre Dienste selbstständig über die Plattform anbieten, man fungiere lediglich als Vermittler. Das Gehalt käme somit von den Kund:innen. Es gebe aber eine Auszahlungsfrist von fünf Tagen, um auf Anpassungen zu reagieren und internationale Auszahlungsprozesse zu koordinieren - deshalb eventuelle Verspätungen. Das Unternehmen bestätigte jedoch die „Herausforderungen“ wegen der gestiegenen Nachfrage und wolle die Vorwürfe ernst nehmen.

Mit heftiger Kritik muss sich auch Österreichs Bildungsminister Polaschek auseinandersetzen. Corona-Boni sollen nur Direktor:innen, nicht aber die Lehrkräfte erhalten.

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